am 1. Oktober 1994 .sp Lieber Helmut, .PP .fi .na Du wirst mich entschuldigen, wenn ich Deinen Brief umgehend beantworte. Es bedeutet alles andere als Geringschaetzung. Im Gegenteil, weil mich sein Inhalt lebhaft beschaeftigt, moechte ich ihn beantwortet haben, eh sich der unmittelbarer Eindruck verfluechtigt hat. .PP Ich machte mir, aus Gruenden ueber welche ich mir selbst nicht im klaren bin, Sorgen um Dein Wohlergehen, unbegruendete Sorgen hoffentlich, und allenfalls ungehoerige, ein unberechtigtes Zudringen das ich dennoch bekennen musz. Dein Brief versicherte mich, dasz Du wohl bist, und fuer diese Nachricht allein bin ich Dir dankbar. .PP Die grosze Frage nach der Beziehung des Menschen zum Leben, zur Krankheit und zum Tode, welche Du aus meinem Briefe aufgreifst, laeszt sich ausdruecklich, wie mir scheint, kaum stellen, geschweige, dasz sie sich auch nur annaehernd beantworten liesze, es sei denn in der Kunst. .PP Ich besinne mich auf eine zum Teil zerstoerte aber umso eindrucksvollere Bilderreihe in der Marienkirche in Luebeck, mittels derer ein mittelalterlicher Kuenstler das Geheimnis des Todes zu ermitteln versuchte. Ich erinnere die Beschreibungen des Krankseins und des Sterbens im Malte Laurids Brigge. Seinerzeit habe ich meinen Beruf gewaehlt, obgleich ich es damals nicht haette so auszudruecken vermocht, weil ich den Ort besetzen wollte, wo das Innenleben des Menschen ins Auswendige uebergeht, und umgekehrt. Und wenn sonst mein Beruf mich in fast jeder Hinsicht enttaeuscht hat, und ich in ihm versagt habe, so betrachte ich das Verstaendnis vom menschlichen Leben, das er mir gewaehrt hat, eine hohe Gnade; womit ich zu behaupten wuensche, nicht dasz ich anderer Menschen Leben verstuende, sondern nur das eigene. Ich gedenke darueber eines Tages, wenn mir die Tage gegoennt wuerden, zwei Buecher zu schreiben, das eine Dichtung, das andere Darstellung. Bin aber noch weit entfernt, den Anfang zu machen, und moechte, dasz Du mein Bekenntnis weder als Protz nocht als Drohung empfaengst. .PP Inzwischen waren wir, Anfang September, wieder in Konnarock. Dort habe ich mich nuechternerer Arbeit unterzogen. Der Abflusztank, - auf amerikanisch "septic tank", meine Woerterbuecher verschweigen mir die treffende Uebersetzung, - zweiundvierzig Jahre lang vernachlaessigt, war voellig verstopft. Die Himmelsrichtung in welcher man ihn angelegt hatte, geschweige denn der genaue Ort, war den Gedaechtnissen aller noch lebenden Zeugen entschwunden, und die Zeichnungen von seiner Lage waren verschollen, wenn es sie ueberhapt je gegeben hatte. Also zwangen mich die Umstaende zur Archaeologie. Nach stundenlangem Graben erst mit der Schaufel, dann mit dem Kraftbagger, wurde der Tank, unter der dichten schierlingstannenen Hecke begraben, wiederentdeckt, freigelegt, gereinigt; und damit die sanitaere Ordnung hergerichtet. .nf .sp "Ihr von Mueh zu Muehe so gepeinigt, Seid getrost, nun ist das All gereinigt," .sp (West-oestlicher Divan) .fi .PP Auch an der Heizung waren Verbesserungen noetig. Die schweren Eisstuerme des vergangenen Winters hatten Elektrizitaetsausfaelle verursacht, deren zufolge die Rohre eingefroren waren, ohne jedoch zu bersten. In den kommenden Wintern dachte ich dies Risiko zu vermeiden, indem ich in den Heizungsrohren das Wasser mit Gefrierschutzfluessigkeit ersetzte. Zweihundertvierzig Liter davon schleppte ich auf den Dachboden um sie eins nach dem anderen in einem geoeffneten Heizkoerper einzutrichtern. .PP Bei all diesen praktischen Anstrengungen, kam ich kaum zum Denken, geschweige denn, dasz ich zum Schreiben gekommen waere. Aber die Besorgung des Notwendigen gibt mir dann auch eine besondere Genugtuung, welche ich bei dem Erfinden von Gedanken und Geschichten vermisse. .PP Seit unserer Rueckkehr bin ich weiter in unerwarteter Weise von Schreiben abgelenkt worden. Eh wir abreisten, hatte ich mir ein CD-rom Triebwerk fuer einen meiner Rechner besorgt, und benutzte diese Gelegenheit statt eines einfachen Schaltbrettes, auch einen Tonerzeuger in das Geraet einzubauen. Nun befand ich mich, ohne es vorausgesehen zu haben, in der Lage die Partituren, welche ich jahrelang vergeblich, weil ich zu ungeschickt bin, versucht habe auf dem Cembalo zu spielen in eine Rechnersprache zu uebertragen. Die Besetzung der verschiedenen Stimmen vermag ich dann nach Gutduenken den verschiedenen Instrumenten des Orchesters zuzuordnen, um alsbald eine etwas fremdklingende aber doch sehr klare und akkurate Wiedergabe der kompliziertesten Stuecke zu hoeren, und dabei Einzelheiten wahrzunehmen, welche ich weder im Konzertsaal und auch beim Schallplattenspiel haette zur Kenntnis nehmen koennen. So sitze ich nun wie ein Suechtiger ueber die Tastatur meines Computer gebeugt, und goenne mir immer aufs neue den Rausch noch einer weiteren Fuge. .PP Wenn der Computer schweigt, hoere ich im stillen das Lied von dem Leiermann, es ist das Schluszstueck der Winterreise, und erkenne mich in ihm: "und mit starren Fingern dreht er was er kann, barfusz auf dem Eise, wankt er hin und her, und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer." Der elektronische Rechner, denke ich, ist zur raffiniertesten aller Drehorgeln geworden, und meinen Eselsohren, jedenfalls, klingt er gar nicht zu schlecht. Dabei bin ich mir der Dummheit und der Ironie bewuszt, die in der Vermessenheit liegt, das Opfer eines ganzen Lebens in welchem sich der Kuenstler die Musik angeeignet hat, durch ein paar Stunden Taendelei mit einem elektrischen Spielzeug aufzuwiegen zu beanspruchen. .PP Die fesselnde Beschaeftigung jedoch macht es mir dann auch leichter den langsamen aber umso unverkennbareren Schwund meiner medizinischen Praxis zu verschmerzen. Es ist nicht nur mein Alter, das mir die berufliche Zukunft abgrenzt, sondern vor allem die Bestallung der Aerzte in den heutigen USA als Vertreter von Versicherungsgesellschaften denen man neuerdings, zwar nicht die Verantwortung, aber dennoch die Machtbefugnis ueber die aerztliche Taetigkeit anvertraut hat. Ich bin dankbar, dasz es mir erspart bleiben wird mich in diese Entmuendigung zu ergeben. .PP Wegen Deines Lesens des Romans erlaube mir zu wiederholen, dasz ich es ueberfluessig finde, allenfalls da Du das selbe Zeug, hoffentlich in genieszbareren Brocken, in meinen Briefen finden wirst.