am 11. Juli 1994 .PP Die Einteilung der mir noch bleibenden Zeit und Kraefte beschaeftigt mich in wahrscheinlich ungebuehrlichem Masze. Statt etwas zu tun, gruebele ich darueber nach, was ich tun sollte; vor allem zoegere ich aus Besorgnis, dasz was ich beginne, fehlschlagen moechte. Auch bin ich mir bewuszt, jetzt Gelegenheit zu haben die geisteswissenschaftliche Arbeit, die mir in meiner Jugend als das einzig wuenschenswerte berufliche Ziel vorschwebte, endlich in Angriff zu nehmen; und mich bedrueckt das Gefuehl, dies nicht zu tun, waere eine Art Verrat an mir selber. .PP Meinem Schreiben ist der Antrieb, der Schwung entschwunden, gerade jetzt, wo es mir unbeschwerlicher geworden ist, mich auszudruecken. Indem ich mich in einer oberflaechlichen Weise in die Schriften des siebzehnten Jahrhunderts vertiefe, begegnen mir Bedenken ueber die eigene Schreibweise, den eigenen Stil, ob ich nicht doch vielleicht, opitzaehnlich, zuviel Wert auf den Schliff und Glanz der Sprache setze. Ob nicht im Rueckblick, wenn es einen solchen geben sollte, die Wahl der Worte, die Ordnung der Nebensaetze, der Rhythmus meiner Prosa mein Schreiben uebermaeszig beeinfluszt haette. .PP Andererseits ist es doch offensichtlich, dasz die Schriftsprache des Schmuckes bedarf nicht so sehr um dem Leser zu gefallen, als um ihm ertraeglich zu werden. Bei Thomas Mann besteht die Prosa in nichts als Stil, denn was er zu sagen hat, der gedankliche Inhalt seiner Schriften, ist so gering, dasz man ihn kaum zu erkennen vermag. .PP Andererseits bin ich gewahr, wie die philosophierenden Schriftsteller im 17. Jahrhundert, also jene welche ihre Buecher mit langen theoretischen Auseinandersetzungen ausfuellten, auch getadelt wurden. Es mag dahingestellt bleiben, und braucht hier nicht entschieden zu werden, ob die begrifflichen Dissertationen welche sie boten, an sich wertvoll waren, ob sie zur Mitteilung intrinsisch (an sich) sinnvoller Gedanken dienten oder als eine Art Zier, als ein Schmuck mit welchem man sonst unbedeutende Darstellungen zu verbluemen suchte.