am 8. Juni 1994, in Konnarock .PP Gestern sp{t abends hat es geregnet. Trotz der weitl{ufigen Ausgrabungen, trotz des kleinen Grabens an der S}dmauer und trotz der beiden Pumpen, breite sich das Wasser, welches die Wand aus winzigen Speiern in parabolischen Strahlen u}ber den Betonboden warf, durch den ganzen Keller, auch unter das Treppengeh{use, durchdrang die Schwllen der Treppenhausverkleidung und versetzte die Luft dort unten in den gewohnten muffigen Zustand, welchen ich gehofft hatte durch die gr}ndliche Trocknung des Kellers ein und f}r alle mal beseitigt zu haben. Es hatte soeben stark zu regnen begonnen; ich sa~ und arbeitete auf der Poch, als ich hinter mir ein klares Trommeln h|rte. Gro~e, im grellen Schein derk }nstlichen Beleuchtung kristallnen glitzende Wasserperlen tropften von der mit Holz get{felten Decke auf einen Pappkarton der Klemens' Papieren angef}llt war. Kurz danach begannen, unmittelbar }ber dem Fenster welches zum Mt. Rogers blickt, wie von einem ge|ffneten Wasserhahn von der Decke, Str|me von Wasser zu sprudeln. So hatte sich, binnen von Momenten, eine kleiner Notzustand entwickelt. Ich schaffte sofort alle B}cher und Akten vor der Wassergefahr ins Haus. Auch Klemens kleinen Rechner und das dazu geh|rende Modem barg ich, und bedeckte die eigene Maschine mit einem grossen plastischen Laken, welches zu diesem Zwecke schon bereit lag. Dann wandte ich mich zum Keller. Leider war dort nicht viel zu verh}ten. Die Ma~nahmen gegen eine Wiederholung der Keller}berschwemmung die ich getroffen hatte, funktionierten zwar, aber gereichten nicht das aus der Wandstr|mende Wasser aufzuhalten. Die Pumpen liefen, wie ich es vorhergesehen hatte, und in den Kan{len l{ngst der W{nde flo~ das Wasser, aber nicht schnell genug um den steigenden Wasserspiegel unter der Betonebene zu halten, und so bildete sich, wie fr}her, die seichte Wasserschicht, welche mehr als den halben "Trocken"keller }bertflutete, ins Treppengeh{use drang, und darunter hindurch, auf den Corridor der zur Grage f}hrt. Der Besen mit welchem ich versuchte die Flut in die Pumpengruben zu fegen, erwies sich von erb{rmlicher Wirkungslosigkeit. .PP Vielleicht erliest man es schon aus Stil meiner Aufzeichnungen, da~ ich in den vergangenen Tagen einmal wieder Thomas Manns B}cher zur Hand genommen habe. Erst, der Erw{hlte, eine Romanze, dessen unglaubhafter Inhalt mich so gewaltig ergriff, da~ mir Tr{nen in die Augen traten, durch welche jedoch, der in jenem Buch gepriesenen festen Blick mir bewahrt blieb. Die Aufwallungen meiner Gef}hle, indem ich las, erinnerten mich an jene welche mich einst in Hilde Oelmanns Kindergarten }berw{ltigt hatten. Jetzt wie damals ergriff mich die Erz{hlung vom Menschenschicksal mit ungeb}hrlicher Heftigkeit. Mir fiel auf, da~ dieses, das letzte von Thomas Manns B}chern in einzigartiger Symmetrie zu seinem Erstlingswerk Buddenbrooks steht, denn beide sind Legenden von Familien, welche zugrunde gehen. Genau betrachtet beruht das Eingehen der Buddenbrooks auf mangelnder Nachkommenschaft. Abgesehen von dem kranken, zur Familienfortpflanzung untauglichen Christian, h{ngt da das Fortbestehen jener Familie von den Ehen der beiden