begonnen am 6. Mai beendet am 8. Mai 1993 .sp Liebe Gertraud Strangfeld, .PP .fi .na Gestern schneite es. Auf den Fu~wgen h{ufte sich der Schnee, und die Stra~en waren von Wagen leer, wie des Sonntags. Von den achtzehn Patienten die sich angemeldet hatten, erschienen nur sieben. So hatte ich Zeit einige berufliche Korrespondenz zu erledigen und ein wenig an meinem Roman herumzut}fteln. Margaret, die mir ja auch in der Sprechstunde hilft, und ich, kamen fr}h, schon um f}nf nach Hause. Im verschneiten Briefkasten wartete Ihr Brief auf mich, mit dem Buch von Ruth Kl}ger. Vielen Dank fu#r beide. Zun{chst verbrachte ich eine halbe Stunde, die Garageneinfahrt auszuschaufeln. Indessen hatte Margaret schon mit dem Lesen Ihres Briefes begonnen. Sie k|nnen sich }berhaupt nicht vorstellen, wie Margaret sich neuerdings f}r meine Gedanken, f}r meine Briefe, und auch f}r meinen Roman interessiert, seit dem eine andere Frau es tut. Sie hat sogar Anf{nge gemacht mit den Enkelkindern deutsch zu sprechen. Ich habe ihr geraten, doch selbst an Sie zu schreiben, und ich vermute sie wird gelegentlich dazu kommen. .PP Ihren Vorschlag direkt von Frankfurt nach Kierspe zu fahren, nehmen wir beide dankend an. Letztes Jahr haben wir uns erst, am Morgen unserer Ankunft, im Taunus verfahren, eh wir den Weg nach A~mannshausen am Rhein fanden. Sobald wir uns ein Zimmer gemietet hatten, sind wir, trotz der schlaflosen Nacht, losgewandert, die Weinberge hinan, zum Niederwalddenkmal oberhalb R}desheims. Bei unserem vierundachtziger Besuch hatte uns unsere nationalistisch gesinnte Wirtin wiederholt empfohlen: "Das m}ssen sie sehen," als solle uns ihre Vaterlandsverehrung stellvertretend vom Denkmal vermittelt werden. Kennen sie das Denkmal? Es ist eine {sthetische Katastrophe, von der moralischen ganz abgesehen. Es rief mir Nietzsches Verachtung f}r das wilhelminische Kaiserreich ins Ged{chtnis, und es zuckte bei mir ein Heimweh nach Straight Mountain und White Top. Aber dann drehte ich mich um und ich blickte auf die Landschaft Hoelderlins .nf "Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen Sta#dten hinunter und lustgen Inseln." .fi .na und da war ich wieder zu Hause. Der hat sie ja auch gekannt. "Barbaren von alters her," hat er }ber sie ausgesagt noch eh sie sich das Niederwalddenkmal ausgedacht hatten. .PP Wir wanderten dann oberhalb des Rheinufers, auf dem sch|nen Pfad der sich von R}desheim an der Burg Ehrenfels und am M{useturm vorbei zieht, zuru#ck zu unserem Zimmer. Margaret war so m}de, da~ ihr im Gehen beim R}ckweg die Augen zufielen, oder so behauptet sie. Jedenfalls freut sich erst recht auf Kierspe als Schutz vor der Wanderwut meinerseits die sie an unserem ersten Tage in Deutschland bedroht. H|chstwahrscheinlich werden wir zwischen 11:00 und 13:00 Uhr bei Ihnen eintrudeln, und wenn nicht, dann machen Sie sich keine Sorgen. Den Schl}ssel finden wir schon unterm Blumentopf. .PP Separat als Drucksache sandte ich ihnen heute (8.5.93) Klemens Aufsatz }ber Kleist, dessen Inhalt Ihnen zug{nglich sein wird, nur insofern sie mit den Einzelheiten der kleistschen Schriften vertraut sind. Klemens Interesse an Kleists Ringen um das Recht ist ein Echo des Prozesses welchen ich 1970 vor dem Bundesgericht in Boston anstrengte, weil ich mich weigerte meine Patienten den Krankenhausbeh|rden zu Versuchtsoperationen zur Verf}gung zu stellen, und weil man mir in Folge dieser Weigerung meine Krankenhausprivilegien entziehen wollte. Was man von mir verlangte, hatte meinem }berspannten Gem}t eine zu gro~e A"nlichkeit mit den Pflichten eines KZ-Arztes als da~ ich mich dazu hergeben wollte. Die j}dische Anw{ltin, welche das Krankenhaus vertritt, hat meine Einstellung durchaus verstanden und vielleicht sogar moralisch gew}rdigt, aber hat dennoch das Krankenhaus gegen meine Klage verteidigt. Der Prozess, welcher sich zehn Jahre lang hinzog, wurde zuletzt durch eine Urkundenf{lschung zugunsten des Krankenhauses, eine F{lschung welche es mir gelang dem Gericht zu beweisen, beschlossen. Formell habe ich den Prozess verloren; tats{chlich aber }berl{sst man mich seitdem meinem Gewissen, und damit ist die unerl{ssliche Bedingung meiner Arbeit erf}llt Daran, da~ die Patienten sich die Mi~handlungen prinzipiell gefallen lassen, und da~ das Gericht nachdem ich sie vor ihm entfaltet hatte, unwillens war sie zu unterbinden, mu~ ich als Gegebenheit hinnehmen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb war es f}r mich ein lehrreiches und sehr befriedigendes Verfahren, denn abgesehen davon, da~ der Richter nicht Adam sondern Garrity hie~, verlief alles wie