am 30. Mai 1994 (Memorial Day) .PP Ich weis nicht, wie ich dazu gekommen bin im Grimm ueber die Augenbraue nachzulesen. (sp 804) "Goethe allein zeigt also fueunferlei gestalten des ausdrucks: augbraue, augenbraue, augbraune, augenbraune und augbraun n., warum sollte ihm nicht auch die sechste, augbraun n. (deren sich Schiller bedient) mundgerecht gewesen sein? augbra oder augenbran lagen ihm ab." Diese Erlaeuterung, denke ich, besagt Baende ueber die Sprache, ueber unser Beduerfnis sie zu kanonisieren und kodifizieren, warum eigentlich? - um uns eine gemeinsame geistesgesellschaftliche Welt zu sichern, in welcher jeder von jedem verstanden wird, und in welcher das Verstandene zuverlaessigen Bestand hat. Und dies ist denn auch Sinn und Zweck des eigenen Beduerfnisses zur Korrektheit, und zur Genauigkeit. Die Meister der mathematischen Logik behalten recht. Die Sprache strebt zur Mathematik, aber auf dem Wege dorthin zerfaellt sie in die verschiedensten Vorstellungen verschiedener Menschen. Das Bestreben zu einheitlicher Sprache ist ein Unternehmen des Sisyphus wuerdig, Die durch die Entschlossenheit des Einzelnen entstandene Regel wird von der Vielfalt der Menschen und ihrer Gedanken umgehend aufgeloest. Die Idealisierung erscheint hier als Beduerfnis, als Ausdruck gesellschaftlicher Notwendigkeit. Sie entsteht, oder wird geschaffen, bei der Suche nach der unentbehrlich verlaeszlichen Geisteswelt, welche der Rahmen unserer gesellschaftlichen Taetigkeit ausmacht. Dasz Mathematik die erfolgreichste Idealisierung ist erkannte schon Platon. .PP Sprache und Mathematik also fallen in entgegengesetzte Teile des Spektrums der Verstaendigung (Kommunikation, Mitteilung); die Sprache in jenen Teil wo Ausdruck des Inwendigen ueberwiegt; die Mathematik, in jenen der Sprache entlegenen Teil wo Vorausbestimmbarkeit des Ausdrucks, wo Regelmaessigkeit, wo das Gesetz herrscht. .PP Die Dichtkunst erfordert einen Ort im Geiste wo man befaehigt ist seine Gedanken, seine Gefuehle, seine Hoffnungen und Aengste, von Missverstuendniskrupeln unbehelligt, restlos an den Tag zu fuerdern. Der Dichtkunst im Wege steht der Widerspruch, dasz der Ausdruck des eigenen Erlebens durch die dem Verstaendnis unentbehrlichen Ausdrucksregeln erst ermoeglicht, aber zugleich verhindert wird. Das ist ein Raetsel fuer dessen Entzifferung der Dichter gekroent wird. Und tatsaechlich ergibt sich, wie alles Gute und Wahre im Leben, die Loesung von selbst, unbewuszt und unbeabsichtigt. Es ist die Liebe zum Wort, zur Sprache, die leidenschaftliche, unaufhaltsame Beschaeftigung mit dem Ausdruck welche die Verstaendnisregeln derart verinnerlichen und ins Gemuet des Dichters eintreiben, dasz sie ein Teil seiner selbst werden, dasz sie hinfort den Ausdruck des Erlebens nicht nur nicht hemmen, sondern dasz der Ausdruck des Erlebens den sie ermoeglichen, selbst zum Erleben wird. Da ist der Geist wie ein Feuer, welches einst angezuendet, um sich greift, und die Umgebung nah und weit in Flamme verwandelt. So ist alle Kunst, und die Dichtkunst ins Besondere, eine Vermittelung zwischen Auszen und Innen, zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Gegenstand und Gefuehl, und durch diese Vermittlungsfaehigkeit befreit sie des Menschen Geist aus seiner Gefangenheit in der Subjektivitaet. .PP Die andere Wirkung der Dichtkunst, naemlich den Einzelnen von seiner gesellschaftlichen Vereinsamung zu erloesen, und ihn wie einen Held der Gesellschaft zuzufuehren, erscheint mir bei weitem fragwuerdiger. Denn die Eingliederung des Einzelnen in die Gesellschaft hat naturgegebene Grenzen, welche von der Anerkennung, von dem Ruhm auf ungehoerige Weise uebertreten werden. Der Kunstfuehrer, der Kunstheld ist von der Gesellschaft in einen Bereich der Oeffentlichkeit versetzt worden in welchem das Menschsein und damit die schoepferische Leistung um vieles schwerer, wenn nicht gar unmoeglich wird. Jedenfalls ist der Kunstheld Karikatur des schoepferischen Menschen. .PP Ich frage mich ob meine Abneigung gegen den Ruhm mehr ist als das Beklagen sauerer Trauben. Ich erinnere mich an die Worte des Jesaja, der, wenn ich ihn recht verstehe, den Messias, den ruhmvollsten unter den Menschen dem verachtetsten gleichstellt. Ist nicht damit alles denkbare ueber den Ruhm gesagt?