am 10 Mai 1992 in Bad Ko#sen bei Naumburg. am 7. kamen wir in Aue an, fuhren noch am selben abend nach Eisenach, kauften uns Lebensmittel an einer funkelnagelneuen Essostation, besuchten am 8. das Bachhaus und die Wartburg in Eisenach kehrten u#ber Mu#hlhausen nach Aue zuru#ck. Fuhren am 9. u#ber Eisenach zur Bu#chermesse nach Leipzig, gerieten in einen Autobahnstau, auf Grund eines Verkehsunglu#cks, der uns anderthalb Stunden aufhielt, Besuchten dann die Fachbesucherausstellung in der Untergrundmessehalle im leipziger Stadtzentrum, wie auch die Hauptausstellung und sammelten dabei die Broschu#ren von den verschiedensten Verlagen. Weder S. Fischer noch Suhrkamp noch Insel waren vertreten, Auch nich DTV. Gingen dann durch die Innenstadt zur Thomaskirche, welche unmittelbar neben dem Messegela#nde liegt. Sie wurde zur Zeit "saniert", aber die Tu#r war offen. Ein Organist u#bte die Toccata Adagio und Fuge in C dur. Das Adagio spielte er nicht, u#bte sich dementsprechend geflissentlicher in der Fuge, welche ich so lieb habe. Wir sassen unmittelbar an dem Ort wo die Kanzel gestanden hatte, von welcher Luther 1523? nach dem Tode des Herzogs die Reformation in Leipzig verku#ndet hatte. Wir verweilten etwa zwanzig Minuten. Eine Fu#hrung kam der wir uns anschlossen. In der Thomaskirche ist das Grab Bachs gelegen, wohin seine Gebeine 1950 von der im Kriege zersto#rten Johanniskirche gebracht worden waren. Urspru#nglich war er auf dem Johannisfriedhof begraben worden, dann in der Johanniskirche. An der ?Westwand der Kirche Glasfenster mit Bildnissen Bachs, Luthers, Melanchthons, des Sa#chsischen Kurfu#rsten der Luther beschu#tzte, und des Kaisers Wilhelms I, nach dem 1870 Sieg u#ber Frankreich. Die Glasfenster waren von reichen Gemeindemitgliedern gestiftet. Der Organist kam, und ich fragte ihn nach der Verteilung des Orchesters in der Kirche. Er wie mich auf die Empore u#ber dem hinteren Ende des Mittelschiffs, wo auch die damalige Orgel auf der Bach gespielt hatte stand. Sie war in 19. Jahrhundert durch ein gro#ssres Instrument ersetzt worden. Die neue Barockorgel auf der bei unserem Besuch gespielt wurde, steht links vorne. Weil es nicht ziemlich schien den Camcorder zur Messe zu nehmen, hatte ich ihn im Wagen gelassen und konnte deshalb von der Thomaskirche keine Aufnahmen machen, das tat mir und tut mir leid. Wir enschieden uns nicht in der Stadt zu u#bernachten, und fuhren u#ber Bad Du#rrenberg, Weissenfels, Naumburg nach Bad Ko#sen, wo wir, als wir schon alle Hoffnung auf Unterkunft aufgegeben hatten, doch noch ein Zimmer in einem sehr modernen und anspruchsvollen Gasthaus der Familie Gutjahr fu#r hundert Mark mieteten. Es war ein kleines mit nichts als Dachfenstern versehenes aber sauberes und neulich weiss gestrichenes Dachzimmer. Heute morgen hatten wir ein packagiertes Fru#hstu#ck, und fahren jetzt zuru#ck nach Naumburg. .PP In Niedergrundsta#t, abends am 10. Mai 1992. Auf dem Wege nach Naumburg hielten wir in Schulpforta, wo Klopstock, Nietzsche, Fichte, von Ranke, Manteuffel und Wilamowitz-Moellendorf ausgebildet wurden. Die grosse Klosterkirche wurde renoviert. Man hatte scheinbar viele Jahre lang die Reparaturen daran vernachla#ssigt. Wir sahen die Gra#ber mancher Schullehrer, sowie auch eines Geschichtslehrers Namens Karl Lamprecht. Schulpforta wurde 1137 als Zisterzienserkloster Sankt Martin zur Pforte gegru#ndet. 1540 im Zusammenhang der Reformation von Heinrich von Sachsen augehoben. 1543 als eine der ersten staatlichen Bildungsanstalten Deutschlands durch Herzog Moritz von Sachsen gegru#ndet, und mit reichem Grundbesitz ausgestattet, auf Leistung orientiert, Schulgeld frei und auch fu#r die sozial schwachen Schichten offen. 1815 an Preussen abgetreten wird Pforte eine der bedeutendsten Schulen Deutschlands. 1935 von den Nationalsozialisten als humanistische Schule aufgelo#st und in eine nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt. 1945-50 im Zuge der Schulen und Bodenreform in eine allgemeinbildende Oberschule umgewandelt, zuga#nglich auch fu#r Ma#dchen. 