im Zerbrochenen Krug, nur eben da~ kein Oberrichter aus Utrecht erschien, um die Welt aufs neue in die gerechte Bahn einzulenken. Den Namen dieses kleistschen deus ex machina habe ich vergessen, aber der Name ist nebens{chlich wo es seinen Tr{ger in der wirklichen Welt nicht gibt. Klemens hat sich, im Geistigen an meinem Prozess beteiligt indem er die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, wie wir sie von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr erlitten, seinen Lehrern im Spiegel von Kleists Novellen und Dramen vor die Augen f}hrte. Daf}r hat man ihn mit einem summa cum laude geehrt. Das war auch zum Teil ein Ertrag meines Eigensinns. .PP Au~erdem schickte ich Ihnen die ersten zehn Kapitel, etwa ein drittel, meines Romans. Ich bitte Sie inst{ndig, sich nicht daran zu {rgern. Ich bin ein sehr ausgelassener Schriftsteller, der schreibt, nur weil es ihm Spa~ macht, der sich }ber alles belustigt, dem nichts heilig ist, weil ihm alles heilig ist, oder umgekehrt. Also, bitte, der Name t{uscht, nehmen sie mich nicht Ernst! Wegen des dringenden Wunsches die restlichen Kapitel noch vor unserer Reise zu einem vergleichbaren Abschlu~ zu bringen, habe ich es unterlassen verschiedene mir im letzten Augenblick auffallende Fehler zu korrigieren. Sonst w{re noch eine weitere Woche verstrichen. In erster Linie handelt es sich um den Schriftsatz des "~", bezw. des "ss". Da das ~ auf meinen amerikanischen Schreibmaschinen nie vorhanden war, hatte ich es unterlassen, mir die diebez}glichen Regeln zu merken, bis ich vor etwa drei Wochen, bei Gelegenheit einer Reparatur meiner computergesteuerten Maschine zuf{llig daran erinnert wurde, da~ auf dieser tats{chlich das ~, das {, |, und } auch vorhanden sind. Daraufhin versuchte ich mittels eines kleinen Computerprogramms an geh|rigen Stellen in dem gesammten Text das "ss" durch das "~" pauschal zu ersetzten. Dieser Versuch ist mir mi~gl}ckt, und hat zahlreiche Fehler, unangebrachte ~, in den Text hineingeschleust, welche ich nur zum Teil herausgepult habe. Ich sagte mir, Ihnen sei doch mehr am Inhalt als an der typographischen Orthodoxie gelegen, und mit dieser Ausrede habe ich es unterlassen die vereinzelt noch }briggebliebenen Fehler auszumerzen. Nebenbei bemerkt, ich finde die Dudentyrannei zugleich armselig und albern. Wie traurig es ist, da~ diese gek}nstelte sinnwidrige Ordnung den Mangel von Geist und Leidenschaft in unserer Sprache zu ersetzen beansprucht! Mein Vater hat es mir oft genug eingesch{rft, da~ die Manieren bei Tisch zu vergessen nur dem gestattet sein soll der sie vollends beherrscht. So halte ich es mit der Grammatik und der Orthographie, jetzt noch nicht, aber eines Tages werd ich mich nicht mehr darum k}mmern. .PP Zu den alten Briefen von denen ich ihnen Kopieen }bersandte noch einen kurzen Kommentar: In Bezug auf jene altkluge Bemerkung "Amerika wird nie meine Heimat sein." stimme ich mit Ihnen }berein, da~ sie verd{chtig ist. Sie war wohl nichts mehr als ein Echo des Erlebens meiner Eltern und ist bezeichnend ehr f}r meine Beziehung zu jenen als zu Deutschland oder Amerika. Als ich mich an den besagten Brief erinnerte suchte ich ihn f}r Sie hervor nicht als bewunderungsw}rdig, sondern, in philologischer Sicht, als wahr. Wir Philologen wollen doch immer zu den Quellen, und dieser Brief war wirklich, ihn hatte ich geschrieben, und wenn er nun einmal sentimental und kitschig ist, so war ich eben mit acht ein halb Jahren, und ich kann's jetzt nicht mehr {ndern. Bei derselben Suche fand ich dann die anderen Briefe, den meines Vaters vom Schiff, welchen ich nie zuvor gelesen hatte, und den }ber die dermatologischen Probleme des Religionslehrers Schaubode. In Antwort auf Ihre Frage: So gut ich mich besinne habe ich nur einen Religionslehrer gehabt, und Schaubode mu~ es gewesen sein, der die Bibel gegen Mein Kampf austauschen wollte. In dem Aufsatz von 1984, welchen ich meinem B}cherpaket beif}ge habe ich nachl{ssiger Weise Herrn Schaubode selbst statt Ihrem Vater das Verdienst f}r Schaubodes Bekehrung zuerkannt. Es ist aber ausgeschlossen, da~ meine Mutter sich an irgendjemand au~er ihrem Vater gewandt hat. Ubrigens ist dieser Aufsatz Fragment geblieben, ich bin nie in Stimmung gewesen ihn auszuarbeiten, und schicke ihn nur, weil er meine Einstellung zu der von Ruth Kl}ger aufgeworfenen politischen Schuldfrage um ein wenig erl{utert. .PP Nun zum Wesentlichsten, dem Buch von Ruth Kl}ger. Es hat mich stark beeindruckt. Gestern abend hatte ich die ersten hundert Seiten; heute die restlichen hundertf}nfundachtzig gelesen. Mich selbst habe ich auch