Liebe Gertraud, .PP .fi .na Als wir vor drei Wochen aus Virginia zurueckkehrten, befand sich unter der angesammelten Post auch der CD-rom Katalog den Du fuer mich besorgtest. Hab vielen Dank fuer dies mir so nuetzliche Nachschlagewerk, darueber hinaus aber, dasz Du Dich meines diesbezueglichen Wunsches ueberhaupt noch erinnertest. .PP Wieder ein Sommer ist nun vorueber. Juni und Anfang Juli waren ungewoehnlich warm, selbst fuer unsere Verhaeltnisse. Der sonst so heisze August aber brachte willkommene und erfrischende Kuehle. Anfang September waren wir wieder im Sueden. Es gab allerlei interessante Reparaturen. Der Abflusztank, - auf amerikanisch "septic tank", meine Woerterbuecher verschweigen mir die treffende Uebersetzung, - zweiundvierzig Jahre lang vernachlaessigt, war voellig verstopft. Die Himmelsrichtung in welchen man ihn angelegt hatte, geschweige denn der genaue Ort, war den Gedaechtnissen aller noch lebenden Zeugen entschwunden, und die Zeichnungen von seiner Lage waren verschollen, wenn es sie ueberhaupt je gegeben hatte. Also zwangen mich die Umstaende zur Archaeologie. Nach stundenlangem Graben erst mit der Schaufel, dann mit dem Kraftbagger, wurde der Tank, unter einer dichten schierlingstannenen Hecke begraben, wiederentdeckt, freigelegt, gereinigt, und damit die sanitaere Ordnung hergerichtet. .PP Auch an der Heizung waren Verbesserungen noetig. Die schweren Eisstuerme des vergangenen Winters hatten Elektrizitaetsausfaelle verursacht, deren zufolge die Rohre eingefroren waren, ohne jedoch zu bersten. In den kommenden Wintern dachte ich dies Risiko zu vermeiden, indem ich in den Heizungsrohren das Wasser mit Gefrierschutzfluessigkeit ersetzte. Zweihundertvierzig Liter davon schleppte ich auf den Dachboden um sie eins nach dem anderen in einem geoeffneten Heizkoerper einzutrichtern. .PP Bei all diesen praktischen Anstrengungen, kam ich kaum zum Denken, geschweige denn, dasz ich zum Schreiben gekommen waere. Aber die Besorgung des Notwendigen gibt mir dann auch eine besondere Genugtuung, welche ich bei dem Erfinden von Gedanken und Geschichten vermisse. .PP Seit unserer Rueckkehr bin ich weiter in unerwarteter Weise von Schreiben abgelenkt worden. Eh wir abreisten, hatte ich mir ein CD-rom Triebwerk fuer einen meiner Rechner besorgt, und benutzte diese Gelegenheit statt eines einfachen Schaltbrettes, auch einen Tonerzeuger in das Geraet einzubauen. Nun befand ich mich, ohne es vorausgesehen zu haben, in der Lage die Partituren, welche ich jahrelang vergeblich versucht habe auf dem Cembalo zu spielen weil ich zu ungeschickt bin, in eine Rechnersprache zu uebertragen, die Besetzung der verschiedenen Stimmen nach Gutduenken anzuordnen, um alsbald eine etwas fremdklingende aber doch sehr klare und akkurate Wiedergabe der kompliziertesten Stuecke zu hoeren, und dabei Einzelheiten wahrzunehmen, welche ich weder im Konzertsaal und auch beim Schallplattenspiel haette zur Kenntnis nehmen koennen. So sitze ich nun wie ein Suechtiger ueber die Tastatur meines Computer gebeugt, und goenne mir immer aufs neue den Rausch noch einer weiteren Fuge. .PP Solch fesselnde Beschaeftigung macht es mir dann auch leichter den langsamen aber umso unverkennbareren Schwund meiner medizinischen Praxis zu verschmerzen. Es ist nicht nur mein Alter, das mir die berufliche Zukunft abgrenzt, sondern vor allem die Bestallung der Aerzte in den heutigen USA als Vertreter von Versicherungsgesellschaften denen man neuerdings, zwar nicht die Verantwortung, aber dennoch die Machtbefugnis ueber die aerztliche Taetigkeit anvertraut hat. Ich bin dankbar, dasz es mir erspart bleiben wird mich in diese Entmuendigung zu ergeben. .PP Somit waere das Wesentliche ueber unser taegliches Leben berichtet. Koerperlich geht es uns allen gut, die Kinder und Enkelkinder gedeihen, und wir sind dankbar fuer jeden sonnigen Herbsttag. Bitte gruesze Bernd, Deine Schwester und Deine Mutter von uns beiden.