anderen Kinder, von Thomas und Toni ab. Das Heiraten aus Liebe aber ist ihnen beiden verwehrt, und jedenfalls die Kinderf}lle im Blumenladen l{~t darauf schlie~en, da~ eine von naiver sinnlich menschlicher Leidenschaft gestiftete Ehe m|glicherweise fruchtbarer gewesen w{re, als Ehen aus gesellschaftlicher Berechnung, wie zum Beispiel Thomasens mit der }berspannten Gerda aus Amsterdam. Es ist anzunehmen, das Tonis Verbindung mit dem sozialistisch gesinnten Handwerkerssohn dem sie in Travem}nde begegnete, f}r das fortbestehen der Familie ersprie~licher gewesen w{re als die von ihrem Vater erzwungene Paarung mit dem Hochstapler Gr}nlich. In der Erz{hlung vom erw{hlten Papst Gregorius, geht eine andere Familie zugrunde, und auf viel f}rchterlichere Weise als die Buddenbrooks, Dem Geschlecht Herzog Grimalds droht das Verderben aus eben entgegengesetztem Grunde, weil die Familienmitglieder einander }berm{~ig lieben. Infolge eben dieser }berm{~gen Liebe, werden dieser Familie Kinder alle unter dem Fluch der Blutschande geboren, und verm|gen, damit behaftet, das Leben nur als Bu~e ertragen. In den Ehen der Buddenbrooks mangelt es an Liebe, aber diese Ehen sind dennoch, oder, - wie ich behaupten w}rde -, gerade deshalb, gesellschaftlich annehmbar. .PP Und dann der Zauberberg. Meine Ausgabe hat als Einleitung einen Vortag des Verfassers den Studenten in Princeton. Es mu~ wohl das einzige Mal in seinem Leben, oder jedenfalls einer der wenigen Male wo er sich als ber}hmter Schriftsteller seinen Mitmenschen stellen mu~te; Es war ihm aber unm|glich auf sie einzugehen, ihre A[ngste, Hoffnungen, Sorgen, Bek}mmernisse anzusprechen. Er machte auch garnicht den Versuch sie zu verstehen. Ihnen zu begegnen vermochte er nur indem er sich mit Dante und Cervantes verglich. Es mag eine unechte }berlieferung sein, die berichtet, wie bei einem seiner Vorlesung, }ber Tonio Kr|ger bei seiner Charakterisierung Mathildens, oder wie immer die geheime Anbeterin Tonio's hie~, als ein M{dchen, das immer hinf{llt, in lauters Gel{chter ausbrachen, und wie der ber}hmte Auor, entr}stet }ber die Ehrfurchtslosigkeit (Impiet{t) seiner H|rer den Katheder verlie~, um, was wei~ ich, nie wieder dorthin zur}ckzukehren. .PP Zugegeben die herrliche Meisterschaft der Sprache, war es vielleicht am Ende doch, weil Thomas Mann die Welt durch die Augen des B}rgers sah, und eigentlich eines recht mittelm{~igen, und dabei denke ich an die Gew|hnlichkeit Hans Castorps, da~ seine Schriften in der Oeffentlichkeit so gro~en Beifall fanden? Wo au~erordentliches zu bereichten war, bediente sich Thomas Mann einer Erz{hlerfigur, wie etwa Serenus Zeitblom f}r Doktor Faustus oder Clemens der Ire f}r den Erw{hlten. Denn wenn der Verfasser auf Ausserordentlichkeit, auf Adel des Geistes und der Seele Anspruch erhob, so legte diese Eigenschaften nicht den Gestalten seiner Erfindungskunst bei, oder gar derem Schicksal. Er beanspruchte den Adel des Geistes f}r sich selber, und fast wird man zu der Vermutung verleitet, da~ er der Konkurrenz von den erfundenen Gestalten vorbeugen wollte, indem er sie so mittelm{ssig schuf da~ sie die eigene Herrscherstellung nicht in Frage zu stellen vermochten.