am 11 Mai 1992 in Nikolassee Wir sitzten im Wagen vor Teutonenstrasse 8 un warten auf Inge. Ich hatte sie soeben telephonisch erreicht, und sie betonte, wieviel ihr daran gelegen sei, mit uns zu Onkel Hans ins Krankenhaus zu gehen. Ich hatte verschiedene Versuche gemacht, sie aus Weimar zu erreichen, aber vergebens, ob wegen eigener Dummeheit, oder der Umsta#ndlichkeit des Telephonierens, wage ich nicht zu entscheiden. Auch Klemens konnte ich nicht aus Weimar und Naumburg nicht erreichen. Es ist noch unklar, ob wir bei Inge und Karl Heinz wohnen oder anderswo, vielleicht sogar in Onkel Hans leerer Wohnung. Das aber wird sich finden. Wir mu#ssen dann auch einen Laundromat ausfindig machen um Wa#sche zu waschen. Weitere Reisepla#ne haben wir noch keine. Inzwischen ist es acht Minuten vor zehn Uhr. Zuletzt habe ich doch Laura erreicht, Klemens war schon fort, und dann auch Inge, welche wegen einer Feier u#ber einen Gescha#ftserfolg, so stellte es sich heraus, wa#hrend der Mittagsstunde von ihrem Bu#ro abwesend war. Sie bat uns auf sie vor ihrem Hause zu warten. Sie kam dann sofort und begleitete uns ins Krankenhaus um Onkel Hans zu besuchen. Der sass in einem Gesellschaftssaal mit zwei alten Frauen. Inge begru#sste und ku#sste ihn. Mittlerweilen und ohne scheinbaren Anlass fing er an zu weinen. Er erkannte und begru#sste uns, aber wandte sich dann doch fast ausschliesslich zu Inge, vielleicht weil Inge ihn einigermassen verstand; ich aber garnicht. Inge arrangiere ein gemeinsames Kaffeetrinken in einer naheliegenden Gaststube, eine Zeremonie zu welcher wir Onkel Hans im Rollstuhl schoben, und welche fast anderthalb Stunden in Anspruch nahm. Nachdem wir und von Onkel Hans verabschiedet hatten, brach Inge das ihr peinliche Thema unseres U#bernachtens an, denn es war offensichlich, dass sie sich nicht die Mu#he machen wollte, oder vielleicht war es Karl Heinz, uns in ihrer Wohnung zu haben, weil ihr Leben derartig auf Arbeit eingestellt ist, und weil wir ohnehin mit der komplizierten Sicherheitsanlage nicht fertig wu#rden. Sie erwog sehr zo#gernd (tentatively) die Mo#glichkeit uns in Onkel Hans Wohnung u#bernachten zu lassen, und war sichtlich erleichtert, als wir dies Angebot annahmen, und noch dazu mit einigem Enthusiasmus, denn ich betonte, wie lieb mir eine solche Verfu#gung sei, und wie erleichtert ich mich fu#hlte kein teueres Geld fu#r ein Zimmer ausgeben zu mu#ssen. Jetzt sind wir eingezogen und ich habe einen Teil des Abends mit dem Anschauen deutscher Fernsehprogramms verbracht, welche mir ungemein gut erschienen. Besonders beeeindruckte mich ein Programm u#ber Oranienburg welches vornehmlich von dem Konzentrationslager dort und in Sachsenhausen handelte. Es besta#tigte meinen Eindruck u#ber die politisierung der Geschichte von seiten der kommunistischen Regierung. Mich beeindruckte die Beschreibung des erzwungenen Marsches von etwa vierzig Kilometer der neuen Ha#ftlinge, wie jene die ohnma#chtig wurden ermordet wu#rden, und zufa#llige Zuschauer Fussga#nger oder Radfahrer die auf dem Plan erschienen, gezwungen wurden die Stellen der Ermordeten zu nehmen. Ich denke man muss das Pha#nomen des Terrors als Ausdrucks des Willens zur Macht begreifen, dessen Eigenart vornehmlich durch die Insensibilita#t und Insensitivita#t, durch die Gefu#hllosigkeit der Herrschenden gepra#gt wird. Es gilt also die Gefu#hllosigkeit im Allgemeinen und die Herrschsucht als Eigenschaften des Menschen zu verstehen um einen Anfang mit dem Begreifen der Konzentrationsla#ger zu machen. Davon aber mehr anderen Ortes. Auf der Fahrt von Weimar nach Berlin setzte ich Margaret auseinander, wie das Versta#ndnis der KZ-Kultur an der Notwendigkeit leidet das Geschehene sachlich, ohne Angst, ohne Rachebedu#rfnis, und auch ohne Urteil sich vor Augen zu fu#hren, was mir die wahre Aufgabe des Historikers erscheint, dass aber eine solche Haltung in Anbetracht der Verruchtheit der Taten als eine Art Befu#rwortung erscheinen mo#chte, als ob das einzig verteidigungswu#rdige (defensible) Stellung die von unbeschra#nktem Ekel und Furcht sei. Die hiesigen Fernsehsendungen scheinen mir sehr gut, und ich muss mich hu#ten den ganzen Urlaub nicht vor dem Fernsehschirm zu verbringen. Heute morgen eine U#bertragung u#ber Kirchenbauten. die Marienkirche in Lu#beck, der Ratzburger Dom der Aaachener Dom und die konstantinische Aula, von der ich nicht mitgekriegt habe wo sie steht. Gestern abend eine Sendung u#ber den Schriftsteller Uwe Johnson, in Mecklenburg geboren, dessen Vater, national-sozialist, wie ich es verstand, von den Russen ermordert wurde, der selbst dann zeitweilen mit dem Kommunismus mitmachte, bis er zuletzt in den Westen floh, und von dort aus seiner Sehnsucht nach seiner Heimat, vielleicht auch, ko#nnte ich mir vorstellen, nach der Unschuld seiner Kindheit, literarischen Ausdruck gab. Ich kann es nicht verhehlen, und mauss es auch mir selber von Zeit zu Zeit ausdru#cklich klar machen, wie bezaubernd, wenn nicht gar verfu#hrend mich der Ruhm des Ku#nstlers anmutet. Fast mo#chte ich denken, dies sei dann die letzte Versuchung welche der fu#hlende und empfindende Mensch durchzumachen hat. Es scheint mir denn aber auch eine sehr versta#ndliche, eine menschliches Fehlen, denn der Einzelne ist ja denn letzten Endes auf den Ruhm und den Eindruck des Vorbildes als Leitmass zu seiner Entwicklung angewiesen.