am 24. August 1994 .sp Lieber Helmut, .PP Anliegend ist eine leicht redigierte Kopie eines Briefes an Dich, von dem ich vermute, dasz er erst nach Deiner Abreise, bei deiner kalifornischen Adresse eintraf. .PP Fuer deinen Abschiedsbrief hab vielen Dank. Da hast Du uns Kleinbilder Deines Aufenthalts an der Westkueste geschickt, die sich tiefer als manches sonst in mein jetzt immer mehr vergeszlich werdendes Gemuet eingegraben haben. Das morgendliche Schwimmen bei Sonnenaufgang, die ehrfurchterweckenden Riesenbaeume, der enthaltsame Besuch bei den Winzern, haben auch mein eigenes verkrampftes Dasein um ein kleines erweitert. Und die gewissenhafte Teilnahme an der eigenartigen Problematik des amerikanischen oeffentlichen Lebens, setzen meine verantwortungsleugnende Ergebung in den Lauf der Welt in ein beschaemendes Licht. .PP Tatsaechlich habe ich einen groszen Teil meines Lebens auf eigene, private Weise mit diesen Problemen gerungen, und tue es immer noch, vornehmlich in Bezug auf die "Health Care Crisis" die mich etwas frueher als ich es erwartet hatte meiner beruflichen Taetigkeit zu entheben verspricht. Ich erklaere es mir selbst, und meinen Patienten, wenn sie mich anhoeren wollen, als das Urproblem des Menschendaseins: .sp .nf .in +5 Vnd Gott der HERR sprach Sihe Adam ist worden als vnser einer vnd weis was gut vnd boese ist Nu aber das er nicht ausstrecke seine hand und breche auch von dem Bawm des Lebens vnd esse und lebe ewiglich. DA lies jn Gott der HERR aus dem garten Eden das er das Feld bawet da von er genommen ist Vnd treib Adam aus und lagert fur den garten Eden den Cherubim mit einem blossen hawenden Schwert zu bewaren den weg zu dem Bawm des Lebens. .sp .in -5 .fi .na Merkwuerdig, finde ich, wie der Unwillen der Menschen sich in die Beschraenktheit ihres koerperlichen Daseins zu fuegen, ihnen jetzt, wie einst, das Paradies verwehrt, und sie verarmen laeszt, waehrend nur dem, "der dem Tod ins Angesicht schauen kann," das Leben erblueht. .PP Mir scheint das Problem der gewalttaetigen Verbrechen welches die Debatte ueber die Gesundheitsfuersorge zeitweilen verdraengt, mit dieser in enger Beziehung; naemlich insofern als die Milliarden welche schon jahrzehntelang verschwendet werden, Sterbende um ein paar Stunden, Tage oder Wochen an sinnloses Leben zu ketten, hungrigen, verwahrlosten Kindern, die eltern- und obdachlos in den verschmutzten Gassen lungern, entzogen sind, Menschen denen sich demzufolge kein anderer Lebensweg eroeffnet, als der des Verbrechers. Nun baut man mehr und mehr Gefaengnisse, um die ungluecklichen Menschen vor einander zu schuetzen. Fuer den Empfindsamen, wird das ganze Land zum Gefaengnis, - erinnerst Du das Gedicht "Ernst Stunde" von Rilke? "Wer jetzt stirbt in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt: sieht mich an." Schon Heine hat, ich weisz nicht mehr wo, von Amerika als dem "grossen Freiheitgefaengnis" geschrieben: noch nach hundertfuenfzig Jahren wird seine Wahrsagung erfuellt. .PP Und dann die Todesstrafe, des bewuszte Bestreben auf Seiten eines betraechtlichen Teils der Bevoelkerung und ihrer Vertreter, den staatlichen Terror einzufuehren. Denn dies ist nur der Anfang. Bald wird man ausrechnen, wie viel preiswerter es ist, die Menschen umzubringen, als sie einzusperren. Die SS hat ihnen das vorgerechnet. Dann wird die Geschichte sich wiederholen. Mein eigenes Denken ueber dieses dunkle Thema ist von dem 53. Kapitel Jesaja gebannt. Ich habe mich im siebten Kapitel meines Romans darueber ausgesprochen, falls es Dich interessieren sollte. .PP Heute ist Mittwoch. Laura und Klemens sind zur Arbeit. Margaret betreut Rebekah, Nathaniel und Benjamin. Sonnabend brechen wir alle zur Reise auf. Klemens mit seiner Familie nach der Insel Nantucket, wo sie eine Woche mit seinen Schwiegereltern verbringen, Margaret und ich nach Konnarock, wo eine verstopfte Abfluszanlage meiner wartet. Dies Mal werden wir nur elf Tage bleiben, um auf dem Rueckwege in Cold Springs im Hudsontal einer Gedaechtnisfeier fuer Margarets vor kurzem gestorbene Tante beizuwohnen. .PP Wie ich mich auf Deinen Besuch im Fruehjahr freue, will ich nicht ein weiteres Mal erwaehnen. Wenn Dieter und Deine Schwester mitkaemen, ware es umso schoener. Gruesze sie bitte beide von uns. Du bist ja mit den Raeumlichkeiten hier sowohl als auch in Konnarock vertraut, und wirst mit mir uebereinstimmen, dasz es an Platz fuer Euch alle nicht fehlt. Sobald Du das ungefaehre Datum der Reise vorlaeufig zu bestimmen vermagst, lasz es mich bitte wissen.