drin wiedergefunden, n{mlich in zweierlei Gestalt. Erstens: " Gisela, meine Bekannte aus Princeton, spricht mit deutlicher Billigung von einem Exulanten, der ... keinem Deutschen etwas }belnimmt. Ich kenne ihn und frage mich }berrascht: Ist der wirklich so charakterlos, da~ er Vers|hnung und Verzeihung anbietet, die er gar nicht zu vergeben hat, ich hatte eine bessere Meinung von ihm." Ich entschuldige mich f}r meine Charakterlosigkeit. Hier aber ist ein Mi~verst{ndnis unterlaufen, denn nur wer zu richten bevollm{chtigt ist, vermag zu vergeben. Ich aber darf nicht richten, und deshalb meint man, irrt}mlicher Weise ich h{tte vergeben. Ich bin weder f}r die Rache noch f}r die Gnade zust{ndig. Ich will nichts als verstehen. .PP Die zweite Gestalt in welcher ich mich wiedererkenne ist Gisela selbst, denn die beansprucht ja, genau wie ich, das Unbegreifliche zu begreifen. Durch die unvermeidliche Verzerrung die sich aus unserem Versuch ergibt, wird Ruths Anspruch das Leiden zu besitzen verletzt, ein Mi~verst{ndnis welches jedoch nicht ausschlie~t, da~ Ruth und Gisela nebeneinander im Flugzeug nach M}nchen fliegen konnten, keineswegs wie in meinem Roman durch Zufall, sondern durch freiw{hlende Geselligkeit. Im Grunde, denke ich, verstanden Gisela und Ruth sich recht gut, denn ich vermute da~ Ruth in Giselas Erlebniswelt eine Rolle spielte vergleichbar bedeutend mit Giselas auf der B}hne auf welcher Ruth sie erscheinen l{sst. Also brauchen sie einander. .PP Giselas Fehler, wenn ich sie recht verstehe, ist nicht das irrt}mliche Urteil, ihr Fehler ist, da~ sie sich zu einem Urteil gedrungen f~hlte, wo sie nicht erlebt, wo sie nicht gelitten hatte. Ich halte es f}r sehr wahrscheinlich da~ Gisela empfindsam war, und warum sollen wir ihr nur weil sie nie in Theresienstadt, in Auschwitz, in Birkenau gewesen, die Empfindsamkeit absprechen? Im Gegenteil, vielleicht war ihr Interesse an Ruth und an Ruths Schicksal wie immer unbeholfen es sich auch offenbarte, ein Ausdruck von Mitgef}hl, von Sorge, von schwesterlicher Liebe. Es ist m|glich, da~ sie sich Ruth derart verwandt f}hlte, da~ sie wie der Dicher bei Hofmannsthal im Stillen zu sich sagte, .nf .sp .in+10 "O w}~t ich mehr von diesen Abenteuern, Denn irgendwie bin ich dareinverwebt und wei~ nicht, wo sich Traum und Leben spalten." .in-10 .fi .na .sp Vielleicht war ihr Sinnen um Ruths Schicksal so dringend, da~ sie sich im Stillen w}nschte, so entsetzlich und unnat}rlich ein solcher Wunsch auch sein mochte, Ruths Schicksal mit ihr geteilt zu haben, und da gewesen zu sein, das durchgemacht, das erlebt zu haben was Ruth erlebt hatte, selbst wenn es ihr das Leben gekostet h{tte. Der vern}nftige Mensch wird einwenden, wie unnat}rlich, ja pervertiert, ein solcher Wunsch w{re, wie hohl, wie schauspielerinnenhaft, wie unecht, in der Tat, ein Selbstvernichtungswunsch, der nie und nimmer auf die Probe gestellt w}rde. Zugleich mu~ der vern}nftige Mensch aber auch zugeben, da~ ein Bed}rfnis sich selbst zu vernichten, sei es aus Scham, aus Reue, aus Schuld, unter den Menschen durchaus nicht unerh|rt ist. Es ist denkbar, und vielleicht ist es Ausdruck einer bis jetzt noch unbenannten Gem}tskrankheit, da~ ein Mensch sich nur aus Mitleid, aus Verlangen nach Wirklichkeit zu leiden sehnt. Auf jeden Fall bitte ich, Gisela nicht zu untersch{tzen. .PP Nun fragt mich Ruth, "Und was halten denn Sie davon?" und auf diese Frage schweige ich erst einmal. Gewiss, es ist ein Buch, es ist ver|ffentlicht, und damit ist es zur Kritik freigegeben. Mir scheint aber, man sollte nicht nur mit der Kritik, sondern auch in der Auswahl dessen was man kritisiert, w{hlerisch sein. und dieses Buch, so lautet mein Urteil, ist f}r Kritik noch nicht reif. Kaum drei Jahre sind seit seiner Ver|ffentlichung vergangen, die Tr{nen und der Schwei~ der Angst die es ans Licht f|rdert, sind noch nicht getrocknet. Ich kann es nicht verh|ren, da~ da ein Ruf um Hilfe ist, und einen Ruf um Hilfe kritisch zu bewerten w}rde bedeuten, da~ man sich den SS Schergen zugesellte, dieses einzigartige Leben zu verkr}ppeln und mittels seiner Gedanken, mitttels seiner Worte der k|rperlichen Mi~handlung die seelische hinzu zuf}gen. Da~ dergleichen m|glich ist, bewei~t ja schon die abgebrochene psychiatrische Behandlung durch des Vaters Freund, welche so eindrucksvoll beschrieben wird. Nein, ihr Leiden will ich nicht beanspruchen, und ich will ihr Recht darauf welches das Schicksal Ruth und ihresgleichen zugesprochen hat, verteidigen, in dem Sinne, da~ sie allein dar}ber reden d}rfen, wir aber schweigen m}ssen. Ich will mich mit den Gedichtstrophen