Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 20. Juni 1993 Liebe Gertraud, Dein Brief vom 8.6., mit dem Gespenst im Aktenschrank, in einem Berg von Drucksachen, Reklamebogen, Rechnungen und Zeitschriften vergraben, wartete auf mich im Postamt, als Mar- garet und ich von Konnarock heimkehrten. Die reizende Vorstel- lung eine Pr}fung ablegen zu d}rfen, wurde, indem ich die Fragen eine nach der anderen durchdachte, von der Einsicht getr}bt, da~ es mir unm|glich sein w}rde, diese Pr}fung zu bestehen, es sei denn, da~ ich mich umkehrte, und w}rde wie die Kinder. Dann, in Gedanken, sah ich Dich an dem Tischchen zu h{upten des Klassenz- immers sitzen, und den Brief an mich schreiben, w{hrend die Sch}ler und Sch}lerinnen sich }ber den als angetrunkenen Miets- mann vermummten Reiseberater den Kopf zerbrechen, und ihr alle auf die befreiende Glocke wartet. "Meinst Du," so lautet Deine Frage, "da~ Charles Dickens an Geister geglaubt hat?" Es ist hoffnungslos, antworte ich, dem Heiligsten das den Menschen beseelt, dem Glauben, in dieser dumpfen, verwahrlosten Wohnung nachzusp}ren. Unverkenntlich ist, da~ sich Charles Dickens }ber das tiefe Heimatsbed}rfnis des Men- schen, zum Ort seines Leidens zur}ckzukehren, belustigt, und da~ er das Leiden des Menschen, und die Gespenster, welche dies Lei- den gebiert, verspottet, da~ er einen angetrunkenen Grobian an- tike M|beln zertr}mmern, und mit Sch}reisen auf verzweifelte Men- schenseelen losschlagen l{~t. Welch ein Prooimion zu einer an- gels{chsischen Kristallnacht! Liebe Gertraud, versteh mich nicht falsch. Ich wei~, Du hast die Geschichte vom Gespenst im Akten- schrank nicht geschrieben. Du h{ttest nie vermocht, sie zu schreiben. Tats{chlich ist die Brutalit{t, die sie ausstr|mt, Deinem Wesen so fremd, da~ Du die Geschichte garnicht verstanden hast. Und ich bef}rchte nun, da es gesagt ist, da~ ich Dich mit meiner unversch{mt zudringlichen Exegese geschmerzt, verstimmt, oder gar erz}rnt habe. Aber da will ich rasch um Verzeihung bit- ten, und mein Vergehen fortwischen, eh es unser Einverst{ndnis tr}bt. Als ich am n{chsten Morgen erwachte, fiel mir eine zweite Antwort auf Deine Frage ein, b}ndiger, wie mir scheint, als die, mit welcher ich mich am Vorabend gebr}stet hatte, und diese Antwort lautet, da~ Charles Dickens doch an Geister glaubte, denn heute morgen bin ich ueberzeugt, dass, trotz seinem Bart, ungeachtet dem auf Bildern so sichtbaren Erwachsenenalter, trotz der ber}chtigten Sch}rzenjagden, Charles Dickens tats{chlich ein -2- Kind war. Bei dieser Vermutung schwindet die Brutalit{t der kleinen Geschichte, und auch das andere Wenige, das ich von Dick- ens gelesen habe, wird mir verst{ndlicher. T{glich beobachte ich ja, wie bedachtlos die Enkelkinder auf alles, das ihren Leben- sraum beengt, dreinzuschlagen bereit sind, und wie sie auf ihres- gleichen, auf Bruder oder Schwester, mit Sch}reisen oder der n{chsten handgreiflichen Waffe, losgehen, wenn deren Anwesenheit sie st|rt, und wie sie, wenn Gewaltsamkeit versagt, den konkurri- erenden Geist verbannen, nicht anders als der Mietsmann in der Geschichte, indem sie ihm befehlen, "Oh go away, this is my place, I don't want you here. Da~ aber Kinder an Gespenster glauben, steht doch au~er Frage. In Konnarock hatte ich Gelegenheit die ersten sechs B}cher des Staats von Platon seit langem einmal wieder zu lesen. Ich hatte nichts als eine englische ]bersetzung verf}gbar, deshab bin ich so weit gekommen. Sonst bestehe ich darauf, den griechischen Text zu entziffern, und das geht so langsam, da~ ich }ber das er- ste Buch nie hinaus komme. Mir wurde klar, in Hinblick auf die dickensische Skizze, wie wirklichkeitsfremd, Platons Forderung, durch das Zensieren der ihm dargebotenen Literatur den Charakter des Kindes zu beeinflussen. Ich denke sie hat manch freidenk- enden Menschen, der sich sonst von dem Idealismus angezogen f}hlte, verstimmt, Der Sinn der Literatur wird am Ende vom Leser in sie hineingelegt; und daher denke ich, dass es unm|glich ist, da~ ein Mensch von dem, was er lie~t verdorben wird, veredelt aber auch nicht. Das unerwartet anregende Intermezzo mit dem Gespenst rief mir dann auch die Frage, welche mich am Vortage unseres R}ckflugs, w{hrend der umwegigen Autofahrt nach Frankfurt, besch{ftigt hatte, lebhaft ins Ged{chtnis zur}ck, die Frage n{mlich inwieweit ich die Bilder und Gedanken die mir von Zeit zu Zeit vorschweben, in Briefen an Dich niederschreiben darf, und inwieweit ich meine Ausf}hrungen von Deiner mutma~lichen Reaktion z}geln lassen sollte, denn nichts liegt meinem Vorhaben ferner als Dich irgendwie auch nur im Geringsten zu kr{nken. Anderer- seits wei~ ich, da~ ein v|llig sterlisierter Brief weder zu lesen noch zu schreiben der M}he wert w{re. F}r mich ist dies ein altes Problem. In einem fr}hen Brief berichtete ich Dir schon, wie {ngstlich meine Eltern einst all meine Ausf}hrungen, die schriftlichen nicht weniger als die m}ndlichen, }berwachten, und keinen Satz, der auch nur den blass- esten Schatten auf ihre Personen warf, unbeanstandet lie~en. Mit kindlicher Treue habe ich mich ihren Anspr}chen gef}gt, aber ich vermute, da~ wenn ich es nicht getan, und auf meine Gedankenfrei- heit bestanden h{tte, mein Erfindungsverm|gen und meine Darstel- lungsf{higkeit um manches fr}her gereift w{ren. Noch heute, un- terbricht nicht selten meine andere Schwester ein Telephonge- spr{ch, wenn eine meiner Ausf}hrungen nicht in ihr Weltbild pa~t, mit dem gequ{lten Flehen, "Oh, Jochen, don't say that," wie immer berechtigt und ausgewogen meine ]berlegungen mir auch erscheinen m|gen. Und auch diesem Wunsch f}ge ich mich gern. So auch in -3- den Unterhaltungen zwischen Dir und mir ist es mir das Selb- stverst{ndlichste mich auf Themen zu beschr{nken, die Dir an- genehm sind. Schon die vorgehende Zergliederung der dickensis- chen Skizze empfinde ich als gewagt, und doch geh|rig, weil sie so viele wesentliche Grenzpf{hle des Erlebens aufdeckt. Ins besondere aber besch{ftigt mich die m}gliche Selbstzen- sur neuerdings, weil es mir, w{hrend der paar Tage in Konnarock, gelang, den Umri~ eines geplanten Romans, der meinen Deutsch- landerlebnissen entspringt, niederzuschreiben; und ich bitte Dich mir anzudeuten, ob ihr davon garnichts, nur ein bi~chen, oder alles wissen willst. Es w{re sinnlos die Tatsache zu verkennen, da~ die Unterhal- tungen mit Euch und die Spazierg{nge, in Kierspe, K|ln, Regens- burg, Goslar, und in der Oberpfalz einen Eindruck hinterlassen haben, dem ich mich nicht entwinden kann, selbst wenn ich es wollte. Alles was ich hinfort }ber Deutschland denke oder schreibe, gl{nzt im Lichte dieser Erinnerungen, und ich meine sogar, da~ rechtm{~ig ihr die Besitzer eines Anteils daran sein solltet, wenn Ihr wolltet. F}r Biographie habe ich mich nie interessiert, und Schl}sselromane haben mich von jeher als Dummheiten angemutet. Nichts liegt meinem Vorhaben ferner als irgendeine Person, lebend oder verstorben, zu beschreiben oder zu beurteilen. Ich bin }berzeugt, da~ das Wesen eines jeden Menschen anderen unerreich- bar ist, und letztlich auch sich selbst, und da~ jeder Versuch einen anderen Menschen zu beurteilen oder auch nur zu beschreiben, ein Irrtum ist. Ich jedenfalls habe vor es niemals zu tun. Andererseits aber erlebt man die Welt nur gegenst{ndlich, und wer die Wirklichkeit dieses Erlebens darstellen will, kann nicht umhin, sich der Bilder, die ihn beeindruckt haben, zu bedienen. So habe ich in meinem vorigen Roman zahlreiche Beobachtungen an mir selbst den verschiedenen Personen, die ich entstehen lie~, angedichtet, ohne da~ ich mich auch nur einer einzigen gleichgesetzt h{tte, und habe mich der Eigenarten, die ich an meinen Eltern, an meiner Schwester and meiner Frau, meinem Sohn, an etlichen Lehrern, Kollegen und