am 2. Juni 1994 .PP Die Praxis, nachdem sie einige Wochen etwas belebter zu werden schien, hat sich nun wieder beruhigt, morgen habe ich gar keine Patienten, und }bermorgen fahren wir f}r sechzehn Tage nach Konnarock. .PP am 5. Juni morgens in Carlyle .PP Die ganze Familie, au~er Margrit ist hier. Klemens, Laura, Rebekah, Nathaniel, Benjamin, nebenan im Albright Motel. Sie haben Zimmer Nummer 19, Margaret und ich schliefen in Nr. 20. Ich wachte schon um f}nf Uhr morgens auf. Die Sorge um die Haftpflichtversicherung hat mich geweckt. Denn seit die Versicherungsgesellschaft nicht nur die H|he der Versicherungssumme, sondern auch die Bedingungen, die Einzelheiten meines Vertrages der Medical Society mitteilt, mu~ ich nun damit rechnen, da~ mir meine Krankenhausvorrechte und meine Mitgliedschaft an den verschiedenen Krankenversicherungen entzogen werden, wenn ich nicht sehr hohe Nachzahlungen mache: und das will ich nicht. Da nun aber die Praxis im allgemeinen so unbefriedigend ist, scheint es mir kaum wert noch irgendwelche Ausgaben zu machen, und deshalb halte ich es f}r m|glich, wenn nicht gar wahrscheinlich, da~ diese neue Wendung der Dinge meine Praxis ihrem Ende entgegen treibt. Und das ist vielleicht auch gut so, und darein sollte ich mich f}gen. Es ist ja keineswegs der Fall, da~ ich keine Mittel h{tte, und da~ ich nicht auf Margarets und Klemens' und Margrits Sympathie und Beistand rechnen k|nnte. Und diese Beschr{nkung, dies Aufgeben der Paxis, sollte dann ein Aufbruch, ein Aufstieg, ein Herausbrechen zu neuen Leistungen sein, und wenn mir dazu nicht mehr die Kraft gegeben w{re, auf die alte medizinische Praxis k{me es ja wahrhaftig garnicht mehr an. Welchen Unterschied machte es dann ob ich ein paar Monate, oder auch ein paar Jahre l{nger praktiziere. .PP So mu~ ich dem Ende meiner medizinischen Praxis entgegen sehen, eine Aussicht, die mich verst{ndlicherweise, angesichts der vielen Jahre die ich an das Lernen und Aus}ben der Medizin gesetzt, um es schlicht zu sagen, nachdenklich stimmt. Dann ist aber noch die M|glichkeit (challenge) des sogenannten Peer Review Trust, und darauf denke ich, sollte ich meine Kraft verwenden,. Wenn daraus etwas w}rde. sollte ich zufrieden sein, und wenn das fehlschl{gt, sollte ich mich mit meinem Schreiben wenngleich keiner es lesen oder gar ver|ffentlichen will, begn}gen. .PP Ich bin also fr}h aufgestanden, und habe indem ich die sorgf{ltig gem{hte Wiese hinter dem Motel auf und abschritt, allerlei diktiert. Von dem Nachsinnen }ber die B}rokratie welche jetzt die medizinische Praxis beherrscht, kam ich auf die Betrachtung der B}rokratie }berhaupt, die tats{chlich eine Regierungsform ist dem F}rstenregiment vergangener Jahrhunderte vergleichbar, und vergleichbar mit der h|fischen Anbiederung ist auch die Anpassung an die Organisation, die Eingliederung in die B}rokratie. .PP Im Zusammenhang mit der Untert{nigkeit unter die B}rokratie und der Willk}r des b}rokratischen Handelns, und der Methoden mittels derer man sich dagegen sch}tzt und wehrt, ist es mir aufgefallen, wie vergleichbar der B}rokrat mit dem H|fling, denn zu jener Zeit als die Gesellschaft die Macht in den Adel, in die F}rsten, in die Gesellschaftshierarchie legte, da f}gte man sich der Gesellschaft, indem man den F}rsten verehrte und sich ihm unterwarf. Heutzutage gliedert man sich in die Gesellschaft indem man sich der B}rokratie, der Verwaltungshierarchie anbiedert, sei sie nun |ffentlich oder privat. In unserem B}rgerstaat ist das Gehorsam gegen die Beh|rden durchaus vergleichbar mit der Unterwerfung unter Hof, F}rsten und Adlige im einstigen F}rstenstaat. .PP am 5. Juni in Konnarock .PP Es ist dreiviertel neun und dunkelt. Ich sitze auf der Porch, and meinem }blichen Platz, und blicke in die D{mmerung. Die Fahrt war unkompliziert, und angesichts meines "Alterns" war ihre Unbeschwertheit besonders erfreulich. .PP Ganz zuf{llig habe ich, beim herumst|bern in der Ausgabe letzter Hand, den G|tz von Berlichingen gelesen, und dabei ist mir aufgefallen, welch eine Auflehnung gegen das Kirchenrecht. Es ist ein weltlich gesinntes Werk, denn bei aller Auflehnung besteht im Hintergrund der Kaiser als richtende und sch}tzende Macht. Der Kaiser also vertritt die Stelle Gottes; Zum Atheismus, zur Anarchie is Goethe nie durchgedrungen, und im Alter, scheint es, ist er den F}rsten wachsend unterw}rfiger geworden. .PP Beim H|ren der Matth{uspassion, der Gedanke da~ die Strafe, die Vollziehung des Gesetzes wahrscheinlich der unentbehrliche Mechanismus ist, durch welchen die Gesellschaft den Einzelnen kontrolliert. Das Gesetz ist nicht weniger vollkommen als alle anderen menschlichen Einrichtungen. Die Leugnung dieser Unvollkommenheit, w{re dann wiederum Idealisierung. Die Beschreibung, die Darstellung, das Akzeptieren dieser Unvollkommenheit w{re dementsprechend ein Ausdruck des Realismus, des wirklichkeitsgetreuen Erlebens. .PP ]brigens bedraf es der ]berlegung }ber den Gegensatz zum Idealismus. Realismus ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck; denn der Idealismus ist zu tief in der menschlichen Natur eingefleischt, da~ er sich durch ein Wort oder auch durch eine Umkehr korrigieren oder widerrufen lie~e. .PP Der Realismus als Verleugnung des Idealismus, das geht nicht. Weil der Idealismus wirklich ist und sich nicht ableugnen; und durch kein Widersprechen, durch keine Behauptung des Gegenteils widerlegen l{st. Ein progressiver Abbau, eine Metamorphose, eine Entwicklung, die Entidealisierung geh|rt letzten Endes auch zum Idealismus, wie das Ausatmen zum Einatmen. .PP Das Ziel ist keineswegs Welt-historisch zu werden. Das Ziel ist die eigene Pers|nlichkeit gegen den Angriff des Welthistorischen zu sch}tzen, und die eigene Deutung, die eigene Auslegung das Verst{ndnis des Welthistorischen auf jenen Gipfelpunkt zu treiben wo man als Einzelner die Geschichte f}r sich im eigenen Interesse umdeutet und umdichtet, damit sie einen nicht mehr }berw{ltigt, und nunmehr das Leben nicht mehr }berschattet. Man kommt mit dem Welthistorischen zurecht, Man }berstehtauch das Welthistoriesche; nicht, da~ man es besiegte, aber weil es einem gelingt, seinen verheerenden Folgen auszuweichen.