bescheiden welche behaupten, .sp .nf .in+6 Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung vor unsern Meinen, da~ wirs niemal einholn und nie erfahren, wie es wirklich aussah." (Rilke, Requiem) .sp .in-6 .fi .na Ich wei~ da~ diese kognitive Zur}ckhaltung Ruth nicht befriedigen wird. Aber was macht es aus? Nicht auf meine Einmischung, auf Ruths Schicksal kommt es an, ein Schicksal das sie nie bew~ltigt hat und nie bew~ltigen wird, und deshalb neige ich mich vor ihr, wie vor einer Heldin Dostojewkis, in Anerkennung und Ehrfurcht. Tief eingefleischt ist der Glaube, da~ das Leiden heilig macht, und da~ erst das Sterben dem Menschen das wahre Leben beschert. Es ist eine Dialektik welche in der Religion eine so wesentliche Bedeutung hat, denn letzten Endes ist Gott ja auch heilig geworden nur dadurch da~ er sich hat kreuzigen lassen. Aber die Rolle des Anbeters der Heiligen widerstrebt mir denn auch, und meine Gelenke str{uben sich vor dem Marterbild zu lange zu knieen, denn ich wei~ das die eingebildete Apotheose eben nur eine solche ist, eingebildet, unwahr. Die Wahrheit ist das Leiden selbst, es geht kein Weg drum rum. Das Leiden ist ein Tor durch welches man hindurch mu~. Jenseits des Leidens er|ffnen sich drei M|glichkeiten: die Erl|sung durch den Tod, die Heilung durch die Natur, und die wunderbarste von allen, und die verkannteste, da~ der Schmerz seine Qual verliert, also nicht mehr Schmerz bleibt sondern zu etwas anderem wird. Da~ die Muselm{nner in den KZ tats{chlich noch im Leben schon jenseits des Leidens waren, nicht anders als der in tiefem Schlaf ersterbende, das glaube ich. .PP Was nun meine eigene Stellung anlangt, so bitte ich um Erlaubnis hier der Arzt zu werden, um Gottes Willen nicht wie Dr med Josef Mengele, aber ich mu~ meine Kollegen aufs eindringliste warnen, da~ Mengeles Spezialisierung tats{chlich sehr verlockend ist, und da~ ein jeder von uns der beansprucht die geschundenen und gemarterten Menschen zu versorgen, Gefahr l{uft so einer zu werden wie er. Die Aufgabe um die ich bitte, ich will es gleich heraus sagen, ist nicht die des modernen technisch orientierten Wissenschaftlers, denn die Technik hat beim leidenden Menschen nichts zu suchen. Ich m|chte Arzt sein in dem Sinne, das einer da ist, der wenngleich er das Geschehene nicht zu verstehen vermag, er jedenfalls seine Hilflosigkeit, sein Nichtverstehen versteht. Als ein solcher Arzt habe ich Ruth Kl}gers Buch gelesen, habe zugeh|rt indessen sie mir alles ihr m|gliche erz{hlte, so viel und so gut sie es vermochte, und was sie erz{hlt, ist sehr viel und sehr gut erz{hlt, habe es alles }ber mich ergehen lassen, habe es in mich aufgenommen, teilnehmend und kritiklos, mit dankbarer Bewunderung f}r ihre gro~e Aufrichtigkeit, und werde am Ende doch von ihr abgewiesen, vorgeblich weil ich ihrem Urteil, da mir das Urteil verboten ist, nicht beipflichten darf, vielleicht auch weil sie in mir in erster Hinsicht nur einen Mann erkennt, einen Frauenfeind, tats{chlich aber weil ihr entsetzliches Schicksal sie von uns begnadeten trennt, so sehr wir sie auch in unsere Arme schliessen m|chten. Selbst aber wenn die Patientin, wie es so viele tun, sich der {rztlichen Sorge entzieht, so darf der Arzt sie trotzdem nicht im Stich lassen. Denn es ist ja die Aufgabe des Arztes die Krankheit zu begreifen ohne sie am eigenen K|rper, an der eigenen Seele, erlebt zu haben. Tats{chlich vermag der Kranke weder die Diagnose noch die eigene Behandlung zu stellen. Der Arzt hat die Pflicht zwischen dem Menschen und der Krankheit zu vermitteln. Das ist eine gro~e, eine }bergro~e Aufgabe, der ich weder in meiner Praxis noch in meinem Denken bis jetzt gerecht geworden bin. Aber ich will es weiter versuchen. .PP Die Haltung des Arztes gilt nicht nur dem Leiden des Einzelnen; sie gilt auch der Gesellschaft als ganze. Die gro~e Errungenschaft der Medizin, ist, meines Erachtens, nicht der technische wissenschaftliche Fortschritt, die Narkose, die Antibiotika, die Steroide und was immer sonst noch in den vergangenen hundert Jahren aus den Laboratorien den Markt }berschwemmt hat. Die wesentlichste Leistung der Medizin ist die Verbannung des Werturteils von der Diagnose, die Einsicht n{mlich da~ eine kranker Mensch nicht vom B|sen, nicht vom Teufel besessen ist, und da~ ihm Hilfe, nicht Strafe geb}hrt. Diese Einsicht hat sich bei den Griechen schon vor mehr als zweitausend Jahren durchgesetzt, und bis auf die Psychiatrie, beherrscht sie seitdem das gesammte medizinische Denken. Ganz anders in Sachen der Politik. Da behauptet man in unsinniger Weise von allem das es