Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 21. April 1993 Liebe Gertraud Strangfeld, Dank f}r Ihren Brief vom 8. des Monats. F}r die Skepsis mit welcher Sie Ihre botanischen Bem}hungen beschreiben, und f}r Ihre zweideutige Bewertung der verschiedenen Insekten die bei Ihnen gastieren, oder, realistischer bedacht, bei denen Sie gastieren, habe ich viel Verst{ndnis. Bei uns geht es vergleichbar zu. Seit Jahren gedeiht in unserem Badezimmer ein Spinnengeschlecht, dessen unvorsichtigere Sprossen ich verschiedentlich vom Wassertod in der Badewanne meinte retten zu sollen. Also bin ich mit der Verr}cktheit des Mannes der Ameisen auswich wohl vertraut. Bei uns erscheinen sie im Fr}hjahr in der K}che in wimmelnden Scharen, einst, als sie uns vor einigen Jahren besuchte, zum unausl|schlichen Entsetzen meiner berliner Kusine. Doch nicht die Spinnen, nicht die Wespen in den Hohlw{nden um unsere Fenster, auch nicht die Ameisen, die Termiten sind es, die uns das gewichtigste ethisch- entomologische Problem bescheren. Termiten, wie sie wahrscheinlich wissen, sind eine Art Ameisen, welche die h|lzernen Ger}ste hiesieger H{user anfallen, und sie verzehren. In Konnarock entdeckten wir Termiten schon mitte der siebziger Jahre; hier in Belmont bemerkten wir sie 1987, zuf{llig. Fast war es zu sp{t, denn sie hatten schon fast das gesamte Sohlengeb{lk unseres Hauses zerfressen. Um die Verseuchung des Bodens mit Giftstoffen zu vermeiden, unternahm ich es selber die schweren Balken in etwa zehn Zentimeter weiten Abst{nden anzubohren um sie mit einer kupfrigen L|sung zu durchtr{nken, eine Arbeit die ich wochenlang, sp{t nachmittags, nach dem ich von der Praxis heimgekehrt war, die Herbst-und Winterabende hindurch bis tief in die kalten N{chte, betrieb. Jedoch waren all meine Bem}hungen vergebens, denn kaum war der Fr}hling gekommen, da~ sich die kleinen weissen Tierchen aufs neue bemerkbar machten und ihre Mahlzeit an unserem Hause fortsetzten. Zuletzt sahen wir uns doch gezwungen, wie normale Menschen klein beizugeben, oder meinten es um unseres Hauses Willen zu sollen, und bestellten die bedrufsm{ssigen Vergifter, welche unmittelbar au~er- und innerhalb der Grundmauern ihr Gebr{uh tief in die Erde pumpten. Aber auch diese Anstrengungen gen}gten nicht die - 2 - Angriffslust der Termiten zu unterbinden, und so viel ich wei~, verf{llt unser Haus auch forthin ihren winzigen Kieferns, wenn auch weniger geschwinde als zuvor. Besagt es nicht alles }ber die Erb{rmlichkeit meiner ethischen Bestreben, da~ ich die einzelne Ameise im leeren, trockenen Wasserglase einfange, um sie unversehrt ihrem Schicksal zwischen den Halmen des Rasens zu }berlassen, indessen aber die ihr verwandten Termiten in Bausch und Bogen dem Gift }berschreibe, nur wegen der Erhaltung unseres Hauses. Ich habe mich }berzeugt, da~ es auf dergleichen Widerspr}che logisch einwandfreie Antworten nicht gibt, und da~ sie sich }berhaupt nur in dialektischer Spannung darstellen lassen. Ob das die Weisheit des Alters ist, geistige Altersschw{che, oder nur pure Tr{gkeit, soll dahingestellt bleiben. Dementsprechend }be ich mich schon seit Jahren in der Aporetik, jenem unheiligen Verfahren, Widerspr}che darzustellen, ohne der Verpflichtung diese zu entwirren, nachzukommen, oder eine solche Verpflichtung auch nur zu f}hlen. Die Eigenart der deutschen Philosophie, wenn Sie mir erlauben auf mein Lieblingsthema zur}ckzugreifen, eine Sache von der ich doch eigentlich allzuwenig wei~, ist wie mir scheint, da~ sie sich vermi~t Antworten zu erteilen, die sie nicht besitzt, statt, wie es sich geb}hrt, nur Fragen zu stellen. Man k|nnte auch behaupten, da~ die Fragenstellung die einzig verfechtbare geistige T{tigkeit des Menschen ist. In diesem Zusammenhang, erlauben Sie mir zu erw{hnen, da~ ich auch zu der Frage, ob das ]berleben beweist, da~ das Leiden gar nicht so schlimm war, mir nie ein Urteil erlauben wollte. Ich meinte nur, da~ diesbez}gliche Erw{gungen, wenngleich sie unbeantwortbar sind, das Leiden nicht weniger als auch das ]berleben um ein geringes erleuchten. Ein Rilkezitat, das meine Eltern besonders liebten, f{llt mir ein. Es ist aus dem Gedicht "Der S{nger singt vor einem F}rstenkind," im ersten Teil des zweiten Buches der Bilder: "Das ist der Sinn von allem was einst war, da~ es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, da~ es zu unserem Wesen wiederkehre, in uns verwoben, tief und wunderbar:" Ist das Faselei? Oder w{ren die Erlebnisse im KZ als }berm{ssig schwer von dieser Heilung ausgeschlossen. Oder erscheint das Leiden der ]berlebenden weniger schlimm weil es durch das Wunder der Heilung jedenfalls zum