Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 617-489-1043 am 14. April 1993 Liebe Gertraud Strangfeld, Dank f}r Ihren Brief. Ich wei~ nicht, ob ich Ihren tiefgr}ndigen Erw{gungen gerecht werden kann, allenfalls in einem kurzen Schreiben. Auf Ihre Anregung habe ich Rilkes achte Elegie mehrere Mal durchgelesen, mit dem Beschlu~, wie wenig ich von diesem Gedicht verstehe, und mit der Ahnung, da~ bei zuf{lligem Lesen da auch garnichts zu verstehen ist. Man mu~, scheint mir, die Texte so wiederholt lesen, bis man sie auswendig wei~, darauf zuletzt die Worte unerwartet, bei anderem Erleben, vielleicht ohne {usseren Zusammenhang im Gem}t auftauchen, mit einer eigenen Bedeutung f}r ihn der sie nun zum ersten Mal als eigene Worte h|rt. Wirken nicht alle Gedichte in uns auf diese Art? Ich habe viel }ber Ihre Mutter und deren schwere Krankheit nachgedacht. Erlauben Sie mir nur zwei Bemerkungen dazu: Erstens, da~ bei der furchtbaren Schwierigkeit der Entscheidungen die Sie in naher Zukunft zu treffen haben, jeder Rat eines nicht selbst Mitwirkenden unangemessen und anmassend ist. Zweitens, da~ es aber auch ungeh|rig ist unbeteiligt und gleichg}ltig zuzuschaun. Die wunderbare Gedankenfreiheit, in diesem Lande jedenfalls, erlaubt mir zu sagen, da~ wenn ich mich in Ihrer Mutter Lage versetze, ich mir vorstelle, da~ mein eigener Tod von mir und meinen Anverwandten eher ein sanftes Sterben am Diabetes in den eigenen R{umen erscheischen wird, als ein langwieriges hoffnungsloses Verwelken in einem fremden Altersheim. Da habe nun ich vielleicht etwas falsch gesagt. Die wiederholt erw{hnten Bef}rchtungen Ihrerseits etwas falsch gesagt oder getan zu haben, sind aus meiner Sicht jedenfalls, v|llig unbegr}ndet, denn in der Welt die ich kenne gibt es nichts Richtiges und nichts Falsches, vornehmlich weil ich darin der gr|~te Fehler bin, ein Vorrang den ich mir nicht nehmen lasse. In dieser Welt lebe ich als ein Wesen, nicht un{hnlich einem Vogel in Ihrem Garten, dessen Lebensbedingung es ist, an- und abzufliegen nach eigenem inneren Bedarf, und dessen An- oder Abziehen, Sie, liebe Gertraud Strangfeld, h|chstens als erfreulichen Zufall, als Best{tigung der eigenen Pers|nlichkeit aber nur in geringstem Ma~e, oder garnicht, bewerten d}rfen. Wir beide, Margaret und ich, lassen Sie und Ihren Mann herzlichst gr}ssen.