gut oder schlecht sein m}sse, und man beansprucht wie in den primitivsten Heilverfahren durch Worte, durch Zauberspr}che, durch moralische Entschlossenheit, durch Drohung, Zwang und Strafe, das "Gute" herbeizuf}hren und das "B|se" zu auszumerzen. Welch ein Quatsch! .PP Gewi~lich wird es keinem einzelnen gelingen allein auch nur dir Grundlage einer vern}nftigen Staats und Gesellschaftslehre zu stiften. Auch sind ja die V|lker auf ihre Rechtschaffenheit in einem Ma~e besessen, da~ keine Hoffnung besteht, da~ eine vernunftgem{sse Politeia nicht schon nach zehn Jahren vergessen w{re, selbst wenn man am Anfang Notiz von ihr n{hme. Aber dem Einzelnen ist es schon jetzt erlaubt, einzusehen, da~ Begriffe wie "gut" oder "schlecht" der Naziherrschaft in Deutschland nicht vorbeugen konnten, und da sie nun einmal }ber das Volk hereingebrochen war sie nicht austreiben; und da~ die Moral weder damals noch jetzt eine gen}gsame Erkl{rung f}r politisches Geschehen bieten kann. Das Verst{ndnis von Nazideutschland kann auf keine Gef}hlswallungen gegr}ndet sein, und keine moralischen Maximen, und vor allem nicht auf der Voraussetzung da~ der Nationalsozialismus etwas fremdes und unnat}rliches und einmaliges war. Im Gegenteil, ich finde, er ist der klarste und harteste Ausdruck der Problemtik der modernen industriellen Massenkultur, und nur indem wir ihn als solchen begreifen, k|nnen wir uns vor ihm sch}tzen. .PP Zu Anfang aber sollte man versuchen, die einfachsten Erscheinungen des menschlichen Daseins ein wenig klarer zu verstehen. Wer das Leiden begreifen will, soll erst einmal selbst gelitten haben. Ich komme um die Beichte nicht umhin. Das Zahnweh ist der eizigen k|rperliche Schmerz den ich je ertragen mu~te. Ich wollte den Schmerz ja erleben, denn ich f}rchtete mich vor him. Um keine Angst mehr vor ihm zu haben, mu~te ich den Schmerz erleben. Darum verweigerte ich die Lidocainespritze. Und dann wenn es nur ein bisschen weh tat, sagte ich mir, es mu~ noch b|ser sein, denn im KZ wird es auch schlimmer werden. Und da hab ich versucht mich im Tragen des Schmerzes zu u#ben, indem ich inwendig eine Arie die ich besonders liebte sang. Einmal aber bei einer Wurzelkanalbehandlung hat es so schrecklich weh getan, da~ ich meinte es w{re etwas in mir zerbrochen, und ich solle es mir f|rderhin nicht antun, und deshalb erbat ich mir fernerhin bei dieser Operation das An~sthetikum. Da~ es einen Schmerz gibt den ich nicht ertragen kann, mag ich immer noch nicht zugeben, und ich frage mich, ob ich vielleicht doch nur mit der eigenen Feigheit verstecken spiele. .PP Nein, Gott bewahre mich davor, da~ ich mich unterst}nde Ruth Kl}ger, oder meinem Vater, oder irgendeinem sonst der dort gewesen ist Belehrungen geben sollte, da~ es in Wirklichkeit nicht so furchtbar war, weil sie es doch }bertlebt h{tten, obgleich sich diese Betrachtung tats{chlich sehr naheliegend ist und sich sogar Ruth Kl}ger aufdr{ngt. Dieses, "da~ du hier bist, beweist da~ es nicht so schlimm war," ist g{nzlich verschieden von dem "da~ ich hier bin, beweist da~ es nicht so schlimm war," denn die S{tze sind durch die Scheide der Subjektivit{t weit von einander getrennt. Ein Urteil }ber einen anderen ist etwas v|llig anderes als ein Urteil }ber sich selbst. Und bei dem fremden Urteil ist es auch nicht die Geringsch{tzung des Leidens, welche die Abwehr erweckt, sondern das Eindringen in die Geheimnisse der Seele welches darin liegt, da~ der andere, der Fremde, sich anma~t auch nur zu ahnen, wie schlimm es war. Das Schweigen welches die Seele }ber das Entsetzliche verh{ngt ist ja nur eine Form der Verminderung, denn das Leiden ist tats{chlich zu einer nimmer heilenden Wunde geworden, die man nicht aufdecken darf, weil ihre Aufdeckung mit der Integrit{t der Pers|nlichkeit unvereinbar ist. Daher die vom Leiden bewirkte Vereinsamung. Der Widerspruch ist unverkennbar. Einerseits verlangt man zu schweigen, andererseits sehnt man sich nach Verst{ndnis, und will das Erlebte mitteilen. So auch Ruth Kl}ger. Warum w}rde sie sonst ein Buch geschrieben haben das erz{hlt, was nur sie begreifen kann, was ihr kein anderer, bestimmt keiner der nicht mit dabei war, best{tigen oder gar bestreiten darf? Meint sie denn wirklich, Gisela mit ihrer Erz{hlung }berzeugen zu k|nnen, wenn das was in jeder Zeitung steht dazu nicht gereichte? .PP Es ist ja oft genug gesagt, da~ sich die Grausamkeiten der Nazis allem Verst{ndnis entziehen Nur die Bilder der gequ{lten religi|sen Phantasie scheinen dazu zu taugen. Das KZ als H|lle, als der eigentliche Ort der Qual. Sollte das sein, weil seit Jahrhunderten kein