Teil aufgewogen wird. Ich wei~ es nicht, ich frage nur. Eine sinnvolle Variante dieser Fragestellung ergibt sich mir aus der kontempor{nen amerikanischen Praxis den Patienten bei Augenoperationen eine Verge~lichkeit bewirkende Arznei ins - 3 - Blut einzuspritzen, damit sich hinterher die Patienten der [ngste welche sie tats{chlich zur Zeit des Angriffes auf ihren K|rper sp}rten nicht mehr erinnern, und es ihnen umso leichter f{llt das ihnen vorenthaltene Erleben mit Lobesliedern auf das Wunder ihrer Heilung und die gott{hnlichen K}nste ihrer Chirurgen zu ersetzen, und dadurch zu Werbern an den bisher noch nicht Operierten zu werden, ein Proselytendienst wodurch die Augenchirurgie in Amerika zu unerh|rter Eintr{glichkeit f}r ihre Priester angeschwollen ist. Ich aber frage mich ob man durch diese Ausl|schung des Ged{chtnisses nicht vielleicht den Patienten seines Schicksals beraubt: und diese Frage allein, dessen bin ich gewiss, stempelt mich als zur modernen Medizin untauglich. Die Ironie und die Tragik des Fahrradunfalls welcher Ruth Kl}ger in G|ttingen zustie~ ist auch mir nicht entgangen. Ich deute ihn aber nicht als Merkmal eines verfluchten Ortes, sondern als dialektische Best{tigung des Psalmendichters: OB tausent fallen zu deiner Seiten Vnd zehen tausent zu deiner Rechten So wird es doch dich nicht treffen Ja du wirst mit deinen augen deine lust sehen Vnd schawen wie es den Gottlosen vergolten wird. DEnn der HERR ist deine Zuuersicht Der H|hest ist dein Zuflucht. Es wird dir kein Vbels begegen Vnd keine Plage wird zu deiner H}tten sich nahen. DEnn er hat seinen Engeln befolhen vber dir Das sie dich beh}ten auff alle deinen wegen Das sie dich auff den henden tragen Vnd du deinen fus nicht an einen stein st|ssest. Diese Lyrik habe ich in so umfangreichem Ausma~ zitiert weil ich ihrer Melodie nicht widerstehen kann. Bei meinem Bibelzitieren komme ich mir vor wie eine Betschwester, mit der Absicht Sie zum Glauben zu bekehren, aber das will ich wahrhaftig nicht, denn ich bin ja selbst kein Gl{ubiger, und bin dar}ber hinaus auch der ]berzeugung, da~ man }ber das G|ttliche nicht reden darf, und doch tue ich es fortw{hrend. Aber nicht, so verteidige ich mich, in evangelischer Absicht, sondern in historischer, n{mlich der unleugbaren Tatsache zufolge, da~ ein so gro~es Teil des Erlebens unseres Geschlechts in Religionszeugnissen niedergeschlagen ist, sei es im Schrifttum, in bildender Kunst, in Musik. Da finde ich es unumg{nglich, wenn ich nicht alle Hoffnung aufgeben soll, mich selbst zu begreifen, mich diesen Erzeugnissen des Religionserlebens offen zu halten, nicht um - 4 - sie als heilige Offenbarungen anzubeten, sondern um sie als Spuren eines universellen Menschenschicksals zu verstehen. Um auf den Augangspunkt in G|ttingen zur}ckzukommen, scheint es mir unleugbar, da~ die k|rperlichen Verletzungen welche Ruth Kl}ger durch den unvorsichtigen, aber doch unschuldigen Radfahrer erlitten hat, vom sachlich Pathologischen betrachtet, weit gr|~er waren als alles was ihr die Nazis taten. Trotzdem ver{ngstigt uns der Zusammensto~ mit dem Radfahrer weit weniger als die politische Verfolgung, weil diese berechnet, planm{ssig, beabsichtigt war, und es ist nicht, wie ich schon schrieb, die Zuf{lligkeit des Schicksals sondern die Planm{ssigkeit der Zerst|rung die uns den Schecken einjagt und die wir als B|se bezeichnen. Zuletzt noch eine Bemerkung zu Ihren Beschreibungen der Pflanzen mit denen Sie so befreundet sind, das Bekenntnis n{mlich, da~ auch ich mir einst in jungen Jahren versprochen habe G{rtner zu werden, da~ es mir aber nie gelungen ist }ber mich selbst hinaus zu den Blumen zu gelangen, weil mein Egoismus, meine Besessenheit auf die eigenen Gedanken und Gef}hle mich davon abhielten. Nun ist es zu sp{t, und mir bleibt nichts }brig als zu versuchen die Namen die Sie mir vorsprechen, nachzustammeln. Fast bin ich }berzeugt, da~ Sie und meine Frau es kl}ger gemacht haben ihre geistigen Kr{fte an die Blumen und Pflanzen und Tiere zu verausgaben, statt an die Begriffe und die Maschinen die aus ihnen entstanden sind. Aber diesen Fehler, wenn es ein Fehler war, habe ich nun einmal gemacht, daran kann ich jetzt nichts {ndern, und wenn es mir auch m|glich ist noch jetzt in der elften Stunde mich mit den Pflanzen vertraut zu machen, so ist des dennoch zu sp{t, und die Vertrautheit bleibt oberfl{chlich, denn die Leidenschaft von Jahrzehnten l{sst nich nicht nachholen. Gr}~en Sie bitte Bernd von mir, und seien Sie beide versichert, da~ nach so viel geschriebenen Worten, wenn wir erst einmal in Kierspe sind, sich ein nachdenklichen Schweigen geb}hrt, allenfalls meinerseits.