am 16. Juli 1994 .PP Die Aufregungen mit Margrit haben bei mir eine gewisse psychische Muedigkeit und Schwaeche hinterlassen, vergleichbar mit den Folgen eines Unfalls oder einer akuten Krankheit. Nach der Krise ueber ihre Einkommensteuer, vielmehr ueber ihre Weigerung mich ihr dabei helfen zu lassen, war ich einige Tage lang traurig, nicht so melancholisch, dasz es weh tat, aber ausreichend um die Phantasie und Unternehmungslust zu hemmen. Heute morgen aber scheint sich die Truebe etwas gelichtet zu haben, vielleicht werde ich nun doch zum rechten Arbeiten kommen. .PP Waehrend der Geistesstille habe ich Schiller ueber den dreiszigjaehrigen Krieg und in Grimmelshausens Simplizissimus gelesen, angeregt durch Guenter Grasz' Treffen in Teltge. Wie unzulaenglich das Verstaendnis von Schiller ist, wenn man das Ohr nur dem Dichter und Dramatiker leiht, und seine Aufmerksamkeit dem Historiker und Theoretiker vorenthaelt. Vielleicht ist es weil ich kuerzlich, in Konnarock den erneuten und miszglueckten Versuch Goethes Tasso zu lesen gemacht habe, ungeachtet meiner langjaehrigen Abneigung gegen dieses Stueck, dasz mir nun wieder im Alter, Schiller als der wesentlichere Schriftsteller vor Augen steht. Wobei ich schnell bemerken musz, dasz die Ungehoerigkeit dieses, wie jeden Urteils mir keineswegs entgeht. .PP Die Rahmenssaetze des Treffens in Teltge, "Gestern wird sein, was morgen gewesen ist." und "weisz ich nicht, weisz ich nicht..." sind Behauptung und Bekenntnis eines Mystikers. (Das "weisz ich nicht" beschraenkt sich nicht auf das Raetsel, wer den Brueckenhof hat in Flammen aufgehen lassen, sondern erstreckt sich auf das gesammte menschliche Dasein, und auf die merkwuerdige Frage der Theodizee welche dem 17. Jahrhundert so viel bedeutete.) Ich kann mir vorstellen, dasz der Autor selbst, so wie auch sein Lektor, die Bezichtigung des Mystizismus entruestet und verspoettelnd ablehnen wuerde. Aber was wir unter Mystik zu verstehen haben ist uns, wie ihr Inhalt, weitgehend verborgen. Es waere eine neuzeitliche Mystik um welche es hier ginge. Die von der Vernunft eingerichteten Masze von Raum und Zeit werden von dem was der Mensch gesehen und gefuehlt, gehofft, gefuerchtet und verloren hat, zersprengt und zerstoszen. Eine unertraegliche (insufferable) Gegenwart wird von paradiesischen Vergangenheit oder der apokalyptischen Zukunft verdraengt. Die beklemmend erstickende unmittelbare Umgebung wird gegen ein entferntes Nirgendwo getauscht. Am aeuszersten rettet sich der Geist in den Wahnsinn. So lautet meine vielleicht uebermaeszig rationalistische Deutung. Die Unterordnung der vernunftgemaessen zeitlichen und raeumlichen Verhaeltnisse unter die Ansprueche des Gefuehls, unter eine die Vorgaben der Ratio durchdringende Intuition, ist, wenn ich sie recht verstehe dem Scheffler und dem Grass gemein. Damit waere der eine durch den anderen erklaert; sowie auch eine gewisse Distanzierung meinerseits zu beiden, denn ich vermag die inbruenstige Widervernunft des Angelus Silesius auch nur in kleinen Mengen zu genieszen, eh verwirrende und betaeubende Nebenerscheinungen auftreten. .PP Mir faellt auf, wie dem Treffen in Teltge eine Zeitschrumpfung oder eine Verdrehung der Zeit unterlaeuft vielfach vergleichbar mit der Entstellung der Zeit in dem Buch "Einsteins Dreams", welches Helmut Frielinghaus mir zuvor zu lesen aufgab. Was mich in dem Buch von Einstein befremdete, war der Ernst mit welchem die Entwuerfe, ungeachtet ihrer Unvereinbarkeit mit der Erfahrung, die Vorgaben des Physikers als unantastbare, unzweifelhafte Wirklichkeit begutachtet werden. Mich beleidigt die Gleichgueltigkeit des Verfassers des Einsteinbuches gegen die Absurditaet seiner Darstellungen. In Teltge, hingegen, empfaengt die Entstellung der Zeit eine persoenlich erlebte Begruendung. Der zeitgenoessische Verfasser beteiligt sich an der Teltgetagung im Bewusztsein einer Zusammengehoerigkeit der Dichter und Dichtungen welche die Jahrhunderte ueberspannt. .PP Aber was muehe ich mich, dies alles aufzuschreiben, was nie und nimmer von irgendjemand auszer mir selber gelesen wird, und welches vielleicht auch nur mir von Bedeutung ist?