am 28. Juli 1994 .PP Morgen ist Margarets siebziegster Geburtstag. All ihre Geschwister die es jahrelang vermieden sie zu besuchen beglueckwuenschen sie nun per Post. .PP (Was man gelaeufig als Philosophie bezeichnet ist die Anmaszung persoenliches, inwendiges geistiges Erleben zu veroeffentlichen. Kein Wunder, dasz man sie verspottet.) Ich meine mit immer scharferer Klarheit zu erkennen, in welchem Ausmasz das Denken, die sogenannte Philosophie, auch nur ein weiteres Mittel ist, und vielleicht das entgueltige, wodurch sich der Mensch in seiner Welt richtet, bezw. orientiert. Zuletzt ist doch jedermann mit seinem Denken, nicht weniger als mit sich selbst zufrieden, vielleicht sogar in entgegengesetztem Grad zu dessen Gueltigkeit. Denn das gueltige Denken wird bis zuletzt mit sich selbst unbefriedigt bleiben, weil es sich seiner Ungenuegsamkeit gewahr bleibt; indessen das Denken welches mit sich zufrieden ist schon mit dieser Zufriedenheit seine vermeintliche Buendigkeit luegen straft, .PP So ist es vielleicht ein Alterszeichen, dasz ich nunmehr mit mit der Gueltigkeit meines Erkennens zufrieden bin, obgleich ich mir die Tatsache wie unzulaenglich es ist nicht verdecken kann. .PP Dasz die Antworten die ich meine entdeckt zu haben mich befriedigen, ruehrt daher, dasz sie die Spiegelbilder der eigenen Beduerfnisse sind. Die Antworten die ich finde sind Antworten auf meine Fragen. Antworten genuegen wenn sie leidenschaftlich gestellte Fragen abtun, und das Weltbild das sich das Alter geschaffen hat logisch ergaenzen. Vielleicht entspringt die Ruhe und Heiterkeit des Alters wovon Hoelderlin spricht von dem Beantworten selbstgestellter Fragen. .PP Ein anderes noch, naemlich, dasz ich mich mit den Antworten mittels derer ich jetzt so manche einst beunruhigende Frage abtue, ich mich schon vorzeiten laengst abgefunden hatte. So bleiben Aerger und Enttaeuschung ueber das verfehlte Ideal erspart. .PP Mag sein, dasz ich dies ueberschaetze; aber es scheint mir, dasz so manches, wenn nicht gar das meiste das unsereinen bekuemmert aus der Unpassenheit, der Inkongruenz von ich und Gesellschaft abgeleitet werden mag. Wie vorsaetzlich wir diese nicht verleugnen! Dasz es einiger Muehe und Anstrengung bedarf die Abhaenigkeit des Einzelnen von seinen Mitmenschen ueberhaupt zu bemerken. Zum Beispiel, meint nicht ein jeder, dasz die Sprache dazu dienen moechte seinen innersten Gefuehlen, unabhaengig von allen anderen Menschen Ausdruck zu verleihen? und uebersieht dabei, dasz die Sprache aus der Gemeinschaft entspringt, und dasz diese jener unentbehrlich ist. Ein weiteres Beispiel ist das Werturteil, bei dessen Gelegenheit der Einzelne seine Unabhaengigkeit vorzueglich geneigt ist zu behaupten. Was aber ist wert auszerhalb und unabhaengig von Gesellschaft? Am eindrucksvollsten tritt diese Problematik in Erscheinung bei der Schoepfung Gottes. Denn die Gottesvorstellung laeszt sich zum Teilerklaeren, durch den Abhaenigkeits-Unabhaenigkeits Widerspruch, welcher dadurch aufgehoben wird, dasz Gott sich zwar auf das persoenlichtse, Innerlichste bezieht, aber dennoch als in der Welt waltend, und dies ist das Bedeutende: die Mitmenschen zur Uebereinstimmung mit dem subjektiven Erleben des Glaubenden zwingt. (Und weil ich mich dazu nicht zwingen lassen wollte, deshalb habe ich mich so hartnaeckig geweigert in die Kirche zu gehen.) .PP Ein anderes Thema: Die Regierung, die Burokratie, erhaelt sich dadurch, dasz sie Regeln und Gesetze macht welche in einem Masze verwickelt sind, dasz keiner die befolgen kann, und dasz sie tatsaechlich niemand befolgt. Um zu leben, um zu ueberleben, ist man gezwungen gegen die Gesetze zu verstoszen. Diese Tatsache ist der Regierung selbstverstaendlich; und die Regierung duldet die durchgaengige? Uebertretung der Gesetze, weil sie machtlos ist, diese zu verhindern. So wird die gesetzeswidrige Handlung zur Bedingung der Existenz. Bestraft aber wird die lebendnotwendige Handlung, wenn der Taeter der Vernunft oder der Gerechtigkeit halber auf die Inkonsequenz des Gesetzes aufmerksam macht; denn dadurch dasz er das Gestez zu bezweifeln sich anmaszt, bedroht er die Macht der Behoerden: und diese Macht zu bewahren ist ihr einziges Vorhaben. Auch die Gerechtigkeit, oder welche Begruendung und Berechtigung fuer ihre Regierung sie auch immer anfuehren moegen, sind nichts als Vorwaende. Die eigentliche Triebfeder ist der Wille zur Macht.