vern}nftiger Mensch an die H|lle mehr glaubt? Die Priester w}rden sagen, da~ kommt davon, da~ ihr euch geweigert habt an die H|lle zu glauben, vor allem an die Notwendigkeit der H|lle zu glauben. Sie ist wirklich, und weil ihr an ihre Wirklichkeit und vor allem an ihre Notwendigkeit nicht glauben wolltet, war es euer Schicksal sie euch selbst anzulegen. Welch Unfug. Besuch mal einer das Gerichtsmuseum in Rothenburg wo das Folterger{t ausgestellt ist, und versuch er sich die Schmerzen vorzustellen mittels derer hunderte, gar tausende, im Laufe der Monate und Jahre zu Grunde gerichtet wurden. Oder besichtige er die Verlie~e deutscher Burgen und male sich aus, was es bedeutet dort wochen, monate, jahrelang im eigenen Kot zu verfaulen, oder so lange wie immer der K|rper es aushielt. Da w}rde Ruth Kl}ger selbst behaupten, Theresienstadt war besser, sogar wenn es nur eine Vorstation f}r Birkenau war. .PP Da h|re ich nun jemanden sagen, Ich gebe zu die Foltern von damals und jetzt wahren vergleichbar, und die Gef{ngnisse des zwanzigsten Jahrhunderts sind denn auch nicht furchtbarer als jene des f}nfzehnten, und es m}~te einer zweimal hingerichtet werden und zweimal wieder auferstehen um uns vergleichend zu berichten ob es weniger unangenehm ist mit zerquetschter Luftr|hre anderthalb Stunden am Galgen zu baumeln als in geringerer Zeit in der Gaskammer zertrampelt und erstickt zu werden. In meinem Fall, werde ich darum w}rfeln lassen. .PP Ein anderer wird sagen, "Ja, aber das geschah ja im Mittelalter nur vereinzelt, die gequ{lten Menschen waren dutzend oder h|stens hundertweise zu Z{hlen. Im f}nfzehnten Jahrhundert gab es ja noch keine sechs Millionen Menschen in Europa." Ich atme erleichtert auf, welch ein Entsatz! Endlich sind sie doch angekommen, die Truppen der Kliometriker, uns aus der Geistesnot der Geschichte zu befreien. Endlich kann die geisteswissenschaftliche Konferenz um die vernunftgem{sse Aufkl{rung der Nazikatastrophe beginnen. Ist es }berhaupt erlaubt sich anzuma~en vernunftgem{~ dar}ber zu diskutieren? Darf man das H|llenfeuer thermodynamischer Berechnung unterziehen? Ich glaube doch. Wir haben da ber}hmte Vorg{nger. Mit Verlaub von Theodor Adorno und Hannah Arendt, mit Ludwig Marcuses Segen k|nnen wir den Anfang machen. Schade nur, da~ Herr Settembrini fehlen mu~, wie auch, aus historischen Gr}nden, von Neumann und Morgenstern, Oskar, nicht Christian, Bertrand Russell, John Stuart Mill, und Jeremy Bentham. Sie alle geh|ren zu unserer Besprechung, denn sie alle waren der U"berzeugung, da~ sich der Menschen Gl}ck berechnen l{~t, und wenn sich der Menschen Gl}ck berechnen l{sst, dann ist es doch axiomatisch da~ sich der Menschen Ung}ck wovon uns Ruth Kl}ger in so eindringlicher und }berzeugender Weise berichtet hat, sich gleichfalls der Algebra, der Mengenlehre, der mathematischen Logik erschlie~en sollte. Nach dieser Auff}hrung mathematischen Talents und mathematischer Maschinerie ist die zu beantwortende Frage besch{mend einfach. Vorausgesetzt wird, da~ die qualvolle Ermordung von sechs Millionen Menschen eine unbegreifliche moralische und gesellschaftliche Katastrophe bedeutet, dann ist die Frage um wieviel kleiner mu~ die Zahl der Ermordeten werden, da~ sie begreiflich w}rde, und keine moralische und gesellschaftliche Katastrophe mehr bedeutete. Ich frage wiederholt, und es antwortet keiner. Mu~ also selbst die Teilung beginnen, und komme mir vor wie ein Auktion{r der das Ungl}ck versteigern will, und um Zeit zu sparen gehe ich stat arithmetisch, geometrisch vor, teile die Unzahl durch zwei, durch vier durch acht, durch sechzehn. Noch immer ist keiner der dem deutschen Volk die Schuld abnehmen will, selbst wenn es sich nur um dreihundertf}nfundsiebzigtausend gemarterter Leiber handelt. Um die Seelen, der Anweisung unserer namhaften Berater zufolge, k}mmern wir uns nicht. Die }berlassen wir dem Lieben Gott. Bei 375,000 Ermordeten handelt es sich scheinbar noch immer um eine unannehmbare, unbegreifliche moralisch gesellschaftliche Katastrophe. Der Vertreter der Vereinigten Staaten scheint beunruhigt. Man sagt er will erst mit Washington R}cksprache halten, man munkelt die USA w}rde den 375,000 im Nazieuropa hypothetisch unerw}nschten, }berfl}ssigen Menschen unumwunden Asyl anbieten, vorausgesetzt, da~ sie sich vom Aids Virus als uninfiziert beweisen k|nnen. Aber, unbegr}ndeter Optimismus, das Ger}cht war falsch. Die Unbehaglichkeit des USA Vertreters erweist sich als erkl{rlich dadurch, da~ die schrumpfende Zahl dabei ist die Hiroshima-Nagasaki Grenze zu durchbrechen. Er beantragt eine Pause in den Verhandlungen. Die