1958-91 erweiterte Oberschule, Internat mit etwa 360 Pla#tzen, und damit gro#sste Internatsschule im Bezirk Halle. Ab Sommer 1991, Gymnasium mit besonderer Betonung des musikalischen und fremdsprachigen Zweiges, als Landesschule dem Land Sachsen unterstellt. Internatsschule fu#r circa 350 Jungen und Ma#dchen in Jahrgangsstufen 9 bis 12. Im Ort und in der Schule, viele Denkma#ler aus verschiedenen Kulturepochen, auch in der Bibliothek umfangreiche historische Dokumente zur Zeitgeschichte. .PP Von Pforta fuhren wir nach Naumburg und besichtigten den Dom. Die Passionsszenen am Lettner, Maria und Johannes zu Seiten des Gekreuzigten, die Stifterfiguren im westlichen Lettner. Ich werde spa#ter ausfu#hrlicher daru#ber berichten. Heute abend aber sind alle meine Gedanken und Gefu#hle durch die Besichtigung des KZ Buchenwald auf dem Ettersberg u#berwa#ltigt. Auch davon weiss ich nur dieses zu sagen, dass es eine gru#ndliche Untersuchung von Recht und Unrecht, und vom Wesen des Menschen u#berhaupt herausfordert. Aber damit kann ich heute abend nicht beginnen. Das Lager ist entsetzlich. Bedru#ckend in einer anderen Art, und ich weiss nicht, ob man dies im selben Satze oder in demselben Absatz erwa#hnen darf, ist die sowietsche Behandlung des Mahnmals, mit den vielen Fahnenstangen, den grossen Exerzierpla#tzen, und den Reliefs welche die Vergeltung, unter ausdru#cklicher Wahrung des zynischen Eingangsspruches, "Jedem das Seine". Heute abend ein bedru#ckender Bericht u#ber die Vertreibung der Araber aus den palistinensischen Gebieten. Die Gerechtigkeit ist weit davon wirklich zu werden. Vielleicht ist sie unerreichbar. .PP Dem Lager selbst sind die Barracken vorgelagert, in welchen die SS Mannschaften, vermutlich mit ihren Familien, wohnten. Man kann nicht umhin, sich die Gemu#tszusta#nde dieser Menschen auszumalen, indem sie Tag fu#r Tag an ihre Arbeit gingen. Aber merkwu#rdigerweise wirkt schon diese Frage in Angesicht der Ha#ftlinge welche unter ihrer Brutalita#t litten als beleidigend. Denn unser Mitleid, oder sollte es sein, unsere Furcht, erlaubt es uns auf das Unheil nur aus der Perspektive des Richters zu blicken, mit der Sicht auf eine Gerechtigkeit, welche jedes Vergehen ausgleicht, nicht anders als die alten Buntglasfenster im Naumburger Dom welche die Triumphe der Heiligen u#ber ihrer Widersacher, der Tugenden u#ber die Laster schildern. Es war ja dann auch das Bestreben der Nationalsozialisten eine ihnen vorbildliche Welt aufzustellen, welche sie zu ihren Untaten verleitete. Selbstversta#ndlich war diese Welt schon in ihren Vorsa#tzen verdorben, ich wollte sagen, brutal und unmenschlich, aber mit diesem Urteil wa#re ich ja schon sofort wieder in die alten Geleise geraten, wie die der Sowiets und in geringerem Masse der westlichen Allierten, welche, man muss es sich gestehen, in eine vergleichbare Ho#lle fu#hrten. .PP Es war die beabsichtigte Brutalita#t, die u#berlegte Gleichgu#ltigkeit gegen das Leiden, welche fu#r die Gru#ndung des KZ so bezeichnend war. Eine Gleichgu#ltigkeit, welche TL Waters mit seinem Ausspruch, sie ha#tten Papa dort nur behalten sollen, zum Ausdruck brachte. Eine Gleichgu#ltigkeit welche in so vielen verschiedenen Taten und Ausdru#cken sich offenbart. .PP Weimar nicht anderes als andere Sta#dte in den neuen Bundesla#ndern scheint mir ein tru#ber trauriger Ort, mit vielen schmutzigen und verwahrlosten Ha#usern. Wir fanden bei unserer Fahrt durch die Stadt, nicht ein einziges Hotel, nicht eine einzige Pension. Die Ha#lfte der Telephone, die ich zu benutzen versuchte, funktionierten nicht, und bei der anderen Ha#lfte, war es mit unmo#glich eine Verbindung weder nach Belmont noch nach Berlin herzustellen. .PP In der Pension in welcher wir uns in dieser Nacht befinden, und welche wir glu#cklicherweise in einer Stunde verlassen werden, herrscht eine tru#be, gleichgu#ltige, (indifferent, alienated) entfremdete Stimmung. Das Zimmer das wir gemietet haben ist sauber, und unsere Wirtin scheint uns gegenu#ber auch eine gewisse Verantwortung zu fu#hlen, insofern als sie uns zeigte, wo der Schlu#ssel zur Gartenpforte aufgeha#ngt ist, nur eben, dass dieser Schlu#ssel nicht geht, oder dass es mir, jedenfalls unmo#glich war mittels seiner das Gartentor zu erschliessen. Das war nicht anders als mit dem Telephonieren. .PP Die Wirtin ist in markantem Gegensatz zu jenem jungen Menschen in Bad Ko#sen der uns fu#r hundert Markt ein Zimmer in der Pension Gutjahr, und grundverschieden auch von Herrn Steinert in Aue, der ein so perso#nliches Interesse an uns und unserem Leben in Amerika aufwies. Hier sind Seele und Gemu#t nicht weniger grau als die Ha#user.