Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 20. Oktober 1993 Liebe Gertraud, Dank f}r Deinen Brief mit seinen Einlagen. Welch ein buntes Spiegelbild Eures Leben: die Ansichten von Prag, die Aufs{tze und Gedichte der Kinder, das Encomium der englischen Sprache, und nicht zuletzt die v|llig dem amerikanischen Humor entsprechenden Karikaturen. Da~ meine Schilderung der Herbststimmung Dich verlegen gemacht hat, tut mir leid. Es wird Dir vielleicht schon aufge- fallen sein, wie grunds{tzlich ich mich in meinen Briefen jeglicher Selbstzensur enthalte. Ob meine Offenheit als tadelns- oder lobensw}rdig gelten sollte, als aufdringlich oder als aufrichtig, wage ich nicht zu entscheiden. In jedem Falle bin ich mir ihrer Fragw}rdigkeit bewu~t, bitte geh|rigst um Entschuldigung, und wie ein guter Katholik sich nach der Beichte in neue S}nden st}rzen darf, so fahre auch ich unverfroren fort meine Gedanken ungez}gelt und unzensiert erst der Komputerkartei, und hernach dem Postamt anzuvertrauen. Auch scheint mir Z}gellosigkeit des Geistes kaum als die {rgste m}glicher S}nden, denn wie leicht es ist das geschriebene Blatt ungelesen zu }bersehen bedarf keiner Betonung. Ich bilde mir nicht ein K}nstler oder Dichter zu sein, oder mich mit solchen einzustufen. Die Herbststimmung des Jeremias, die ich zitierte, erinnert mich an die beiden gro~en Herb- stgedichte von Rilke, aus dem Buch der Bilder ("Herr es ist Zeit, der Sommer war sehr gro~" und "Die Bl{tter fallen, fallen wie von weit"). Mich in die Melancholie hineinzuf}hlen und sie zu schildern bedeutete mir eine Befreiung von Gef}hlen, die mich an- derweitig noch {rger bedr}ckt h{tten. In seinem Requiem f}r den dem Selbstmord erlegenen Grafen von Kalckreuth schreibt Rilke: "Dies war die Rettung. H{ttest du nur ein Mal gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht und nicht zur}ckkommt, wie es drinnen Bild wird und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr, der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst, zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen - : du h{ttest ausgeharrt." Ich frage mich, ob nicht dies der Reiz des Tragischen, das in der Literatur eine so }berwiegende Rolle spielt, sein m|chte, da~ ungeachtet des Schreckens den sie ausl|st, die Verge- genst{ndlichung des Schmerzes im Kunstwerk den Betrachtenden -2- tr|stet und befreit. Vielleicht ist das die Erkl{rung f}r den Zauber welchen seit mehr als tausend Jahren die plastische Darstellung des Gekreuzigten auf das abendl{ndische Gem}t aus- ge}bt hat. Ich denke dabei auch an die im 4. Buch Mose beschriebene Schlangenplage. Du erinnerst Dich, da~ es scheinbar dem Jehovah unm|glich war, sein geplagtes auserw{hltes Volk in Frieden zu lassen. Zuletzt schickte er ihnen noch die feurigen Schlangen. Vielleicht sah er selbst ein, da~ er mit dem Bilderverbot zu weit gegangen war, und bediente sich dieser raf- finierten Heimsuchung um jenes r}ckg{ngig zu machen ohne sich zu blamieren. Bekanntlich sprach der Herr zu Mose: "Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben." Mich d}nkt dies Gebot be- deutet nichts geringeres als die g|ttliche Einsetzung der Kunst zu dem Zweck den Menschen ihr Dasein ertr{glich zu machen. Aber die Kinder in ihrer einf{ltigen Unschuld f}rchten sich auch vor den ehernen Schlagen; ich jedenfalls, als ich als Kind in Hilde Oelmanns Kindergarten in der Bodestrasse geschickt wurde, klagte jedes Mal, wenn sie anfing ein gruseliges M{rchen vorzulesen, }ber Kopfweh, und entfloh in den Garten. Die Aufs{tze der anderen Kinder, welche Du Deinem Brief beif}gtest, haben mich beeindruckt, und scheinen mir in gewissem Ma~e die Proklamation }ber die Bedeutung des Englischen zu wider- legen. That essay, if I may say so, gives me the creeps. I can do without the lyrics of rock and roll. Die von Heine oder Eichendorff sind mir unentbehrlich. In der Sprache der Mathe- matiker und Rechner bin ich bewandert genug um zu verstehen, da~ es keine Sprache ist sondern Mitteilung, insoweit als diese die ]bertragung gegenst{ndlicher Begriffe, Sprache aber Ausdruck in- neren Erlebens ist. Auch bezweifle ich, ob eine Bev|lkerung deren Geh|r in so hohem Grad von Radio und Fernsehen gepr{gt ist, f{hig bleiben wird, eine |rtliche Sprache zu entwickeln. Nicht das Englisch des Winterm{rchens oder der Areopagitica, sondern "Newspeak" im Sinne George Orwells wird das Propagandamittel der Zukunft. Liebe Gertraud, Du entschuldigst mir bitte meine unver- sch{mten Stellungnahmen; aber sonst, meine ich, hat der Briefwechsel keinen Sinn und macht auch keinen Spa~. Inzwischen sind wir wieder in Konnarock, vorgestern hier angekommen. Schon auf der Fahrt habe ich meine Anpreisung des mittelmeerartigen Klimas schlucken m}ssen, denn auf den Anh|hen der Poconos gerieten wir in einen Eissturm; die Autobahn verwan- delte sich momentan in Schlittschuhgel{nde, und um ein Geringes w{re ich mit unserm sch|nen erst zwei Jahre alten Minivan auf einen die Fahrbahn quer versperrenden Lastwagen geschlittert, aber im letzten Moment gehorchten Bremse und Steuer; und wie wir sagen, "A miss is as good as a mile." In Konnarock lagen bei un- serer Ankunft etwas zehn Zentimeter mittelmeerartigen Schnees, aber das Haus war dicht, und auf den Wink des Thermostaten sprang die Heizung in fieberhafte Glut. Die M{use hatten diesmal die Perserteppiche verschont, wohl kaum aus Nachsicht, sondern wegen des u}blen Geruchs des Mottenpulvers womit wir jene bestreut hat- ten. Inzwischen sitze ich lange Stunden auf der eingeglasten Ve- -3- randa, und blicke abwechselnd in die Winterlandschaft und auf dem Bildschirm meines Computer wo ich die fragmentarischen Anlagen zu einem zweiten Roman redigiere. Du darfst es mir nicht }bel nehmen, da~ ich Dir davon erz{hle. Ich bilde mir keineswegs ein, Dich damit zu erg|tzen oder zu erbauen, und bin zu einem Versuch damit gro~zutun viel zu n}chtern, selbst wenn mir sonst daran l{ge mich auszuputzen. Wahr aber, da~ es um vieles leichter ist, eine Geschichte zu erz{hlen, wenn man sich dabei einbilden kann einen Zuh|rer zu haben, oder eine Zuh|rerin, und bei der Einbildung mag es ja bleiben. Sie gen}gt. Ich beabsichtige ein Epos der Entidealisierung, eine Geschichte des Lebenslaufs zwei junger M{nner, zwei eichendorff- scher Gesellen, eng miteinander befreundet, die sich mit ihren Vorstellungen von Tugend und Wahrheit ins Leben schlagen. Ihrer sind zwei, um meinen Hang zum Widerspruch, zur Dialektik zu be- friedigen, und um den letzten Freundesdienst zu erm|glichen, n{mlich, da~ einer zuletzt dem anderen die Geliebte entwendet. Zum ersten Mal treffen sie sich auf der Universit{t als ih- nen eine gemeinsame Wohnung zugewiesen wird. Schon da~ hrer bei- der Namen in der englischen Sprache unaussprechbar sind, scheint sie miteinander zu verbinden. Bei sind deutscher Abstammung,und elternlos, der eine von amerikanischen Pflegeeltern erzogen, der andere im Waisenhaus. Die Familiengeschichte ist also tabula rasa, insofern als beide nichts als Ger}chte }ber der Eltern An- teil an dem Faschistenstaat erfahren haben. Den einen zieht es zu den Naturwissenschaften, der wird Mathematiker, Logiker, und endigt als Rechtsanwalt. Der andere beabsichtigt die Philoso- phie, lernt schnell, da~ diese nichts ist als ausgekl}gelte Lit- eratur, und erkennt den Inhalt der Literatur als das Leben welch- es sie spiegelt. Der wird Arzt. Beiden schwebt Deutschland als die ideale Vervollkommnung der Gebrechlichkeit ihres allt{glichen Lebens vor. Wie in dem Gedicht von Georg Philipp Schmidt, fragt ein jeder von ihnen in eigner Weise, "Wo bist Du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt, und nie gekannt." Ein jeder von ihnen verbei~t sich mit Ehrgeiz in sein Studium, und verwechselt, wie jeder gute Sch}ler den Lehrstoff mit der Wirklichkeit. Nach vollendetem Studium wird ein jeder von ihnen t{tig in seinem Beruf. Was ihnen als Ziel vorschwebte erscheint nun als Quelle verwickeltster moralischer Probleme. Einer fragt den an- deren um Rat. Das Ergebnis dieser Beratung ist ein Prozess den der Anwalt im Namen des Arztes f{hrt, nicht un{hnlich in seinem Inhalt und seinem Verlauf jenem Prozess welchen ich 1970 gegen das Krankenhaus anstrengte. Sie verlieren den Prozess, und sind jeder in eigener Art entgeistert. Joachim, der Arzt sieht seine Karriere am scheitern. Matthias, der Anwalt empfindet, da~ dieser Verlust ihm beruflich den Boden unter den F}~en entzogen hat, insofern als es ihm hinfort m|glich ist weder an Wahheit noch an Gerechtigkeit zu glauben. An ihrer gemeinsamen Verzwei- flung zerschellt, es scheint unwiderruflich, ihre Freundschaft. -4- Ein jeder von ihnen zieht sich von dem gemeinsamen Erleben zur}ck. Als Rettung schwebt ihm Deutschland vor, als das gelobte Land, und ein fliegt nun endlich, ohne da~ der andere es w}~te, nach Deutschland. Die Beschreibung dieser beiden von einander unabh{ngigen Deutschlandreisen der einstigen Freunde ist das zweite Buch, der zweite Teil des Romans. So wie sie Menschen verschiedener Tem- peramente sind, werden auch ihr Reisen unterschiedlich. Joachim, der Arzt mit philosophischen und dichterischen Interessen, be- sucht Museen und Kirchen, Konzerte, Vorlesungen, literarische Tagungen. Er findet vieles das interessant ist, maches das sch|n ist, aber nichts das ihn befriedigt oder beruhigt. Matthias sucht sein Ziel auf politischen Pfaden zu erreichen. Die Reise nach Deutschland scheitert f}r jeden der einstigen Freunde auf eigene Weise Joachim erlebt die Kunst als hohl und leer. Zuletzt trifft er ... Ich bin mir klar, welch es Gr|~enwahnsinn bezeugt zu beanspruchen eine so weitl{ufige Geschichte in wenigen Wochen niederzuschreiben.