Pa- tienten beobachtete, in gleicher Weise bedient, ohne da~ ich einen einzigen von ihnen mit meiner Beschreibung zu bezeichnen gedachte. Wenn ich die drei Deutschlandreisen die ich mit Mar- garet seit 1984 gemacht habe }berhaupt literarisch verwerten soll, dann wird es unumg{nglich, die Gesten, die Worte, die Gesinnungen, die Gef}hle die unserem Zusammensein entsprossen sind, so wie es die Geschichte erfordert, aus der Vergessenheit heraufbeschw|ren, und wenn Ihr Euch dann bei jedem Satz fragt, "Meint er mich? Soll ich das sein? Denkt er so }ber mich?" und meinem Vorwort nicht glauben k|nnt, da~, um Gottes Willen, ich weder einen von Euch, noch Margaret, noch Klemens meine, und auch nicht mich selbst, dann k|nnte binnen Stunden, wenn nicht gar Minuten, die fabelhafte Freundschaft zwischen uns unwiederher- stellbar zerr}ttet sein. Um das zu vermeiden, weihe ich Dich in meine Besorgnis ein. ]berleg bitte, und gib mir ein Anzeichen, -4- wie Dir d}nkt, da~ ich mich verhalten soll. Die Entscheidung um welche ich Dich in so anz}glich auf- dringlicher Weise bitte, hat f}r mich bedeutende praktische Fol- gen. Wie Du wei~t, bin ich die verschiedensten Verpflichtungen eingegangen, meinen Patienten gegen}ber, den Enkelkindern, der Verwaltung des Familienkapitals, der Instandhaltung unserer drei H{user, der Korrespondenz mit Dir, und nun noch dazu einem anspruchsvollen neuen Roman. Die beiden letzten Vorhaben, Korre- spondenz und Roman, die schon l{ngst im Gem}t untrennbar geworden sind, m|chte ich auch auf dem Papier verschmelzen, m|chte die Freiheit haben Dir die Einzelheiten der weitl{ufigen Geschichte, so wie sie von Woche zu Woche erlebe, zu unterbreiten. Dies also zum Vorgeschmack, damit Du vorerst entscheiden magst, ob Du diese Speise vertragen kannst. Es handelt sich um zwei junge Menschen, Studenten, bisher einander unbekannt, welchen durch beh|rdliche Schickalsf}gung eine gemeinsame Zweiz- immerwohnung in einem Mietshaus einer amerikanischen Universit{t zugeteilt wird. Von vorneherein verbunden sind sie durch die Tatsache da~ ihnen beiden deutsche, der amerikanischen Zunge unaussprechbare, Namen gegeben worden sind, welche abzu{ndern, sie sich von Kindheit auf geweigert haben, aus der unbestimmten Ahnung, da~ die Unaussprechbarkeit der Namen ihnen die Einzigar- tigkeit der Geister verb}rgt. Sie sind gleichaltrig. Der eine, Johannes Magus, ist gro~ und blond. Der andere, Matthias Cranach, ist gedrungen und hat einen dichten Schopf dunkelbraunen Haars. Die geistige Wahlverwandschaft bewirkt eine innige, in der amerikanischen Welt unerh|rte Freundschaft. Von Anfang an aber geht es mit ihnen bergab. Sie verlangen die Besonderheit welche sie f}r sich selbst beanspruchen, in der Welt best{tigt zu finden, und ihr Leben wird ein schwerer lei- densvoller Gang, der sie lehrt, da~ es in der Welt nichts beson- deres gibt, und da~ sie nichts besonderes sind. Ihre Biogra- phieen werden Legenden der Entidealisierung. Ungeachtet der engen Freundschaft sind ihre Temperamente verschieden. Matthias studiert Mathematik, ger{t }ber die Logik zur Rechtswissenschaft, und wird Anwalt. Johannes lockt die Philosophie, und als er diese als eine Gattung der Literatur erkennt, dehnt sich sein Interesse auf das gesammte Schrifttum aus. Als es ihm klar wird, da~ auch dies Schrifttum eine Gattung des menschlichen Erlebens ist, entschlie~t Johannes sich, mittels des Studiums der Medizin, zu den Quellen dieses Erlebens zu drin- gen, und wird Arzt. Die Weltfremdheit seiner Gesinnung f}hrt Jo- hannes in Zwistigkeiten mit seinen Kollegen. Er beklagt seinem Freund Matthias seinen Gram, und dieser }berredet ihn zu einem Prozess gegen ein Krankenhaus. Der Verlauf dieses Prozesses wird in Einzelheiten geschildert gen}gend um die restlose Entideal- isierung der Juristik und der Medizin zu bewirken. Die Freunde verlieren ihren Prozess, und dieser Verlust zerschmettert