Sachverst{ndigen der einzig }briggebliebenen Supermacht kommen unter der Leitung des namhaften Logikers zu dem eindeutigen Beschluss, da~ es sich ja nicht um das Wohl jedes Einzelnen, auch nicht um das Wohl der m|glichen Mengen zweier, dreier oder vier Personen handele, sondern um das Wohl der Gesellschaft, um das Wohl der gesammten Erdenbev|lkerung. da~ es, obgleich relig|se Bedenken hier nicht mitspielen sollten schon biblisch bescheinigt ist, da~ es gut sei, da~ ein Mensch w}rde umbracht f}r das Volk. Es handele sich schlie~lich um das gr|~te Gut der gr|~sten Menschenzahl, und darum schon, wie ja auch aus den in Ruth Kl}gers Buch angef}hrtem Brief von Albert Einsteins Sekret{rin hervorging war, wo es um das Wohl der Gesamtheit geht, das einzelne Menschenschicksal zu }bersehen. Tats{chlich seien 375000 tausend Menschen, so die Amerikaner, in Anbetracht des st}ndlichen Zuwachses der Erdenbev|lkerung keine so gro~e Anzahl. Schlie~lich k|nne die Bev|lkerung der Erde nicht in den Himmel wachsen. Der Vatikan bef}rwortete diese Einstellung da sie die Nachfrage um Verh}tungsmittel wesentlich vermindern w}rde. Dar}ber hinaus w{re dem Nationalinteresse der Vereinigten Staaten eine geringere Zahl unannehmbar, und Washington w}rde, im Falle da~ die Konferenz eine geringere Nummer f}r den moralisch annehmbaren Foltermord bestimmte, die finanzielle Unterst}tzung welche diese Konferenz bisher erm|glicht hatte umgehend einstellen. Trotz der angestrengtesten Versuche auf Seiten der f}hrenden industralisierten L{nder, wurde eine so hohe Zahl f}r den annehmbaren Foltermord von den kleinen Staaten kategorisch abgelehnt, und verst{ndlicher Weise, denn sie bef}rchteten, da~ sie damit dem gierigen Nachbarn jedenfalls vor dem Internationalen Gerichtshof das Recht der vollkommenen Annihilation anerkennen w}rden. Das wollten sie keineswegs. Ein jedes Land verlangte lediglich das Recht sich der Fremdlinge, Gastarbeiter, Fl}chtlinge oder anderer unerw}nschten Elemente der Bev|lkerung mittels einer ihm }berlassenen entg}ltigen L|sung zu entledigen, und da diese Zahl f}r jedes Land verschieden war, kam es zu keiner U"bereinstimmung. .PP Diese Konferenz f}hrte zwar zu keinem Beschluss, aber was weit wichtiger ist, doch zu einer Entdeckung, n{hmlich da~ es nun }ber die erlaubte Zahl des annehmbaren Foltermordes keine allgemeine U"berinstimmung gibt, und meines Erachtens auch nie geben wird, weil die Staaten alle sich das Vorrecht behalten wollen die unbequemen Menschen zu foltern und zu morden. Da liegt es nahe zu untersuchen ob vielleicht das Urteil des Einzelnen }ber diese schwierige Frage ein vergleichbares ist. Ebenso wie die Staaten sich das Recht vorbehalten, sich von unbequemen Minderheiten durch endg}ltige L|sungen zu entledigen, so wollen die einzelnen B}rgerinnen und B}rger das Vorrecht bewahren, sich vor dem unwillkommenen Zudringling zu sch}tzen, auf h|fliche Weise wenn m|glich sonst aber durch Mord. Das ist etwas r}de ausgesprochen, aber darauf kommt es hinaus. Prinzipiell ist nur verlangt da~ das lokale Interesse des Urteilenden, Staat oder Einzelnen, gewahrt wird. Aus den unterschiedlichen Empfindsamkeiten und Urteilen ergeben sich dann die unterschiedlichen politischen Forderungen. .PP Ein Mensch wie ich selbst, um gleich bei einem Extrem anzuheben, f}hlt seine eigene Existenz schon durch den Tod eines Eichh|rnchens, wenn nicht gar einer Maus oder einer Fliege in Frage gestellt. Ein anderer, weniger zimperlich ist J{ger. Er hat Freude an Das T|ten von Rehen oder G{nsen oder was immer da keucht und fleucht, bereitet ihm Freude, ist ihm Erholung. Es sind ja nur Tiere. Ein dritter sp}rt keine Bedenken einen Neger in Klump zuschlagen, wenn er dies unbestraft tun kann, oder, wie Ruth Kl}ger berichtet, einen unbequemen deutschen Gefangenen abzuknallen, weil sie Fremde sind, und vielleicht auch weil es ein ganz wenig Spa~ macht, wie das Jagen. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt die zehn oder zehntausend Juden in die Gaskammer zu schubsen, weil das von ihm erwartet wird, weil es seine Pflicht ist, wenn es auch nicht so viel Spa~ macht, und weil er die eigene Existenz durch den Massenmord an dem er sich beteiligt unbeeintr{chtigt w{hnt. Verbr}dert f}hlt sich doch letzten Endes keiner mit keinem. .PP Es ist, denke ich, ein Irrtum, das Gef}hl des Verbr}dertseins unter den Menschen vorauszusetzen, und zu verwundern, da~ es unter ung}nstigen Umst{nden ganz ausf{llt. Das Gegenteil ist der Fall. Zu verwundern ist, da~ Menschen }berhaupt jemals f}r einander Mitgef}hl und Mitleid haben. Ich komme also auf den Gedanken, da~ jeder einzelne Mensch im eigenen Gem}t die ihm annehmbaren Umst{nde und die ihm annehmbare Zahl von Foltermorden auf jene Art und Gr|~e taxiert, die sein Interesse f|rdern ohne jedoch seine eigene Existenz zu bedrohen. Die schwierige Frage um eine unbedingte Wertung des Menschenlebens wird somit umgangen. Sie gibt es nicht. Es ist l{ngst beschlossen: die Menschen m|gen in Zukunft unbehelligt weiter morden, in welchem Ma~e immer es ihnen m|glich ist, selbst dabei zu gedeihen. Man beanstandet die Foltermorde der Nazis weil sie einem Angst einjagen, und das tun sie, weil ihrer so viele waren. Vereinzelt sind die Foltermorde sind nicht so be{ngstigend. und sind den Regierungen im Rahmen milit{rischer oder wirtschaftlicher Zusammenarbeit annehmbar, vielleicht sogar unentbehrlich. .PP Auf die absolute Zahl der Foltermorde kommt es nicht an. Unannehmbar werden sie nur, wenn es dem Betrachtenden unm|glich wird, sich }ber das Entsetzen mittels eines idealistischen Schemas hinwegzut{uschen. Der propagandistische Fehler der Nazis war, da~ sie mit ihr Morden so unverkennbar programmatisch vorgingen, denn es war diese Programm~sigkeit ihres Vorgehens und nicht das Ausma~ des von ihnen verursachten Leidens welches das Weltbild der unbeteiligt Betrachtenden bedrohte. Die Nazis handelten als ob es ihnen tats{chlich gelingen w}rde ihr Morden zu kantartigem Weltgesetz zu machen. Es war dies bedrohliche Weltgesetz, und nicht die Qual Ruth Kl}gers und ihresgleichen, das den Zuschauern die Angst einjagte und den hohen Pegel ihrer Entr}stung bestimmte. Diese Analyse macht das Problem zum ersten Mal traktabel. Durch sie ist sehr viel erkl{rt. .PP Das Millenium, die Utopie in welcher Menschen aufh|ren sich gegenseitig zu qu{len und zu ermorden, wird uns beschert sobald die einzelnen Menschen, welche die Folterung und den Mord beschlie~en oder ausf}hren, die eigene Existenz, das eigene Wohl, das eigene Leben durch ihr Handlung bedroht w{hnen. Diese Einsicht wird durch alle }berlieferte Gesetzgebung best{tigt. Und die herk|mmliche Bestrafung ist bisher das wirksamste Mittel die Schranken der menschlichen Handlung zu bestimmen. Aber das Rechtswesen unterliegt mannigfaltiger Beschr{nkungen. Einer Gesetzgebung welche dem Leben und Gedeihen des Einzelnen unbedingten Schutz gew{hrt, ist die Bundesrepublik seit 1949 am n{chsten gekommen. W{hrend dieser Zeitspanne haben die Deutschen, von ihren kriegerischen Anstrengungen ersch|pft, das T|ten vornehmlich anderen V|lkern }berlassen. W{hrend der Nazijahre jedoch ging es hier wie anderswo, und die Gesetze wurden ohne R}cksicht auf den Einzelnen, lediglich in den Dienst der Volksmacht gespannt. In den Vereinigten Staaten pflegt man die Interessen des Einzelnen gegen die vermeintlichen Interessen der Regierung mehr oder weniger vorsichtig abzuw{gen. .PP Ich habe vom Foltermord gesprochen. aber dieser Begriff ist kaum gel{ufig und bedarf noch einiger Erl{uterung. Es ist verst{ndlich da~ zuweilen ein Mensch den n{chsten aus dem Wege haben will. Wie etwa David den Uriah, dessen Frau er wollte. Und jemand zu foltern um ihm ein Geheimnis abzuwringen ist auch logisch, nicht weniger als ihn seines vermeinten Seelenheils halber zu qu{len. Aber jemanden zu qu{len nur als Vorbereitung zu seinem Mord, so wie es tats{chlich vielen Falls geschah, das bedarf der Besinnung, das bedarf der Erkl{rung. .PP Und eine abschliessende Bemerkung, ich denke vielleicht die triftigste von allen. Wir pflegen das Entsetzen, welches uns bei der Betrachtung der Nazi Mordmaschine mit ihrem unerh|rten Ausma~, sechs millionen Leichen ! zu erkl{ren und mit der furchtbaren Schreckenhaftigkeit und Schmerzhaftigkeit des so systematisch geplanten T|tens. Ich meine aber gezeigt zu haben, da~ es auf die }bergro~e Zahl nicht ankommt, da~ der Staatsmord einer viel geringeren Anzahl von Menschen vergleichbare Ekel und Angst erweckt. Man kann sich sehr einfach einen Feldzug ausmalen, in welchem vergleichbare, sagen wir f}nfhunderttausend Menschen umkommen, wie zum Beispiel bei dem Nazi Feldzug gegen Ru~land. Dabei empfinden wir Mitleid und Angst in wesentlich geringerem Ma~e, wenngleich die Anzahl der Toten und die Qual ihres Sterbens unserer Voraussetzung entsprechend sich von der Zahl und Qual der ermordeten KZ H{ftlinge nicht unterscheidet. Wieso der Unterschied? .PP Ich mag mich im Irrtum befinden, und will nur vorsichtig mit meinen Vermutungen vordringen. Aber ich ahne das die unterschiedliche eine Ursache hat, welche ich tats{chlich als theologisch Bewertung der Todesf{lle in den beschriebenen Situationen erkennen mu~, wie etwa folgt: