Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 22. April 1994 Liebe Gertraud, Hab Dank f}r Deine Postkarte aus Majorca. Da wir uns nach einer so gewaltigen Zeitspanne entdeckt, getroffen und befreundet haben, scheint es mir durchaus sinnvoll unsere Beziehung zu pfle- gen und zu bewahren, und ich stimme mit Dir }berein, da~ dazu, in ihrem jetzigen Stadium, ein Postkartenaustausch gen}gt, wenn- gleich meine eigene Redseligkeit mich unvermeidlich zu l{ngeren Ausf}hrungen verleitet, wobei ich dann nie sicher bin, inwiefern ich Bernd und Dich damit behellige. Aber der Vorteil des Geschriebenen, wie ich schon einstmals erw{hnte, ist da~ bei un- verminderter Genugtuung des Schreibenden an den eigenen Worten, Leserin und Leser sie leicht }berspringen k|nnen. Diese bedrohliche Einf}hrung ungeachtet, gibt es von uns kaum Aufregendes zu berichten. Samt Kindern und Enkelkindern sind wir gesund; das langsame Eingehen meiner Praxis schreitet fort. Auf unser Haus in Virginia haben wir, weil es durchreg- nete, ein neues Dach decken m}ssen, und weil sich bei dem starken Fr}hlingsregen das Wasser im Keller ansammelte, habe ich die Abflu~r|hren an den Dachrinnen um je drei horizontale Meter verl{ngert, damit nicht das Wasser vom Dach unmittelbar an die Grundmauern rieselt. Ob diese Ma~nahmen gen}gen, wird sich bei den n}chsten schweren Regeng}ssen ergeben. Mit meinem neuen Roman bin ich noch ganz am Anfang, wahrscheinlich, weil ich mich mit der Gr|~e der Anlage }bernommen habe. Etwas wird aber gewi~ daraus werden, denn ich lasse nicht nach. F}r die eventuelle Ver|ffentlichung des fr]heren Romanes, von welchem ich Euch ein Exemplar in Kierspe lie~, habe ich auf wundersame Weise einen Agenten gefunden. Letzte Woche n{mlich, hatten wir auf kurze Anmeldung und durch die Vermittlung meiner Schwester, Besuch von einem einstigen Spielkameraden aus Braun- schweig, namens Helmut Frielinghaus. Er ist der Sohn des Pfar- rers der kleinen Bartholom{uskirche in der Sch}tzenstra~e und wohnte damals auf dem Wendentorwall, kaum f}nfhundert Meter von uns entfernt. Wir spielten viel zusammen, verloren aber nach un- serer Auswanderung allen Kontakt, bis letzte Woche. Helmut wohnt in Hamburg. Jahrelang wirkte er im Rowolt Verlag. Jetzt ist er selbstst{ndiger Vertreter verschiedener Autoren, einbeschlossen G}nter Grass. Betr{chtliche Teile der beiden N{chte die er bei uns war, hat er mit dem Lesen des Manuskripts verbracht, und meint, da~ es seiner M}he lohnte, dies weiter zu bearbeiten. Er sagte mir, da~ er bei n{chster Gelegenheit mit Euch in -2- Verbindung zu treten gedenkt, um Euch um Euere Kopie des Manuskripts zu bitten, falls Ihr diese noch habt. Die Amerikaner nennen das: "Indian giving"; die Deutschen sagen: "Wer gibt und nimmt kriegt schwarze Kinder," in Margarets und meinem Alter, sollte ich meinen, eine nichtige Drohung. Dabei betrachte ich es, trotz Helmuts Bem}hungen, als un- wahrscheinlich, einen Verleger f}r das Buch zu finden; und wei~ nicht einmal ob ich eine eventuelle Ver|ffentlichung begr}~en w}rde. Einwilligen m}~te ich aus einer Art Schuldbewu~tsein zu einer kleinen Gegengabe f}r den unaussprechlichen Reichtum, welchen mir die deutsche Literatur beschert hat. Im ]brigen soll es mir gen}gen nur f}r mich selbst und f}r meine unmittelbare Familie zu schreiben, und auch Euch nicht mit meiner Kompositions- wut zu bel{stigen, au~er wo sie mir im Briefwechsel versehentlich durchbrennt. Margaret und ich denken viel und sprechen oft von Dir und Bernd und Reinhild, und w}nschen sehr, da~ es Euch allen wohl ergehen m|ge.