die Freundschaft. -5- In den fr}heren Jahren, indem Johannes sich in die deutsche Geistesgeschichte einarbeitete, hatte er nicht selten mit Bewun- derung und Ehrfurcht seinem Freunde die Einzigartigkeit dieser Gef}hls- und Gedankenlandschaft beschrieben. Nun, da er an seinem Beruf verzweifelt, seine Frau ihn verlassen, und Johannes sich von ihm getrennt hat, entdeckt Matthias eine tiefe Sehnsucht nach Deutschland, nach dem Land seines verflossenen Freundes, und fliegt dorthin. Von dem Augenblick, da das Flugzeug die Piste ber}hrt, sucht Matthias das ihm von Johannes gelobte Land, aber er vermag nicht es zu finden, vermag auch nicht, wie Johannes es gekonnt h{tte, dieses mythische Deutschland heraufzubeschw|ren. So taumelt Matthias vom amerikanischen Deutschland zum t}rkischen, zum links-extremistischen, zum rechts-extremistischen. Er f}hlt sich gedrungen, alles mitzumachen, jede manirierten Ausdruck meint er nachsprechen zu m}ssen, und jede zur Schau gestellte Uniform an- legen zu m}ssen. Zuletzt erscheint er mit halb geschorenem Kopf und bemalter Haut bei einer Punkversammlung in einem grossen Dom. Matthias bemerkt eine von einer Frau geleitete F}hrung und schlie~t sich ihr an. Er lauscht den sinnvollen Erkl{rungen der klugen Frau, doch bei der Betrachtung eines Kruzifixus wird Matthias stutzig, und zu seinem eigenen Entsetzen h|rt er sich mit lauter, klarer Stimme sagen, "Ja, es bew{hrt sich immer wieder, Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut." Mit kristallner Klarheit widerhallen die Worte vom Gew|lbe, und versinken in Todesstille. Dann bricht ein H|llenl{rm hervor. Keiner wei~, was mit dem Schreckenssatz gemeint ist, aber die furchterweckende Aufmachung des Sprechers l{~t auf etwas Entsetzliches schlie~en. Man hat die Polizei gerufen. Die F}hrerin und Matthias werden zum Verh|r in ein Polizeihauptquartier. Die F}hrerin f{ngt an zu weinen und erkl{rt der Anblick des Crucifixus w{re ihr unertr{glich. Bei dieser Rede bekreuzt sich der Polizeihauptmann fortw{hrend. Matthias h{lt eine Rede, im hohen Stil des Advokaten, da~ die Kreuzigung, als die mutwillige Zerst|rung des Menschenlebens von Seiten des Staates auch dem modernen fortschrittlichen Deutsch- land Notwendigkeit sei. Auch ihr unerwartet, nimmt sich die Frau, f}r die ich noch keinen Namen habe, seiner, Mathiasens, an, Sie stellt ihm ein Zimmer in ihrem Landhause zur Verf}gung, und lehrt ihn die Pflanzen und die Tiere lieben. Er bleibt mehrere Monate dort wohnen, bis er von Johannes dort besucht wird. Inzwischen vermi~t Johannes seinen Freund, und macht sich auf ihm nach Deutschland zu folgen. Wo Matthias ist, wei~ er zwar nicht, meint aber, ihn aufsuchen zu sollen und finden zu k|nnen, denn im Unterbewu~tsein verwechselt er das Deutschland, nach dem er sich sehnt, und von welchem er Matthias erz{hlt hat. So tritt er eine lange ergebnislose Reise an, besichtigt unz{hlige Marktpl{tze und Kirchen, f{ngt an dann, Museen zu be- suchen, und verirrt sich in eine Gallerie moderner Kunst. Sie ist fast leer. Vor einer expressionistischen Darstellung eines -6- weiblichen K|rpers bleibt er stehen. Eine Frau tritt neben ihn. "K|nnen Sie mir das erkl{ren?" fragt sie ihn. und er beginnt mit einer sorgf{ltigen, ausf}hrlichen dessen was er sieht. Dabei wird die Frau immer unruhiger. Zuletzt sagt sie mit Emp|rung, "Warum sehen Sie mich so unverwandt an. Es ist eine Unver- sch{mtheit." Dies nun ist die Einleitung zu einer ausf}hrlicheren Auseinandersetzung, welche darauf hinausgeht, da~ die Frau, deren Namen ich noch nicht erfunden habe, sich ihm an- schlie~t; und er ihr sein Deutschland zeigt. Viel sp{ter erst, stellt es sich heraus, da~ sie eine Zwillingsschwester der neuen Freundin und G|nnerin von Matthias ist, und dieser Zufall f}hrt die beiden Freunde wieder zusammen. Aber ihr Leben hat sich ver- wandelt. Geblieben ist nur die Entt{uschung und die Einsamkeit.