am 10. Oktober 1994 .PP Ich zoegere vor dem Beschlusz mein Peer Review Project nun endlich einzuleiten. (launch) Alle taktischen Vorwaende, die zur Verzoegerung dienten, sind beseitigt.. Die erforderlichen Fax und CD-rom Anlagen habe ich eingebaut; die funktionieren. Die eventuelle Begruendung einer Nachrichtengruppe im Internet habe ich durchdacht und vorlaeufig jedenfalls abgelehnt, wegen einer wahrscheinlich zu geringen Leserschaft. Nun bedarf es nur der Reklame, die ich mir ausgedacht habe, um meine Plaene auf die Probe zu stellen. Habe ich vielleicht Besorgnis, sie moechten versagen? Sollte ich, eh ich mich festlege, die Business School Bibliothek besuchen um dort mein Vorhaben zu pruefen? Schlaegt mein Unternehmen fehl, habe ich nur wenig, geringes Geld, und einige Muehe, verausgabt. War aber wuerde wenn es erfolgreich waere? Waere nicht dann die ganze, oder fast die ganze mir noch bleibende Zukunft an Bemuehungen gekettet, die mir nichts einbringen als Geld, von dem ich schon jetzt mehr besitze als zum Seelenwohl foerderlich ist. Damit beschaffte ich mir nur Sorgen um die Erbschaftssteuer. Und ob es wuenschenswert waere, dasz Rebekah, Nathaniel und Benjamin einst noch groeszeren Reichtum, als ihnen jetzt schon in Aussicht steht, ererbten, weisz ich nicht. .PP In jeder Lebenslage, scheint mir, fuehlt der Mensch sich gedrungen Hindernisse zu ueberwinden. Die Anforderung begeistert und belebt ihn, setzt ihm ein Ziel und verleiht seinem Leben einen jedenfalls scheinbaren Zweck. Fuer die Mehrzahl der Menschen besteht dies Bestreben in dem Erreichen eines buergerlichen Wohlstands, vor allem an irdischen "aeuszerlichen" Mitteln gemessen. Das Ererben oder Geschenktbekommen betraechtlicher Geldsummen moechte den Empfaenger des Reizes solcher Anforderung berauben, demzufolge er sich ziellos und traege auf dem Meer des Gesellschaftslebens treiben liesze; und in der Folge verkuemmerte und verkaeme. .PP Das Vorhergehende lese ich als einen kleinlichen engen Beschlusz, welcher den Empfaenger und sein Entwicklungsbeduerfnis um manches zu gering schaetzt, und mutwillig uebersieht, wie oft das Leben durch Geldnot beeintraechtigt wird. Da sollte es zwischen dem zuwenig und zuviel Erben ein gueldnes Masz geben, welches aber kaum auffindbar ist, da es von den heute noch unerkennbaren Eigenschaften der kuenftigen Empfaenger abhaengt. Somit erweist sich jede Handlungsweise als die rechte, oder dem Pessimisten, als die falsche. .PP Der Schriftstil, die Orthographie, die Grammatik, sie alle sind Vertreter der Gesellschaftsordnung. Genau sprechen oder schreiben wie, sich in seinen Worten, Saetzen und Gedanken dem gewohnten herkoemmlichen zu fuegen bedeutet sich in eine Gesellschaft einzufuegen, sich anzupassen, und in ihr als Mitglied zu wirken. .PP Bemerkenswert fuer das Menschsein, ist dasz die Gesellschaft mit welcher man sich mittels der Schrift vergliedert eine durchaus geistige ist und bleiben mag. Die Unterscheidung zwischen der Stellung des Schreibenden und des Lesenden ist hier belanglos, und keineswegs in unmittelbarerer Naehe, weder zeitlich noch raeumlich, zu existieren braucht. Es ist bekanntlich durchaus moeglich sich mit einer klassischen, laengst verschollenen Gesellschaft geistig zu verbinden. Das war von jeher das Bestreben der klassischen Philologen, und ganz im allgemeinen schafft die Verbindung durch das geschriebene Wort zugleich Bindung und Freiheit. Es erfuellt in hohem Masze die Bedingungen der Gesellschaftszugehoerigkeit, ohne jedoch den Einzelnen der bedrueckenden (oppressive) Beengung durch die Gesellschaft auszusetzen. Die Schrift befriedigt (satisfies) in hohem Masze den Bedarf fuer des Einzelnen einer Gesellschaft znzugehoeren, und von ihr abhaengig zu sein, ohne die beengende, bedrueckende Einschraenkung welche die Vergesellschaftung ihm sonst aufbuerdet. Daher erweckt das Lesen, nicht minder als das Schreiben, ein maechtiges Bewusztsein der Freiheit. .PP Diese befreiende Eigenschaft des Schrifttums, des Lesens und des Schreibens, erklaert letztlich auch ihre bedeutende Rolle in den protestantischen Bekenntnissen, wo sie dazu dient, den Menschen von seiner gesellschaftlichen Umwelt abzuloesen, in gegebenem Falle von der Kirche, indem das Schrifttum ihm eine unmittelbare Bruecke zu der Vorstellung eines universellen, allgemeinen, alles umfassenden und durchdringenden Bewusztseins, als Weltspiegel des eigenen Bewusztseins bietet. Diese Vorstellung nennt er Gott. Dasz er hinterher mit seiner Entdeckung den groebsten Unsinn treibt, laeszt weder deren subjektive Notwendigkeit noch ihre objektive Gueltigkeit unbeeintraechtigt. Demgemaesz entspringt Religion immer wieder aus der Bedingung und unbewuszten Forderung, die Welt solle vernuenftig, und so dem menschlichen Gemuet ertraeglich werden. .PP Gott existiert, ist objektiv gueltig, als subjektive Notwendigkeit. Meine Freude, mein Schmerz, zum Beispiel, sind subjektive Gefuehle. Von anderen vermoegen sie nicht erlebt zu werden, und in diesem Sinne existieren sie fuer andere nicht. Andere aber erkennen wie Freude und Schmerz mich bewegen: und insofern meine Freude und mein Schmerz mich bewegen, bekommen diese subjektiven Gefuehle auch fuer sie eine objektive Gueltigkeit. Sie verstehen es nur zu wohl, zum Beispiel, dasz wenn ich Migraene habe, auf mein Rechnen kein Verlasz ist. Damit erkennen sie deren Wirksamkeit. In diesem Sinne muessen meine Freude und mein Schmerz, meine Migraene, meine Trunkenheit, von anderen wenn gleich nicht miterlebt, so doch anerkannt werden. Es ist die bedeutende Entdeckung der Mystik, die Existenz Gottes mit der Existenz des eigenen Denkens, bezw. Fuehlens gleich zu setzen. Gott ist nicht mehr oder minder wirklich als Schmerz und Freude. Unmoeglich aber ist es deinen Gott mit meinem gleichzusetzen. Genau das ist der Anspruch der Kirche welche den Anstosz erweckt. .PP Wenn der Atheist, der Unglaeubige sagt, ich empfinde keinen Schmerz, so hat er recht; denn ueber sein Gefuehl kann jeder nur selbst urteilen. Sagt er aber, "Es gibt keinen Schmerz." so hat er recht nur insofern es keinen allegmeinen objektiven Schmerz gibt, insofern eines jeden Menschen Schmerz sein eigener und innerlicher ist. Von dem ich behaupte, dasz er in seiner Art nichtsdestoweniger wirklich ist. .PP Es ist tunlich diese Deutung zu verallgemeinern. Der Positivist sagt, nur nur jene Sprache is sinnvoll, welche ausdrueckt, was zu Protokoll gegeben werden kann. Das aber ist, was auszerhalb den Menschen ist, auf was sie alle in gleicher Weise mit dem Finger zu zeigen vermoegen. Damit setzt der Positivist alle Menschen einander gleich, nimmt jedem sein inneres Eigentum, und laeszt keinem sein Geheimnis; oder belaechelt es vielleicht als etwas Unwesentliches, dem es unklug ist Beachtung zu schenken, weil er zur Zeit kein Zahnweh hat. Bei dessen Eintritt jedoch wuerde sich seine Haltung aendern. .PP Der Einzelne lebt in bestaendiger dynamischer Verbindung (exchange) mit einer Gesellschaftswelt. Er ist von dieser Welt abhaengig, nicht nur fuer Nahrung, Behausung und Bekeidung, sondern auch geistig-seelisch, fuer gesellschaftlichen Verkehr, Sprache, Geist, Lebenssinn und Inhalt. .PP Der Streit mit dieser Welt erweckt das Bestreben unabhaengig von ihr zu werden, als wichtiger Bestandteil des Einzelnen Reaktion auf sie. Denn unverkennbar ist die Tatsache, dasz sie ihm in vieler Hinsicht nicht genuegt, dasz sie ihn enttaeuscht und schmerzt. Dasz er sich letztlich doch nicht in ihr zu Hause fuehlt. Diese Entfremdung von der Gesellschaft, scheint mir, ist eine unverkennbare Eigenschaft der menschen, welche im einen staerker, im naechsten fast garnicht erkennbar ist. Den einen zu Grunde richtet, den anderen unberuehrt laeszt. Nicht anders als so manche Beschaffenheit des Koerpers. ============= .PP Verstehen in doppeltem Sinn. Erstens, im positiven Sinne, die Faehigkeit und Fertigkeit im Jonglieren der Symbole. Die Kenntis der Zusammenhaenge, welche ihn befaehigt Worter, Saetze, mathematische Formeln, zu deuten, zu erklaeren, sich nach ihnen zu richten, sich von ihnen Auskuenfte geben zu lassen. Zweitens als Vermittlung zwischen dem inneren Erleben und dessen auswendigen Kundgebungen, an sich selbst, und in ganz anderer Weise, bei anderen. In diesem zweiten Sinne, ist das Verstehen die Offenbarung und Bestaetigung der Inwendigkeit, des inneren Lebens. .PP Verstehen im ersten Sinn ist die Leugnung des Innen zu gunsten der Auszenwelt. das sich opfern und einfuegen in eine begriffliche Apparatur die Wissenschaft heiszt; nichts denken, und das heiszt am Ende, nichts fuehlen, als was in der Wissenschaft erlaubt ist. Oder vielleicht, mit Vorbehalt, ironisch nur dieser Wissenschaft zu dienen, in dem Wissen, dasz sie einen wesentlichen Teil des eigenen Lebens verleugnet. Verstehen im zweiten Sinn ist ein vermitteln zwischen Innen und Auszen. ein wiegen und waegen der Eindruecke und Einbildungen indessen man versucht mit der Widerspruechlichkeit unseres menschlichen Erlebens zu rande zu kommen.