am 6. Januar 1994 Aus dem Tagebuch vom letzten Jahr ist denn auch nicht viel geworden. Im Frühjahr war ich übermäßig stark von der Korrespondenz mit Gertraud Strangfeld eingenommen, im Frühsommer, die so anregende Deutschlandreise, - und im Hebst, was war es denn im Herbst, das mich ablenkte? Fahrten nach Konnarock vielleicht, denn die Praxis war ruhig. Im September oder Oktober wurde der mir zu verfügung stehende Dow Jones Nachrichtendienst stark erweitert, und ermöglichte mir den Aktienhandel weit eindringlicher als zuvor zu betreiben. Und diese Bemühungen scheinen nun Früchte zu tragen indem sie das rasch abfallende Einkommen aus der Praxis jedenfalls um ein Geringes zu ergänzen. Nicht zuletzt war es die Erwartung des Besuchs von Strangfelds, und eigentlich weit ausgiebiger als der Besuch selbst, der den frühen Winter in Beschlag nahm. Denn wird nahmen die Gelegenheit wahr unser so viele Jahre lang vernachlässigtes Haus ein wenig aufzuräumen und zu putzen, Am folgereichsten war mein Unternehmen den im Keller verstreuten Werkstoff, die alten Geräte und Instrumente verschiedenster Art in Pappkartons von einförmiger Größe zu verstauen, und dabei den Inhalt dieser Behälter in dem kleinen, mir von Miss Loeffler überlassenen, Kofferkomputer zu registrieren. Es sind fünfzig Kästen geworden, die nun im Kaninchenverschlag im Keller, auf niedrigen Gestellen, die sie vorm Wasser schützen sollen, ruhend, aufeinandergetürmt, die Wände umringen. Vorher hatte ich die Kellerwände mit Mörtel repariert, hatte die Abflusskanäle an der östlichen Mauer, sowie auch die Rahmen der Senkgruben zementiert. Zur Einrichtung der elektrischen Anlage die ich mir für den Keller ausgedacht habe, bin ich noch nicht gekommen. .PP Inzwischen waren Strangfelds hier. Auf Gertrauds Bestehen blieben sie aber nur zwei Tage. Kamen gegen Mittag um Dienstag mit einem Northwest Airlines Flug aus Amsterdam, und flogen am Donnerstag um fünf Uhr nachmittags, Der Abflug war wegen eines Schneesturms in der vorhergehenden Nacht aufgehoben, und sie bekamen Plätze auf einem fünf Stunden später abhebenden Flugzeug. Zwei oder drei Tage der Ankunft bevor, hatte Gertraud uns telephhonisch mitgeteilt, da~ ihre Schwester, Reinhild, meist Tinka genannt, sie begleiten wssrde. Obgleich die Ungehörigkeit dieser Zumutung mir nicht entgangen war, begrsste ich dennoch die Gelegenheit zu weiterer Bekanntschaft mit Walter Hirsekorns Familie, und es war mir lieb dieser eingeschüchterten, tatsächlich schwer kranken Frau in unserem Hause eine Zuflucht zu bieten, Amerikas eigentlich Bedeutung für den Europäer. Mein Vorschlag, den Rückweg nach Belmont mittels einer Rundfahrt durch Boston auszudehnen, wurde nicht nur von Bernd begrüßt, sondern scheinbars auch von Gertraud. Reinhild blieb stumm. Da ich die scharfe Abzweigung nach rechts unmittelbar hinter der Tunnelmündung verpasst hatte, fuhren wir erst einmal über den Expressway, um die Nordbahnhof, zum Charles Circle, von dort, Cambridge Street hinan zum Government Center, dann nach einem kleinen kleinen Kreis durch die Canyons zwischen den Hochhäusern der Banken zum State House auf Beacon Hill; Beacon Street bergab zum Embankment Road, über Mount Vernon Street, durch Louisburg Square, und über Charles Street nach Stuart Street, am New England Medical Center vorbei, wetslich auf Commonwealth Avenue und dann in entgegengesetzer Richung über Boylston Street durch Copley Square. Auch Memorial Drive in Cambridge fuhr ich erst in westlicher, dann wegen des weiten Blickes über die Stadt, in östlicher Richtung, dann wieder zurück, über Brattle Street, um Harvard Yard herum, und zuletzt den üblichen Weg von Sacramento Street nach Hause. .PP Bernd war offensichtlich von dem Stadtbild beeindruckt; Gertraud verbesserte meine Beschreibung Bostons als einer stilhaften Stadt mit stilvoll, und fragte mich um die angemeßene Überseztung. "The city has character." schlug ich nach eingem Nachdenken, am nächsten Tage vor. Das Gespräch beim Abendeüen war von den Kindern, von Laura und Klemens bestimmt. Reinhild schien krank, zog sich zurück und verbrachte fast den ganzen Abend in ihrem Zimmer. Auch die beiden anderen zogen sich früh zurück, denn sie hatten sich noch nicht auf unsere Schlafenszeiten umgestellt. .PP Am nächsten Tage wünschten sie New England, wie es sich in der Landschaft New Hampshires widerspiegelt, zu sehen. Nach oberflächlichem Studium der Landkarte, entschied man auf Interstate 93 gegen Norden zu fahren, um hernach, wie es sich geben mochte, auf den kleineren, den Nebenstraßen, die Landschaft zu besichtigen. Die Stimmung war bei der Abfahrt eine recht heitere; nur Reinhild, wie während des ganzes Besuchs, schwieg. Wir fuhren Route 3 den Belmot Hill hinan, und indem wir uns in dem gerämigen komfortablen Minivan die weit ausgebaute Straße den Berg hinan befördern ließen, ihrer Annehmlichlichkeit bedienten, beklagten wir das von ihrem Bau zerklüftete Vorstadtbild. Bald ging es dann durch die von Fabriken und Geschäften mehr oder minder verunstaltete Vororte, welche sich bis jenseits der New Hampshire Grenzen erstrecken. Gertraud wurde ungeduldig, und mit der Zeit ungeduldiger; schien weniger von der wennglich nicht schönen so doch bemerkenswerten Landschaft zu bemerken, und fing an zu drängen, so bald als möglich von der Autobahn auf Nebenstraßen abzulenken. Auch die eindrucksvolle Lage Manchesters am Merrimack, mit den großen leeren Ruinen der Textilindustrie schien sie nicht zu bemerken. Am Rastplatz, einige Meilen jenseits, enteckten Bernd und sie eine Broschüre über die Shaker Village, und dort, so bestimmten sie jetzt, wollten sie hin. Kaum saßen wir alle wieder im Wagen, dass Gertraud ihre Verlangen die Autobahn zu verlassen neuen und immer dringlicheren Ausdruck verlieh. Ich überredete sie noch, bis Concord, in nur weniger Minuten Entfernung, auf der Autobahn zu bleiben. Doch schon als die kleine Landeshauptstadt sich zu unserer Linken ersteckte, forderte Gertraud ungeduldig, "Ja wann biegen wir denn nun ab." Tatsächlich wurde mir erst hinterher klar, daü es notwendig sein würde etwa an der ferneren Ortsgrenze den Merrimack zu überqueren, eh wir die Autobahn verließen, weil wir sonst mehrere Meilen hätten stromabwärts fahren müüen um zu einer Brücke zu gelangen. Endlich aber war die erwünschte Ausfahrt doch erreicht; wir bogen auf die kleine nebenstraüe 312 ab welche östlich der Autobahn und dieser parallel nach Norden zieht. .PP Canterbury, das war der Ort den Bernd und Gertraud, dem auf dem Rastplatz erstandenen Prospekt zufolge, uns zum vorläufigen Ziel ausgesucht hatten, denn hier waren die Überbleibsel eines Shaker Dorfes, and dem Margaret, Klemens und ich tatsächlich dreißig jahre lang vorbei gefahren waren, jedes Mal, wenn es uns in die White Mountains zog, und jedes Mal wenn wir von dort, von ungezählten Wanderungen und Skitouren, wieder nach Hause fuhren. Der Vergleich mit den Besuchen welche Margaret und ich zum Beispiel in eine oberpfälzisches Bauernmuseum auf Anregung und in Begleitung der Strangfelds gemacht hatten war sehr naheliegend, und somit auch der Vergleich der beiden Welten, der jenseits des Ozeans, und der hiesigen, welche vielleicht doch nicht so unterschiedlich sind, wie man es sich einredet. Jetzt, wo ich fast drei Wochen hinterher darüber nachdenke, wird mir klar, daü die trostlosigkeit dieser Siedlung zum großen Teil auf die Abwesenheit auf dem Fehlen jeglichen Schönheitssinnes zurückzuführen ist.