am 23. Mai 1994 .PP Ich habe an Gertraud geschrieben, dasz Margrit das Gedaechtnis an meine eingebildeten Vergehen wie eine Pflanze pflege, deren bittere Fruechte immer wieder zu schmecken und zu beklagen ihr zur Lebensnotwendigkeit geworden ist. Das scheint mir der Fall in den verschiedensten Bereichen des Erlebens. .PP Der goethischen Theodizee, das Boese sei der unerlaeszliche Stachel der den Menschen zur Taetigkeit anspornt, eine verkappte malthusische Moral, der Zweck des Hungers sei den Menschen zur Arbeit anzutreiben, will ich eine psychologische entgegensetzen. Der Begriff des Boesen ist der menschlichen Seele so unentbehrlich wie der Pfahl der Rebe. Das Selbstbewusztsein erfordert, dasz die eigene Persoenlichkeit als gut anerkannt werde. Die eigene Persoenlichkeit aber kann als gut erkannt werden nur in der Abgrenzung gegen etwas niedrigeres, einen Hintergrund, einer Folie fuer den eigenen Wert, welche sie sich erschafft dadurch dasz sie beliebiges Fremdes herabsetzt. So wie der Mensch das Tier toetet um sein Fleisch zu genieszen, so verleumdet und verurteilt der Mensch seinen Mitmenschen um dessen Schuld zu genieszen; um sich an dessen Schuld zu erbauen. Wo der Mensch seinen moralischen Wert bezweifelt, da bezichtigt er, zur Befestigung des eigenen Muts, Vater, Mutter, Geschwister, oder Freund des Boesen, mit Folgen die oft sehr schmerzhaft sind. Vielleicht waere dementsprechend das Erhabene, das Gottaehnliche, jeglicher Kritik zu entsagen: heiszt nicht Krisis Unterscheidung? Alles Menschliche, alles Natuerliche so hinzunehmen, wie es sich bietet, ohne daran verbessern zu wollen. Und doch ist fuer das Heil des Einzelnen die Unterscheidung von Fremdem notwendig. .PP Der Mensch ist zur Unterscheidung gedraengt, denn letzthin bedarf er der Unabhaengigkeit, der Integritaet, der Individualitaet. Er musz sich von dem was ihn umgibt unterscheiden. Woran diese Unterscheidung unternommen wird ergibt sich dann aus den Umstaenden unter welchen der Mensch sich befindet. Ein geistig anspruchsvoller Mensch wird diese Unterscheidung im rein Geistigen treffen, wird sich behaupten indem er wissenschaftliche Lehren, Kunstmoden oder Werke oder philosophische Anschauungen, bemaengelt und ablehnt. Auf niedrigerer Stufe, dient das Anhaengen und Ablehnen organisierter Religionen. das Befuerworten und Vertreten politischer Ansichten, die Zugehoerigkeit zu einer politischen Partei, die Ausuebung eines Berufes, stets mit Betonung des Besonderen dazu die Besonderheit des Einzelnen festzulegen. Auch die Fremdenfeindseliglichkeit, der Rassizismus, der Antisemitismus sind nicht selten Ausdruecke unbeholfener Beduerfnisse sich selbst zu behaupten. .PP Bei diesen Betrachtungen faellt auf, wie der Versuch sich abzusondern, sich zu kennzeichnen, sich zu identifizieren, immer wieder zu neuen gesellschaftlichen Bindungen und Verbindungen fuehrt, tatsaechlich widersinnigerweise, insofern als der Mensch im Bestreben ein Einzelner zu werden, sich gedrungen fuehlt sich zu diesem Zwecke mit anderen zusammenzutun, sich in eine Gesellschaft einzufuegen. Offensichtlich aber ist, dasz der Mensch dann auch die Gesellschaft dazu benutzt seine Individualitaet zu behaupten. ================ .PP Die Sprache ist ein einzigartiger Spiegel der Gebundenheit des Menschen an die Gesellschaft, und Ausdruck seines Beduerfnisses sich gegen die Gesellschaft zu behaupten und unabhaengig von ihr zu werden. Mich beeindruckt vor allem der unausweichliche Zwang die eigenen Worte der allgemeinen Sprache gemaesz zu fuegen, und dieser Zwang entspricht der Tatsache, dasz alle Sprache verstanden sein will, dasz alle Sprache auf eine geistige Gemeinsamkeit zielt, auch da wo der Sprecher die Absicht vorgibt, sich mittels ihrer von der Gemeinschaft abzutrennen. Was sind nicht unsere Woerterboecher anderes als Werkzeuge mittels derer wir eine umso engere Gemeinschaft schmieden. Diese Gemeinschaft musz nun als Wirksamkeit und als Vorstellung betrachtet werden. Die Sprache erzeugt gemeinschaftliche Wirksamkeit insofern sie verstanden wird, und insofern das Verstaendnis bei den Verstehenden eine Angleichung, eine Homoiosis bewirkt. Die Sprache erzeugt aber auch ein (Pseudo?) Bewusztsein der Integritaet des Einzelnen, insofern als es seine, des einzelnen Worte, Saetze, Gedanken, Vorstellungen sind, welche er zum Ausdruck bringt. Dabei entspringt dann die wahnsinnige Vorstellung des Einzelnen in einer ihm gastfreundlichen, geistesverwandten Welt zu leben. Bei der Beurteilung, bei der Kritik, laeszt sich dann die Widerspruechlichkeit dieser Vorstellungen nicht mehr verhehlen, und wird mit der Veroeffentlichung auf ein anderes Gebiet, ins Historisch-gegenstaendliche verwiesen. .PP Die Sprache selbst ist der Kampfplatz, wo Ich und Gesellschaft mit einander ringen. In gewisser Hinsicht bezeugt die blosze Zuflucht zur Sprache schon die Entscheidung des Kampfes. In one sense the mere resort to language defines the outcome of the conflict. Indem er sich der Sprache fuegt hat der Einzelne den Kampf um die Einzigartigkeit im tiefsten Sinne verloren. .PP Ich deute auch jetzt meine Vorliebe fuer die deutsche Sprache als Ausdruck des Zaehigkeit meines Entschlusses von der Gesellschaft unabhaengig, und ich selbst zu sein. Das mag von der Feindseligkeit des Deutschlands in welchem ich aufwuchs, herruehren. Die Vorstellung, widersinnigerweise, im amerikanischen keine Heimat zu bekommen, sie auch garnicht zu wollen, und mir dann diese Wolkenkuckucksheimat im Geistigen auszukluegeln.