am 6. Mai 1992 Es ist fu#nfundzwanzig vor Acht. Ich sollte mich anziehen um zum Fru#hstu#ck bereit zu sein. Wegen der U#berlegungen zu welchen Kranach durch das Lesen der Kanadareise bewogen wird, bin ich mir noch nicht vo#llig im Klaren. Es scheint wu#nschenswert, dass er die Volkskultur entdecken sollte. Eine Auseinandersetzung im Gemu#t zwischen dem klassischen und dem zeitgema#ssen (contemporary) scheint mir unausweichlich. Er erfa#hrt eine Desorientierung in der deutschen Landschaft und in der deutschen Gesellschaft. Im Radio heute morgen ru#hrselige und mit Idealismus gefa#rbte Balladen. Nur gerade aus. Der Fru#hling kommt, usw, wie ich sie mir auf amerikanischen Sendern wohl doch nicht angeho#rt haben wu#rde, weil ich sie nicht ernst genommen ha#tte. In diesen beiden Tagen habe ich gelernt, den Eisenbahnverkehr vor unserem Zimmer vo#llig zu u#berho#ren. .PP Gestern sind wird dir Rheinstrasse No. 42 hinunter u#ber Lorch, Kaub, St Goarshausen, Kestert, Bornhofen, Osterspai, Braubach, Lahnstein gefahren. Bei Horchheim haben wir den Rhein u#berquert, und sind auf der Hunsru#ck Hochstrasse u#ber Pfaffeneck nach Buchholz gefahren Dort bogen wir von 327 ab, und fuhren nach Alken bei Broderbach, wo wir die Burg Thurant besichtigten, fuhren dann die Moselweinstrasse u#ber Treis und Karden nach Cochem. weiter u#ber Zell, Traben-Trarbach, Kro#v, Erden, U#rzig, Zeltingen, Graach, nach Bernkastel und Kues. Bei Bernkastel fuhren wir auf die Burg, dann auf einer Schla#ngelstrasse am Tiefenbach entlang zur Hunsru#ckhochstrasse 327. Diese verfolgten wir nach Kappeln, und bogen gen Su#den auf No. 421 nach Kirchberg, dann u#ber Simmern nach Rheinbo#llen. Von dort auf der Autobahn Richtung Mainz, Wiesbaden, und zuru#ck auf No. 42 nach Ru#desheim. .PP Heute denke ich dass wir nach Worms, Speyer und Heidelberg fahren. .PP Es ist halb vor Mitternacht. Wir sind aus Worms und Speyer zuru#ck. Nach Heidelberg sind wir nicht gekommen. Der Tag war bezeichnet durch die Leichtigkeit der Fahrt. Besonders der Ru#ckweg auf der Autobahn 61 war schnell und mu#helos. Von den Autostaus haben wir zwar im Radio geho#rt, haben selbst aber Glu#ck gehabt, sie nicht eigens zu erleben. In Worms gerieten wir, wie es auch beim ersten Besuch in Speyer der Fall war, in eine grosse Kirche, welche doch nicht der Dom war. In Hildesheim war dies uns auch geschehen. Diesmal war es die Marienkirche in Worms, ein stattliches aber etwas verwahrlostes, m.E. fru#h gotisches Geba#ude, welches merkwu#rdiger Weise inmitten von Rebenfeldern stand. Tatsa#chliche hatte ein Weingut die benachbarten Baupla#tze, ich vermute dass sie ganz sicherlich einst mit im Kriege zersto#rten Ha#usern bebaut waren, entweder gekauft oder gemietet. Die Felder unmittelbar vor und neben der Kirche waren dicht mit Weinsto#cken bepflanzt. Das Innere der Kirche war leer, wir waren die einzigen Besucher. Es war ein Geba#ude mir angenehm vor allem wegen seiner Einfachheit. Wir fuhren dann zu dem wirklichen Dom, welchen wir schon um die Ecke erkennen konnten, fanden einen Parkplatz, der tatsa#chlich nur fu#r Autobusse reserviert war, und stellten dort unseren Wagen ungesto#rt ab. Wir traten zuerst, auf dem Wege zum Dom, in die Magnus Kirche, Plakate belehrten uns, sie sie um 800 gegru#ndet und sei die a#lteste bestehende Kirch in Speyer. Es stellte sich aber heraus, dass diese Kirche im zweiten Weltkrieg fast vo#llig zersto#rt wurde, und dem entsprechend der weit gro#sste Teil seit dem wieder neu aufgebaut worden war. In der Schlichtheit und Einfachheit ihres Aufzugs fand ich sie besonders scho#n. Wir gingen dann in den Dom, dessen romanischer Ursprung von den gothischen und vor allem von den barocken Aba#nderungen sehr verbaut ist, ich machte Aufnahmen mit dem Camcorder, und wenn ich mir die spa#ter anschaue, werde ich vielleicht a#sthetische Werte entdecken, die mir bis jetzt entgingen. .PP Wir fuhren dann nach Speyer. Man hat eine neue Strasse um die Stadt herum gebaut, so dass wir ohne durch die Stadtmitte zu fahren den Dom erreichen konnten. Unweit vom Dom, auf einem Parkplatz, wegen des Streiks unbewacht, stellten wir den Wagen ab. Die Reparaturen und Verbesserungen welche bei unserem Besuch vor acht Jahren statt fanden, waren nun vollendet, und das grossartige Bauwerk war erhabener denn je. In seinem Inneren war eine Gemeinde versammelt, welche einem Manne in einem schwarzen Anzug zuho#rte. Er trug aber doch keinen Talar. Es mussten ein paar Sa#tze in den Bogen verhallen, von einem ausserordentlich wirksamen Lautsprechernetz versta#rkt, eh ich sicher sein konnte, dass es nicht ein Kirchenmensch war, der laisierend predigte, sondern ein Laie, ein Historiker oder Kunstsachversta#ndiger, der einen Vortrag u#ber die Geschichte des Doms gab. Ich ho#rte ihm zu, und trug meinen Camcorder in die Na#he eines Lautsprechers an einem Pfeiler, damit ich seien Vortrag auf dem Videoband wu#rde mitschneiden ko#nnen, wa#hrend ich die Gegensta#nde von denen er jeweilig sprach,die Orgel zum Beispiel, die u#bergrosse Krone, das Kruzifix, in die Linse nahm. Auch die Besucher filmte ich, und liess meine Camera ihre Gesichtsausdru#cke aufnehmen. .PP Hernach gingen wir in die Stadt, kauften uns Lebensmittel, und machten dann unter den hohen Ba#umen an der Ru#ckseite des Doms ein Picnic. Dann gingen wir an den Fluss. Das Verkehrszeichen, welches eine Fussga#ngerbru#cke u#ber Fahrstrasse und Eisenbahnschienen anzeigte, war mit einem Hakenkreuz verunziert, und die Figuren von Mutter und Kind, welche den Fussga#ngerweg andeuten sollten, waren wappenartig mit zahlreichen zusa#tzlichen Zitzen bekritzelt. Auch dieses Bild nahm ich in mein Gemu#t und in meinen Camcorder auf. Wir gingen durch die von hohen Ulmen beschattete Allee zum Rheinufer, vorbei an einem Spielplatz wo eine Mannschaft Fussball spielte. Auf dem Ru#ckwege u#ber die enge Fussga#ngerbru#cke, wurden wir von einem Mann in meinem Alter angesprochen. "Haben sie scho#ne Bilder gemacht?" fragte er und wies auf meinen Camcorder. Es stellte sich heraus, dass er reden, dass er beichten wollte. Ich weiss nicht mehr, wie die Unterhaltung dazu kam, dass ich erkla#rte, dass ich an dem was geschehen mich schuldig, mitschuldig fu#hlte. Der Mann hatte ein rosigrundes gutmu#tiges Gesicht und wa#ssrigblauen Augen. Er versicherte mich, dass dies nicht no#tig sei, denn er selber fu#hlte keine Schuld. Er sei als junger Mensch auch in der deutschen Armee gewesen, in Norwegen, habe sich sogar freiwillig gemeldet, dass ha#tte ja jeder getan der damals lebendig gewesen wa#re. Von dem Bo#sen, dem Schrecklichen das da geschehen, ha#tte er nichts gewusst. Und jeder der zu jener Zeit Leben in sich spu#rte, ha#tte sich freiwillig gemeldet. Es war der Eltern Schuld, dass sie es ihren Kindern nicht gesagt hatten, dass sie ihre Kinder nicht gewarnt hatten. Angefangen hatte er mit der Klage, dass die zersto#renden Bombenangriffe vielfalls in den letzten Monaten des Krieges stattgefunden hatten, wo sie doch garnicht mehr no#tig waren. Das erinnerte mich an den Gespra#chspartner in Bayrisch-Zell vor acht Jahren, der beklagte, dass die Amerikaner mit ihrer Normandieinvasion so unno#tig lange gewartet ha#tten. Der Mann fuhr fort zu erkla#ren, nein, dass er sich schuldig gefu#hlt hatte, wenn er die Folterungen und Ermordungen selbst gesehen ha#tte, oder gar mitgemacht, aber mit seinem Regiment sei alles exakt und ordnungsma#ssig geschehen, und nichts ungeho#riges wa#re vorgekommen. Da wurde es mir peinlich, noch weiter u#ber die Schuldfrage zu sprechen, und ich versicherte ihm, dass ich ja nur von meiner eigenen Schuld, nicht von der seinen spra#che, liess dann auch dieses Thema versickern, weil plo#tzlich fu#rchtete, etwas Entsetzliches aufzudecken. Weil ich wusste dass es genau dieser Typ Mensch gewesen war, der das Unheil u#ber die Welt gebracht hatte. Ich wusste aber auch zugleich, dass er nichts dafu#r konnte, dass es wirklich nicht in seiner Macht war, und erkannte die Notwendigkeit, dass ein anderer fu#r ihn einstehen musste, auf welchen er seine Schuld abwa#lzen ko#nnte. Agnus Dei, quit tollis peccata mundi, miserere nobis. Er war nun von dem stu#rmischen Enthusiasmus seiner Jugend geheilt, war nun bedacht, ob die Kinder, die ju#ngere Generation aus der Geschichte wu#rde lernen ko#nnten. Er selbst war von der Geschichte begeistert, wusste Auswendig die Namen der Kaiser, welche den Dom gestiftet hatten, Konrads des Zweiten, Heinrichs des dritten und vierten. Hatte auch vom Besuch des Papstes in Speyer zu erza#hlen, und war davon begeistert. .PP Wir fuhren dann ohne Zwischenfall u#ber die Autobahn im 180 Kilometer Tempo zuru#ck nach Assmannshausen. Im Radio ho#rte ich Nachrichten u#ber eine Bu#chermesse in Leipzig, und dann auch ein langes Programm u#ber einen Intendanten des Berliner Rundfunks, ein umstrittener Mensch, u#ber welchen ein Schlu#sselroman geschrieben worden war, weswegen er eine Klage wegen u#bler Nachrede und Verleumdung einreichte, dann aber eh der Prozess entschieden war wegen seiner ju#dischen Abstammung entlassen wurde. Ich o#ffnete die Flasche Erdner Treppchen, die ich am Tage zuvor im Moseltal erstanden hatte, und wir legten und zu Bett. .PP Ich schlief fest und tief. Als ich erwachte, war es schon halb neun. Heute fahren wir nach Braunschweig, vielleicht nach Aue, vielleicht sogar nach Leipzig. Beim Fru#hstu#ck nahm ich die Gelegenheit mich in der guten Stube wo uns der Tisch gedeckt war umzuschauen. Auf der Fensterbank Blumento#pfe, an den Wa#nden Bilder pausbackiger Ma#dchen mit grossen Ro#mern roten Weines. Frau Schneider zeigte uns denn auch und gab uns ein Bild ihrer Tochter Jutta mit einem Riesenpokal roten Weines, und mit einer gla#nzenden goldenen Krone gekro#nt, als Rotweinko#nigin 1989. In breiter beringter ba#uriger Hand an muskulo#sem Arm und mit beringten Fingern hielt sie das u#bergrosse Pohal, mit einem Rand von den Lippen der kredenzenden Gesellschaft verschmiert. Ihr Haar, mit kurzgeschnitten bogenartigen Stra#nen die ihr u#ber die Stirn fielen, war in amerikanischem Punkstil hergerichtet. .PP Der grosse Raum war mit einem gross-figurierten Herez ausgelegt. An der Wand stand ein hoher Bu#cherschrank aus hellem Nussholz in italienischem Provinzialstil. Ein altes verschlissenes Sofa mit passenden Sesseln zu ersetzen hatte vermutlich das Geld gefehlt. Im Radio wechselten die Nachrichten von den Autobahnstaus mit Schlagern im amerikanischen Countrymusik Stil ab. .PP Ich nahm dann die Gelegenheit mit unserer Wirtin zu sprechen. Sie beklagte vor allem das Asylantenproblem. Ihr Mann sage auch, das ko#nne nicht so weiter gehen. Sie hatte starke Gefu#hle, beklagte wie sich die Ausla#nder wie die Katzen vermehrten. (Katzen bekanntlich ersa#uft man.) Und als ich ihr die Probleme die die bedru#ckten als unlo#sbar beschrieb, war sie es zufrieden, denn sie fu#hlte sich dadurch von jeglicher Verantwortung frei gesprochen. Ich erza#hlte u#ber die Freiheit in Amerika, u#ber die Freiheit sich anzusiedeln wo und wie man will, u#ber die Gefa#ngniskultur. Wir sprachen u#ber den Jammer der Menschen die in den sonnenlosen Hinterha#usern, in den schmucken alten Fachwerkha#usern wohnen. .PP Ich meinte ein allgemeineres interessantes Freiheitsproblem zu erkennen.