am 1. November 1993 .PP Wir fahren nun doch nach Konnarock. Nach langem Hinundher habe ich mich entschlossen; oder vielmehr, bin ich entschlossen, ich mich entschlossen zu haben. Die Reise findet unter neuen Umst{nden statt; aber dann bewirkt das Lebendigsein ja stets neue Umst{nde; Es ist belanglos, wenn nicht gar t|richt, dar}ber zu klagen. Auf die Fragen, warum eigentlich? wozu? wohin? drohen nur peinliche Antworten. Will man nicht immer an den gleichen Ort, immer nach Hause, immer zur}ck zum Kern des Lebens, zu seinem eigentlichen Sinn. Die Reise als Losl|sung von den Gewohnheiten, als Aufbruch, Ausbruch, Ausrei~sen, Durchbruch, als seelische metabasis eis allo genos, als Tod. Das Leben verlangt von uns, da~ wir ihm immer mehr Sinn zuf}gten, und also auch der Tod. .PP Nur unter dem Vorwand, oder unter der Selbstt{uschung durch diese Reise zum Schaffen aufgemuntert zu werden, habe ich mich zu ihr }berwinden k|nnen, denn tats{chlich liegt nun schon seit Monaten die Schreibtafel, oder sollte ich sagen, das Karteiverzeichnis, des Rechners, brach. Wochen sind vergangen seit ich auch nur einen einzigen Absatz hinzugef}gt habe. Statt dessen haben mich das Aufr{umen des Kellers, die Reparatur der Kellerw{nde, die statistische Verarbeitung der Blutdruckbefunde aus Klemens Dialysis Klinik, in Anspruch genommen, bis ganz zuletzt, in der vergangenen Woche ich mein Interesse erst der logischen Aktienauslese, und dann der Aufkl{rung einiger rechtlicher Unbestimmtheiten in den Erbschaftsakten welche von Bedeutung w}rden, wenn Margaret oder mir, oder uns beiden ein Unfall zust|~e. Und da ich mit all diesem fertig, war die Zeit gekommen war der Termin gekommen die wir f}r die Reise nach Konnarock von Patienten frei gehalten hatten. Und nun, da es so weit war zu packen und zu fahren, versagte mir der Mut. .PP Die Begr}ndung f}r diese Abneigung gegen das Reisen stelle ich mir folgenderma~en vor: Die Trennungs{ngste der Kindheit, die Verflechtung mit dem Zuhause, die }berm{~ige Anh{nglichkeit erst an die Eltern, sp{ter an Frau und Kind. Wenngleich diese Eigenschaften mir mein Leben gestaltet haben, und obgleich ich ihnen manch sch|ne und gute Stunde verdanke, so sehe ich doch ein, da~ sie, besonders gesteigert und }bertrieben, nicht nur mir selber, sondern vor allem auch bei Klemens und in geringerem Ma~e bei Rebekah und Nathaniel Unheil anrichten k|nnen. Unser aller Bestreben sollte doch als erstes und h|chstes nach der Freiheit sein. Freiheit bedeutet auch Freiheit von einander, Freiheit zu sich, zu seinem eigenen F}hlen und Denken. Diese Freiheit aber wollte ich nicht; wollte sie nich f}r mich, und wollte sie damit auch Klemens vorenthalten. Daher ist sein Rat, da~ wir fahren sollten, und uns nicht von vermeinten Verpflichtungen, die Enkelkinder zu betreuen sollten abhalten lassen, vern}nftig und recht, wenngleich ich bezweifle, da~ er selbst die Begr}ndung f}r diese Richtigkeit so klar erkennt. .PP F}r mich selber aber soll das Schreiben selbst die Freiheit bewirken, uns das Geschriebene soll mir , wie schon Hoelderlin beschrieb, geistig und seelisch Zuflucht sein. Jetzt, auf dieser Reise, soll sich das seit der Fr}hjahr erlebte zu einer Geschichte, zu einem Buche, ballen. .PP Die Geschichte der beiden Freunde, die ich mir ausgedacht habe, ist mir auf der Fahrt durh Connecticut ins Hudson Tal, und dann durch die Poconos in seiner m|glichen Buntheit, vielfach durch den Sinn gezogen. .PP Ich sehe Joachim in der Untergrundbahn zum Universit{tsplatz, und erlebe mit ihm die Verwunderung, wie sich der Zug aus der Tiefe auf die Br}cke schwingt; ich sehe mit ihm das Flu~becken und die traulich anmutenden Gassen der Stadt; trage mit ihm an der Schwere des Koffers welche die Last seines vergangenen und k}nftigen Daseins versinnbildlicht, und stehe hinter ihm in der Menschenschlange in welcher er auf seine Wohnungsbestimmung und auf seinen Zimmerschl}ssel wartet. .PP Dann die Begegnung mit Matthias: ein Zufall der sicherlich zum wesentlichsten Ereignis in seinem Leben wurde. Die Unterhaltung der Beiden habe ich schon aufgezeichnet. Aus der Unterhaltung ergibt sich vorerst f}r Joachim eine schlaflose Nacht, denn die Wucht mit welcher er sich zu dem Freunde gezogen f}hlt be{ngstigt ihn. Diese Anziehung bedarf schon hier weiterer Andeutung, obgleich ich mir selbst }ber sie noch gar nicht im Klaren bin. Matthias (Cranach) reagiert anders darauf. .PP Am folgenden Morgen treffen die beiden sich wieder, aber auf andere Ebene, und sind nun, so wie sie am Vorabend begeistert, voneinander entt{uscht, und meinen zu erkennen, da~ ihre Wege in andere Richtungen gehen; Diese Unterschiedlichkeit wird nun beschrieben und erkl{rt. Ich habe sie bis jetzt nicht weiter bedacht; mir scheint aber, da~ die Darstellungen dieser Unterschiede kein allzu schwierige Aufgabe sein wird; denn gerade Unterschiede fallen klar ins Auge. .PP Die Struktur des Buches mag darin bestehen, da~ diese beiden sich so sympathischen und doch so verschiedenen Menschen ihr ganzes Leben hindurch, immer wieder begegnen; da~ sie an dieser Begegnung Freude und Genugtuung haben; doch zugleich auch von einander entt{uscht werden; da~ sie sich immer erst anziehen, dann absto~en. .PP Bei der Begegnung mit dem (den) und der beziehung zu dem (den) M{dchen, erleben sie zugleich die Anziehung und die Abneigung aufs neue und in h|herem Ma~e. .PP Sie begegnen sich noch einmal bei der Wahl des Berufes; wie wei~ ich noch nicht. .PP Ob es stilistisch m|glich ist, da~ Matrthias den Prozess f}r Joachim f}hrt, mu~ sich noch herausstellen. All ihre Beziehungen aber m}ssen vom dem Ideal der deutschen Heimat durchtr{nkt sein, die sie dann einzeln aufsuchen. .PP Auch in Deutschland begegnen sie sich wieder; und hier erst recht wird zugleich die Sympathie und die Abneigung auf die Spitze getrieben.