Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 9. Juni 1993 Liebe Gertraud, Die Autofahrt von Belmont nach Konnarock fand ich dies mal besonders sch|n. Der Strassenverkehr war unerwartet gering. Die }ppige Belaubung auf Grund des }berm{~igen Regens, den wir in diesem Fr}hjahr erlebten, verdeckte Fabriken, Gesch{fte und Sied- lungen, und }berlie~ mich dem Wahn ganz allein mit Margaret durch eine paradiesische Landschaft zu fahren. Besonders anmutig schien mir dies mal der breite Hudson, fjordartig mit steilen Ufern und Bergesketten begrenzt, blau-silbern im Sommersonnen- schein ergl{nzend, und eine Stunde darauf, erstreckte sich vor uns das weite Tal des Delaware, so dicht mit W{ldern bedeckt, da~ der schmale Wasserstreifen des Flusses nur stellenweise zu erken- nen ist, und jenseits, die flachen mit blauen Dunst beschichteten Berge der Poconos, wo Margaret mit ihren Eltern die Sommerferien verbrachte, deshalb f}r uns beide mit vielen Erinnerungen }berschichtet. Jedes mal wenn ich an _E_u_c_h dachte, ergriff mich die Scham, wegen der L}gen, die ich Euch }ber die H{~lichkeit der amerikanischen Landschaft weis gemacht habe, denn in ihrer Sch|nheit, fand ich an diesem Tage, konnte sie sich mit allem messen, was Deutschland zu bieten hat. Oder waren es vielleicht doch nur die Augen die sich verwandelt hatten. Jedenfalls erscheint mir diese letzte Deutschlandreise wie eine Wasserscheide, von der aus nun an all meine Gef}hle und Gedanken in einer anderen Richtung, einem anderen Meer entgegen, sich st}rzen m}~ten. Zugleich aber wei~ ich, da~ diese Erschein- ung eben nur eine solche ist, ein Blendwerk, da~ tats{chlich sich in meinem Leben nur wenig ver{ndert hat, da~ ich um ein paar Wochen {lter, ein wenig mehr verwirrt als zuvor, und da~ dieses Vorstellung, da~ etwas am eigenen Leben neuerdings anders sein sollte, eine Spezies der Selbstst{uschung ist, mittels derer man sich dar}ber hinweg betr}gt, da~ nichts war, und da~ nichts sein wird. Ich denke, es l{~t sich viel erkl{ren, wenn man dieses oder jenes Schriftst}ck, im gegebenen Fall das kleistsche Drama, mit einer Wiese vergleicht, und so wie ich auf den Wiesen, eh Du mich in die Schule nahmst, vielleicht kaum mehr als Gestr}pp und Un- kraut erkannte, nun aber die einzelnen Pflanzen und K{fer und V|gel aufmerksam betrachte, so erlebe ich die Literatur als ein weites und buntes Gefilde, auf dem ich dieses oder jenes zu -2- erkennen meine. Ich will nicht aufdringlich sein, aber mir scheint, wie ich Dir schon vor einigen Monaten schrieb, da~ die gemeinsame Betrachtung der Wiesen des Geistes so wie auch der Natur, eine tunlichere Bet{tigung ist, als }ber die eigenen Gef}hle und Gedanken zu berichten, oder gar sich anzuma~en diese wechselseitig einzusch{tzen. Inzwischen habe ich, aus dem Bed}rfnis, Deine Frage etwas b}ndiger zu beantworten, als ich es auf der Fahrt von K|ln aus dem Stegreif vermochte, noch einmal Kleists Prinz Friedrich gele- sen, und blicke darein, wie in einen Spiegel, der mir die Welt best{tigt, so wie ich sie zu kennen meine. Bemerkenswert finde ich schon die Zueignung, so dichterisch anspruchslos sie auch sein mag, Gen Himmel schauend greift, in Volksgedr{nge, Der Barde fromm in seine Saiten ein. Jetzt tr|sten, jetzt verletzen seine Kl{nde, Und solcher Antwort kann er sich nicht freun. Ich lese diese anspruchslosen Zeilen, die weder etwas }ber Himmel noch Volk aussagen, als eine {sthetische Br}cke, angelegt um vom h|fischen Alltag in die M{rchenwelt der Dichtung zu f}hren. Der Barde der in seine Saiten greift ist eine zu Kleists Zeit herk|mmliche Einbildung, auch den k}nftigen G|nnern gel{ufig, eine Vorstellung welche, ich denke von Herder und seinesgleichen eingef}hrt, in den Jahrezehnten zuvor mit den Ossianf{lschungen ihren b}ndigsten Ausdruck gefunden hatte. Wer so leiden- schaftlich ergriffen war wie Kleist, durfte in jener berliner Gesellschaft nur als "Barde" auftreten, wie denn ja auch ganz im allgemeinen der