am 21. Juli 1994 .PP In einer der verschiedenen Ausgaben der ZEIT, welche, weil ich keine von ihnen fortwerfe, noch immer auf der Porch herumliegen, steht ein Feuilletonaufsatz von einem duesseldorfer Professor, der den Unnutz der Geisteswissenschaften beklagt, und welcher Friedrich Duerrenmatt, der vorsaetzlich wissenschaftliche Themen in seine Schriften hineinwob, als Zeugen zitiert. .PP Ich weisz es nicht mehr, wie weit ich mit dem Lesen des Artikels gekommen bin, ob ganz zu Ende oder nicht, aber weit genug jedenfalls um meine Unstimmigkeit festzustellen. Meine eigene Deutung dieses scheinbaren Unterschiedes von Geistes- und Naturwissenschaften ist eine andere. .PP Denn mir erscheint, dasz der Inhalt der Naturwissenschaften weit ueberschaetzt, oder genauer gesagt, voellig miszverstanden wird. Die herkoemmliche Meinung wuerde es wahr haben, dasz die Naturwissenschaft die Wahrheit ueber die Natur, die Wirklichkeit offenbart. Sie tut dies, und sie tut es auch nicht. Sie tut es insofern als sie eine wirksamere Beziehung der Menschen zur Natur ermoeglicht. Sie tut es aber nicht, insofern als das Bild der Wirklichkeit, das sie entwirft ein ledig heuristisches ist, Sein Wert beruht darin, dasz man etwas mit ihm anfangen kann, z.B. einen elektronischen Rechner bauen. Sein Minderwert aber ergibt sich aus der Tatsache dasz dieses heuristische Schema sonst jedes anschaulichen Wertes entbehrt. .PP Vielleicht sollte man vorerst den Ausdruck Geisteswissenschaft als das Chimaera aufdecken, welches es ist. Insofern Geist etwas subjektives ist, und Wissenschaft etwas notwendigerweise gesellschaftlich Objektives, erscheint Wissenschaft vom Geist eine Unmoeglichkeit. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft sind ihrem Inhalt nach, ihrer Wirkung, ihrer Beziehung zum menschlichen Bewusztsein gemaesz, voellig von einander verschieden; und es ist ein groszer Irrtum, vielleicht sein allergroeszter, dasz Dilthey diese Verschiedenheit nicht erkannt hat. .PP (Es sollte der Muehe wert sein, mit Ruecksicht auf die Objektivierung des Geistes Hegel ein weiteres Mal zu lesen.) .PP Wenn es eine Wissenschaft vom Geist gaebe, so waere diese eine Geschichtswissenschaft, eine erzaehlend beschreibende Darstellung dessen was die Individuen und Gesellschaften geleistet haben; und deswegen notwendigerweise retrospektiv, zurueck in die Vergangenheit blickend. Eine Rueckblicken in die Vergangenheit aber, ein Beschreiben dessen was war oder was gewesen sein mag, ist an sich schon Kunst; so dasz wenn es eine Geisteswissenschaft gaebe, diese Wissenschaft in Historie ausarten mueszte, also Kunst wuerde, und deshalb keine Wissenschaft. Q.E.D. .PP Die Naturwissenschaft, naemlich, erzielt weder, noch begreift, die Wirklichkeit der Natur: vielmehr geht es bei der Naturwissenschaft um eine wirksame Zusammengliederung der Menschen zwecks der Bewaeltigung der Natur; um mit der Natur fertig zu werden, um sie zu steuern, zu kontrollieren, auszubeuten, zu bewaeltigen. Die Naturwissenschaft zwingt das in so grosze Vielfalt auseinander zweigende (auszweigende) menschliche Erleben zur Einfoermigkeit. Das ist die Bedeutung der Rechenkunst, der Grammatik, der Taxonomie. .PP Ein Seitenblick auf die Sprache als Werkzeug (Instrument) zwischenmenschlichen Verstaendnisses. Auch die Sprache strebt nach einer dudenverlangten Einfoermigkeit, mit dem Unterschied jedoch, dasz die auf Einfoermigkeit ausgerichtete Sprache dem individuellen weit mehr Ausdrucksmoeglichkeiten laeszt, als die Mathematik. Oder verraet dies Urteil den Nichtmathematiker? .PP Ich koennte mir Stufen der Mathematik vorstellen, auf welchen der Einzelne befaehigt ist, sein Erleben und seine Gefuehle zum Ausdruck zu bringen; obgleich meine eigenen Faehigkeit zu gering sind, mir eine solche Mathematik ausmalen zu koennen, geschweige denn, dasz ich sie zu erreichen vermoechte. .PP Anders ausgedrueckt: Die Naturwissenschaften und die Kunst haben dies gemeinsam, dasz sie ein Band zwischen den Menschen darstellen, aber in unterschiedlicher Weise. Die Naturwissenschaften schmieden einen geistiges Kaefig in welchem der Geist des Einzelnen gefangen ist, ein Band, welches den Menschen an seine Mitmenschen fesselt. Die Werke der Kunst, hingegen sind Fuehler mittels derer die Menschen sich gegenseitig zu beruehren versuchen. Sie ist, wo sie gedeiht, ein zartes Gewebe gegenseitiger Neigungen. Waehrend der Sinn der Wissenschaft ein auszermenschlich geistiges Gefuege ist, welchem die Menschen als einzelne dienen, dem sie sich, der Macht und Wirkung halber, unterjochen lassen, ein Gefuege dessen Ruhm es ist, von den Persoenlichkeiten die ihr dienen unabhaengig zu sein, so ist es gerade umgekehrt mit dem Kunstwerk, dessen Gestalt dem inneren Erleben des Kuenstlers entspringt, und dessen Wert in der subjektiven Reaktion die es bewirkt besteht. .PP Auch die Naturwissenschaft unterliegt der Gefahr Kunst zu werden. Wenn naemlich dem Wissenschaftler das Band zur Gesellschaft, zu seinem Publikum abgeht, wenn das Echo des Verstaendnisses, wenn die Anerkennung der Mitwissenschaftler verhallt, und sein Denken der gemeinschaftlichen Stuetzung entbehrt, dann wird des Denkers eigenes Empfinden, das Spiegelbild seiner selbst in der Natur, zum Gewahrsam solcher Werte: dann ist ihm die Wissenschaft zur Kunst geworden. .PP In vergleichbarer Weise mag sich die Kunst jedenfalls in eine Pseudowissenschaft verwandeln: wenn sie sich anmaszt Regeln, wie zum Beispiel in der Rhetorik oder in der Poetik (Reimkunst) vorzuschreiben, Regeln welche in keiner Beziehung zum Erleben oder zu den Beduerfnissen des Einzelnen stehen. .PP Kunst ist ein Gefuege, welches die inwendige Beschaffenheit des einzelnen Menschen widerspiegelt. Wissenschaft ist ein Gefuege, welche die auswendige Beschaffenheit einer menschlichen Gesellschaft widerspiegelt.