am 13. Mai 1992, in Nikolassee. Wir wohnen nun seit zwei Tagen in Onkel Hansens Wohnung ohne sein Wissen. Der liegt im evangelischen Hubertuskrankenhaus und kann kaum gehen und fast garnicht sprechen. Wir haben ihn vorgestern dort mit Inge besucht. Gestern sind Margaret und ich alleine hingegangen. Beim ersten mal, mit Inge, hat er wiederholt geweint. Als wir gestern allein bei ihm waren, war er bis auf die wenigen Male wo er auf Tante Grete zu sprechen kam, offensichtlich gut gelaunt, la#chelte viel, und schien sich an unserem Besuch zu freuen. Wir blieben dort eine lange Zeit, mehr denn zwei Stunden, denke ich, eh wir wieder zu Fuss, die Spanische Allee entlang, in die Siedlung gingen. Auf dem Wege, rief ich Klemens von einer Telephonzelle an und fragte seinen Rat u#ber Onkel Hanses Krankheit. Darauf fuhren wir mit dem Auto die Avus entlang in die Berliner Innenstadt. Urspru#nglich hatte ich gedacht, dass wir mit der S-Bahn fahren sollten, aber es war spa#t geworden, und ich meinte, wir sollten es vermeiden uns von dem Fahrplan abha#ngig zu machen. Wir fuhren die Avus u#ber Charlottenburg nach Wedding, dann u#ber die Friedrichsstrasse bis Unter den Linden. Da stellten wir den Wagen ab und gingen durchs Brandenburger Tor in das Reichstags Geba#ude in welchem man eine Ausstellung u#ber deutsche Geschichte aufgebaut hatte, fuhren dann u#ber die Tiergartenstrasse fuhren dann um den Tiergarten herum zum Kurfu#rstendamm, wo wir vor den mit teueren Waren ausgelegten Fenstern spazieren gingen. Wir hatte mit Inge verabredet, dass sie uns irgendwann nach sieben Uhr dreissig anrufen wu#rde, dass Margaret und ich dann am Rande der Spanischen Allee warten wu#rden, bis sie und Karl Heinz uns mit dessen neuen grossen Mercedes abholten, um zusammen ins Restaurant zu fahren. Statt dessen aber klingelte das Telephon schon um sieben, und Inge bestellte uns auf acht Uhr in einen China Garten, ein paar hundert Meter nur von Onkel Hans Wohnung. Tatsa#chlich wartete sie schon auf der Strasse auf uns. Ich war noch nie in einem chinesischen Restaurant gewesen. Inge bestellte Wein fir sich und mich. Margaret wollte nur Selterwasser. .PP am 14. Mai 1992 - Synopsis .PP In Nikolassee in Onkel Hans Wohnung zuru#ckgekehrt von einer Reise in den Ost Harz. Ich war gestern 13.5.92 zu mu#de um irgend etwas schreiben zu ko#nnen. Deshalb diese Zusammenziehung. Beim Chinesischen Abendessen am 12.5.92. Beide Karl Heinz und Inge beklagten sich, dass die Juden Wiedergutmachungsanspru#che machen, welche den Verkauf und Ankauf von Grundstu#cken in Ostdeutschland unmo#glich macht. Er beschrieb wie einer der Wiedergutmachungsanspru#che stellt, vermutlich ein Jude einen Freund als Zeugen holt, der dann ungenaue und eventuell unehrliche Inventarsangaben des Lagers macht, welche von den Gerichten unkritisch anerkannt werden. Karl Heinz war sich der Fragwu#rdigkeit des Themas bewusst, und wechselte es. Deren Tochter Karin war auch da. Die drei bestellten immer mehr Alkohol. Margaret trank garnicht, ich hatte nur zwei Gla#ser "scho#nen Rotwein" getrunken, wie Inge ihn nannte. Ich erinnerte mich wie einfach und schlicht Onkel Hans und Tante Grete bei unserem Essen im Kopenhagen, und dachte dass wir nun deren Stelle vertrten mu#ssten. Gestern morgen fuhren wir fru#h nach Halberstadt. Die Altstadt ist fast vo#llig zersto#rt und durch unscho#ne Bauten ersetzt. Wir besuchten dort zwei oder drei Kirchen. Ich habe sie reichlich auf dem Videoband aufgenommen. Vor dem Dom ist ein Denkmal fu#r die ermordeten Juden, und als ich dies betrachtete kam eine alte, ich denke senile Frau und bema#ngelte, dass es im Wege sei. Als ich ihr widersprach, sagte sie, sie sei auch nicht dafu#r gewesen, dass die alle geto#tet wa#ren, man ha#tte ihnen die Gelegeneheit bieten sollen in "ihr Land" auszuwandern. Da erboste ich, und sagte ihr, dies wa#re mein Land nicht weniger als ihrs, und ich liesse mich von ihr nicht ausweisen. Ich sagte ihr, dass sie scheinbar nichts gelernt hatte, lebte nun in dieser verwu#steten Stadt, und ich scha#me mich es gestehen zu mu#ssen, dass mir in diesem Augenblick die Zersto#rung der Stadt als gerecht erschien. Die Frau za#hlte dann alle Juden auf die sie perso#nlich gekannt hatte, die Kaufleute, wie ehrlich und ansta#ndig sie gewesen wa#ren, wenn einer kein Geld hatte, die Frau welche in ihrer Eltern Haus mit der Hausarbeit half. Nein das wa#ren gute Menschen gewesen, und sie die Frau wa#re gegen sie nicht feindlich. Das ko#nnte sie beweisen dadurch dass sie ein Buch von der Stadt vero#ffentlicht, gekauft ha#tte. Dieses Buch enthielte die Namen all der Juden die man abtransportiert ha#tte, und dass sie es sich gekauft ha#tte, das bewiese, dass sie ihnen nicht feindlich gesinnt wa#re, sonst ha#tte sie sich es ja nicht gekauft. Sie wollte mir mal einen Rat geben. Ich sollte mir das Buch auch kaufen (um vergleichbar unschuldig zu werden) und sie sagte mir, wo man es kaufen ko#nne. Dies alles obgleich ich sehr unho#flich zu ihr war. Wir wu#nschten einander dann gegenseitig Gesundheit und Glu#ck. Von Halberstadt fuhren wir u#ber Blankenburg und Elend nach Schierke. Wir wanderten auf den Brocken u#ber den Edelmannsha#uweg, dann u#ber den Eckerlochpfad. Die Landschaft der Brockenkuppe will ich anderswo beschreiben. Zuru#ck gingen wir erst die Strasse, dann den alten Bobbahn und kamen schnell ins Dorf. Wir fanden eine sehr scho#nes Zimmer fu#r siebzig Mark in der Pension Barbara. Heute morgen fuhren wir u#ber Braunlage zum Torfhaus, dann u#ber Harzburg nach Wernigerode, wo wir keine kulturellen oder architektonischen Sehenswu#rdigkeiten fanden. Danach fuhren wir nach Quedlinburg. Dort besichtigten wir den Dom und die Marktkirche, fuhren dann u#ber Co#then, wo auch garnichts als eine ha#ssliche Industriestadt zu sehen war, nach Wittenberg. Die Marktkirche war geschlossen, wir konnten sie nur von aussen besichtigen. Jetzt sind wir wieder in Nikolassee, und unser vorla#ufiger Plan ist morgen, nach dem wir Onkel Hans besucht haben und unsere Hausschlu#ssel bei Inge abgegeben, weiter nach Lu#beck zu fahren. Wir haben nur noch acht Tage Zeit. Es ist Freitag morgen, am 15. Mai. Wir haben die Nacht wieder in Onkel Hans Wohnung u#bernachtet. Die aber deprimierend verwahrlost ist. Er hatte, wie Inge uns erkla#rte, niemanden dahinein gelassen. und war wohl selbst nicht mehr fa#hig, sie sauber und ordentlich zu halten. So verschmutzte sie immer mehr und mehr. Es ist gewissermassen deprimierend hier unsere Ferien zu verbringen, besonders wo Karl Heinz und Inge so viel Wert auf Eleganz legen. Ich ha#tte zwar noch manches hier in Berlin und in der Umgebung mir angesehen, aber Margaret liegt nicht so viel daran, und vielleicht ist es auch wichtiger, andere Landschaften zu sehen. Jedenfalls fahren wir heute nach Lu#beck. Merkwu#rdig bei diesem Besuch ist noch die Geheimnistuerei, den Onkel Hans wu#rde nicht gewollt haben, dass wir hier in seiner Wohnung wohnten, und Inge hat ihn hintergangen, indem sie ihm erza#hlt, wir wohnten bei ihr. Da gru#ndet ansich schon der Stoff zu einer Komo#die.