Mensch sich als Hofnarr geb{rden mu~te, um in dieser von Eitelkeit und L}ge entstellten h|fischen Welt auch nur ann{hernd Wahrheit zu sagen. Doch schon die dritten Zeile dieses Vorgesanges entgleist, bei der vorbeugenden Entschuldigung, da~ das Lied dieses Bardes zeitweilen verletzen m|chte, ("Vielleicht finden wir uns live entsetzlich unsympathisch," meint er.) ]berdies hat er keine }berschwenglichen Erwartungen, denn statt zu erfreuen oder erg|tzen beansprucht er nur zu tr|sten. Es ist eine traurige Welt die des Trostes bedarf. Aus der Verwirrung des allgemeinen, unpers|nlichen, aus dem Volksgedr{nge blickt er hinauf, mit dem Gebaren eines Minnes{ngers, zu jener Prinzessin Amalie Marie Anne welcher er dies Schauspiel gewidmet hat. Leider wei~ ich nichts }ber diese Frau, }ber ihre Beziehung zur Kunst oder zu K}nstlern, oder zu Kleist. Aber ihre dichterische Doppelg{ngerin in diesem Schaus- piel ist Natalie, die Prinzessin von Oranien, aus deren Hand der Prinz von Homburg seinen Lorbeerkranz zu empfangen sich sehnt. Die Verwechslung zwischen Kleist und Prinz Friederich ist ja }berhaupt peinlich naheliegend. Ich lese den Prinz Friedrich als eine Beichte, das Testament eines genialen Menschen, das er dann einige Monate sp{ter am Ufer des Schlachtensees an sich selbst -3- vollstreckte. Es ist nicht von ungef{hr, da~ die B}hnenbeschreibung der erste Szene den Helden in einen tiefgelegenen Garten versetzt. Im Hintergrund ist ein erhabenes Schloss von welchem eine Rampe hinab in den Garten f}hrt. Bei diesem Bild f{llt mir H|lderlins Schicksalslied ein. Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien! ..... Doch uns ist gegeben, Auf keiner St{tte zu ruhn, Das Gespr{ch ist entsprechend herablassend. In diesem Prolog im Himmel beschreibt der Graf Hohenzollern seinem Herrscher, dem Kurf}rsten, die erm}dete Gestalt des Prinzen von Homburg, "Wirft er ersch|pft, gleich einem Jadghund lechzend, Sich auf das Stroh ..." und nun als s{mtliche Schwadronen zum Aufbruch bereit sind, da fehlt der Prinz, er ist in traumhafter Verz}ckung versunken, und dieses Versagen, dieses Fehlen des Soldaten, der den Aufbruch zur Schlacht vertr{umt, das finde ich ergreifend in einer Weise wie Tonio Kr|ger es einst fand, da~ der K|nig im Don Carlos geweint hatte, bemerkenswert, wie der Schlaf eines Nachtfalters bei Tageslicht auf hell bebl}mter Wiese. Und nun kommt der Kurf}rst, belustigt sich }ber diesen im Traum versunkenen Menschen, und treibt seine Scherze mit ihm, denn das Tr{umen ist dem Kurf}rsten fremd. Ich mag sie nicht, die Herrscher, und am allerwenigsten diese entsetzliche Hybride von Gott und Vater und preussischem Beamten, dessen einzige Tu- gend, wenn man es als solche bezeichnen darf, in der Macht beste- ht, mit welcher er seine Untertanen qu{lt und dem}tigt. Denn dieses ganze Gerede vom Gesetz gegen welches der Prinz verstossen haben soll, ist doch nur eben dies, Geschwafel. Von Anfang an war dies Gesetz nichts denn die Willk}r des M{chtigen, die sich als Gesetz vertarnt. Was ist den das f}r ein Gesetz, das sich den Schmeicheleien sch|ner junger Frauen oder den Drohungen trotzender Soldaten beugt. Da~ Kleist meiner Deutung nicht begepflichtet h{tte, dessen bin ich gewi~, aber was kommt es da- rauf an? Bedeutsam ist ja letzten Endes nur, da~ er etwas }ber sich selbst hinaus geschaffen hat, eine dargestellte Wirk- lichkeit, die }ber irgendein jeweiliges Urteil weit hinaus ragt. Ich habe die Gelegenheit wahr genommen, }ber Kleist nachzulesen, in einem Buch aus meiner Eltern Bestand, welches die Naziweihe im New Yorker Hafen, welche ich Dir beschrieb, }ber- stand, und seitdem mit vom Salzwasser nur etwas verfleckten Deck- eln auf einem B|rt erst in Konnarock, dann in Belmont, darauf gewartet hat, da~ Du mich nach Prinz Friedrich fragtest. Es ist 1922 geschrieben. Der Verfasser ist Friedrich Gundolf, der hei- -4- delberger Germanist, Freund von Stefan George, und wenn mein Ged{chtnis mich nicht t{uscht