Ernst J. Meyer 174 School Street Belmont, Massachusetts 02178 617-868-4666 am 4. April 1993 Liebe Gertraud Strangfeld, Dank f}r die beiden Briefe vom 16. und 29. M{rz. Ich habe wiederholt }ber die schwere Krankheit Ihrer Mutter nachgedacht. Das Sterben meines eigenen Vaters vor sechs, und meiner Mutter vor drei Jahren besch{ftigt mein Gem}t noch heute. Zur Zeit waren mir meine Sorgen um die Eltern der nachhaltigste Trost }ber die Verg{nglichkeit des eigenen Daseins, und der Nachklang jener Sorgen tr|stet mich noch heute. Als mein Vater, nach schwerem Leiden, das sich Monate lang hinzog, gestorben war, da empfand ich statt der Trauer die ich von mir erwartete, eine tiefe Dankbarkeit an ihn; denn ich f}hlte, da~ er mir nur um ein Kurzes vorausgestorben war, und da~ er mir in einem noch tieferen Sinne als das Leben, den Tod geschenkt hatte, da~ er tats{chlich einen Weg f}r mich bereitet hatte auf dem ich ihm eines Tages w}rde folgen d}rfen. Ich erw{hne dieses Erlebnis, um zu betonen, mit wie viel Verst{ndnis ich es mir vorstellen kann, da~ Ihre Mutter Sie vielleicht gerade zur Zeit unseres Besuches ben|tigen wird, und da~ nichts sinnvoller w{re, als da~ wir Ihnen bei den Bem}hungen um Ihre Mutter behilflich w{ren, wenn nur dadurch, da~ wir davon absehen Sie mit konkurrierenden Pl{nen oder Erwartungen abzu- lenken. Wenn Sie, zum Beispiel, zur Zeit unserer Ankunft am 12. Mai bei Ihrer Mutter sein m}~ten, dann w}rden wir Sie eben in Goslar aufsuchen. F}r die Bestellung des Zimmer in Goslar, von der Sie schrieben, vielen Dank. Die Daten bitte ich Sie so einzurichten, da~ wir sp{testens am 31. Mai aus Goslar abfahren um irgendwo in der N{he von Frankfurt zu }bernachten. Wir m}ssen wir ich erw{hnte, am 1. Juni um 14 Uhr aus Frankfurt abfliegen. Sie werden es mir nicht }bel nehmen, da~ ich auf die ver- schiedenen tiefgr}ndigen Fragen unserer bisherigen Korrespondenz in diesem Briefe nicht weiter eingehe. Wenn wir uns sehen, werden wir Gelegenheit haben dar}ber zu sprechen, wenn weitere Aussprachen }ber diese finsteren Sachen }berhaupt noch erforder- lich sind. Seit meinem letzten Brief habe ich schlie~lich den gesamten Roman abgedruckt, daraufhin aber die Seiten noch nicht ein einziges Mal angeguckt, weil ich wei~, dass ich mich sofort zu Verbesserungen gedrungen f}hlen w}rde, die Wochen in Anspruch -2- n{hmen. Und dazu habe ich jetzt keine Zeit. Statt dessen habe ich f}r Klemens die versprochenen Computerprogramme geschrieben, und habe ihm mit dem Einbau einer von ihm selbst zusammengestell- ten Computeranlage in seiner Klinik geholfen, vornehmlich in dem ich zahlreiche elektrische Kabel l|tete. Das sind Spielereien der Erwachsenen die uns beiden Spa~ machen. Ich aber betreibe sie mit einer }bertriebenen Heftigkeit die mich meist bis ein oder zwei Uhr morgens an meinen Schreibtisch fesselt. Nun bin ich m}de und mu~ erst einmal schlafen. Au~erdem habe ich ja meine Patienten. Es sind ihrer nicht viele, aber unter den wenigen sind einige schwer krank, in furchtbarer Gefahr des Erblindens. Sie sind mir wie nahe Ver- wandte und besch{men mich mit ihrem Vertrauen. Je {lter ich werde, desto unerlaubter scheint mir die wissenschaftliche Tech- nik welche sich }ber die Schicksalhaftigkeit ihrer Eingriffe in das Leben der Menschen hinweg t{uscht. Aus diesem Grunde wird mir die eigene Arbeit von Jahr zu Jahr fragw}rdiger, und ich will nicht traurig sein, wenn sie einst zu Ende geht. Und doch kann ich mir nicht vorstellen, meine Patienten an einen anderen zu }berweisen. Die n{chsten zwei Wochen haben Margaret und ich erst einmal von Terminen frei gehalten, der Gelegenheit halber nach Konnarock zu fahren. Ob wir es tun, h{ngt von den Bed}rfnissen unserer Kinder und Enkelkinder ab. Seit dem 15. M{rz haben Klemens und seine Frau Laura ein drittes Kind, Benjamin gehei~en, und die beiden {lteren, Rebekah und Nathaniel, haben ihre Gro~eltern umso n|tiger. Nach Deutschland aber kommen wir doch, wenn nur auf Grund der Unbiegsamkeit der Tarifbestimmungen der Lufthansa. Wie ich erw{hnte, ist es uns lieb, mit ihnen und ihrem Mann in Goslar zusammen zu sein statt in Kierspe, wenn Ihrer Mutter Zustand eine {nderung Ihrer Pl{ne erforderlich machen sollte. Mit allen guten W}nschen f}r Ihrer Mutter Besserung von Kle- mens, Margaret und mir, und Gr}~e an Sie und Ihren Mann,