auch von Max Weber. Ich finde es pikant, wie diametral entgegengesetzt sein Urteil dem meinen widerspricht, denn Gundolf entdeckte bei dem kleistschen Kurf}rsten eine "eigent}mliche Gr|~e," (S. 145) "Da~ er das Gesetz nicht als ein Automat, sondern als ein lebendiger Mensch voll Verstand, Gef}hl und Weisheit vertritt." Das alles kann ich, oder will ich, nicht erkennen. Ich sehe nur Willk}r die sich als Gesetzm{ssigkeit, und Grausamkeit, die sich als Pflichterf}llung ausgibt. Am Ergreifendsten finde ich das Ende des Schauspiels, und dies in dialektischer Stimmung. In der 1829sten Zeile des Schauspiels, zerrei~t der Kuf}rst, ohne Erkl{rung, und ohne erkennbare Begr}ndung, das Todesurteil auf welches er bisher, aus vorgegebenem Pflichtbewu~tsein, bestanden hatte, und das letzte anderthalb Prozent des Dramas ist der unglaubhaften, s}~lichen Vers|hnung geweiht. Der r{chende Richter entpuppt sich als g}tiger Mensch, als liebender Vater. Das soll einer glauben? Der Held empf{ngt die Lorbeerkrone des Lebens von den H{nden seiner Braut. Welch Kitsch! Jeder Verfasser von Comic Strips m}~te sich einer solchen Abwicklung sch{men. Aber den Weg aus der {sthetischen Verlegenheit weist die Frage, vom Prinzen gestellt, "War es ein Traum?" Die Antwort kann nichts anderes sein als, Ja. Die Begnadigung, die Liebeserf}llung sind nichts als Wunschtr{ume. Nur im Traum findet der Mensch Gnade und Liebe. Wachend vergeht er in Sehnsucht und Schmerz. In Wirk- lichkeit ist keiner der uns begnadigt, und all unsere Liebe bleibt Sehnsucht. Das schale Ende hat vielleicht also doch seine tiefere Bedeutung. Ich w}~te kein dramatisches Mittel das die Trostlosigkeit des menschlichen Daseins auf der B}hne ein- dringlicher vorf}hrte, als eine Szene welche uns die Erf}llung unserer Hoffnungen vorf}hrt, um diese dann als Traum zur}ckzunehmen und unwiederruflich auszul|schen. Diese Schlu~szene dient zu alles anderem als den Fluch mit welchem in der ersten Szene (Z. 75) der Allm{chtige, der Vater-Beamte, seinen Sohn zerst|rt, "Ins Nichts mit dir zur}ck, Herr Prinz von Homburg, Ins Nichts, ins Nichts! In dem Gefild der Schlacht, Sehn wir, wenns dir gef{llig ist, uns wieder! Im Traum erringt man solche Dinge nicht!" aufzuheben. War die Begnadigung wirklich nichts als ein Traum, dann bekr{ftigt diese Szene den Fluch und das Verderben, indem sie die Tr{ume des Opfers, in all ihrer Wesenlosigkeit, auf der B}hne vorf}hrt, und darstellt, was h{tte sein k|nnen, was aber nicht war. Auch das Lustspiel, das Du erw{hntest, "Der Schwierige", von Hofmannsthal, habe ich zum ersten mal seit vielen Jahren wieder gelesen. Ich fand es unter den B{nden der Gesamtausgabe, welche ich vor Jahren meinem Vater schenkte, damit sich der Bereich seiner Gef}hle etwas }ber die konnarocker Landschaft hinaus er- -5- weitern m|chte. Aber es ist wenig, oder garnichts aus diesem Versuch geworden, denn so viel ich wei~, hat er diese B}cher nie gelesen. Jedenfalls hat er sich nie mit mir dar}ber unterhalten. Wie so manches in der deutschen Literatur, ist es ein Ausschnitt aus einer Bildungslegende, geeignet zu zeigen wie man sich zu seinen Mitmenschen verh{lt. Helenens Ausspruch "Die Liebe schneidet ins lebendige Fleisch," war auch mir einst Offenbarung, aber im Laufe der Jahre hat diese Weisheit sich mir oft genug bew{hrt, da~ sie mich nunmehr weder }berrascht, noch erschreckt, noch {ngstigt. Was die anderen Personen des Schauspiels anlangt, die Eitlen, die Dummen, die Gutm}tigen, die Schlauen, die Unver- sch{mten, so habe ich sie alle im Laufe der Jahre in meiner Prax- is kennen gelernt. Und was Schrulligkeit betrifft, so wirst Du mir zugeben, da~ ich keiner Anleitung bedarf. Gr}~ bitte Bernd und Deine Mutter von mir. Ihr werde ich in den n{chsten Tagen zu schreiben versuchen. Margaret l{~t Euch alle drei gr}ssen. Sie ist zur Zeit viel mit den Kindern besch{ftigt und wird hernach, denke ich, doch noch selbst schreiben. Am 22. Juni sind wir wieder in Belmont.