am 4. Mai in Assmanshausen um drei Uhr morgens. Es ist spa#t in der Nacht, oder so fru#h am Morgen, jedenfalls, dass die Gipfel des Hunsru#ck noch vom Licht unerkenntlich sich von der Schwa#rze der Nacht nicht unterscheiden lassen. Wir sind in Assmanshausen. Wie Vo#gel die in ihre Heimat kehren, so kehren auch wir zuru#ck zu dem Ort von wo wir ausgegangen. Selbstversta#ndlich beeindruckt mich bei dieser Gedankenfolge, wie es in meinen Gefu#hlen aussieht, Ist es doch, als wa#ren wir hierher zuru#ckgekommen, als sei dies, das eigentliche Zuhause. Und dabei der traurige Gedanke, die Tage meines Lebens entfremdet und allein, der Heimat ferne, in Amerika verbracht zu haben. Vor dem Fenster rauschen unabla#ssig Gu#terzu#ge durch die Nacht. Sie folgen einander in Absta#ndenden von nur wenigen Minuten. Und ein jeder scheint mit verschiedensten Gu#tern beladen zu sein. Im Licht der fahlen Gassenlaternen ist zu erkennen, dass die Gu#terwagen dieses einen Zuges fast ausschliesslich mit neuen Autos beladen sind. Ich stelle mir vor es mo#chten Audis sein oder BMWs oder Mercedes. Soeben ein weiterer Zug mit leeren Flachwagen, solchen auf den man Autos verfrachtete, als wa#ren irgendwo im Su#den die Wagen ausgelaufen, as if they ran out of cars. Jetzt ist es wieder vo#llig still, und die Leere der Nacht herrscht, als ob sie nie unterbrochen worden wa#re. Soeben kommt aus der anderen Richtung ein Personenzug, ausschliesslich aus dunklen unerleuchteten Personenwagen bestehend, bis auf den letzten der hell erleuchtet war, in welchem ich jedoch keinen einzigen Passagier zu erkennen vermochte. Lag das vielleicht an meinen Augen? .PP Wir haben kaum etwas zu essen im Zimmer, tatsa#chlich nur drei A#pfel, es waren ihrer drei, aber einen davon habe ich schon gegessen, und danach fu#hle ich mich hungriger noch als zuvor. Gestern als wir durch Lorch fuhren, hielten wir an einem Lebensmittelladen. Ich war aber von dem durchna#chtigen Flug derart ermu#det, und wir hatten fu#r den bevorstehenden Abend noch keine Herberge, so dass ich keinen Mut hatte viel einzukaufen. Hinzukam auch, dass man den Kunden keine Ko#rbe anbot, um die ausgesuchten Stu#cke zu sammeln, statt dessen aber verlangte man den kleinen Wagen, den man durchs Gescha#ft schiebt, wie er von Amerkia auch hier eingefu#hrt ist, mit einer Mark Pfand zu mieten. Ich hatte mein deutsches Papiergeld noch nicht gewechselt, und hatte deshalb, obgleich ich viel Geld besass, keine Markstu#cke in der Tasche, fu#hlte mich verdrossen und unsicher, und ging nun unschlu#ssig und unentschlossen durch die Ga#nge deren Regale mit soviel teueren Esswaren angefu#llt waren. In meinem Verdruss kaufte ich nur eine kleinen Becher Yurgot, und eine Flasche Orangensaft, sowie auch drei Granny Smith A#pfel. Das Yurgot und den Saft vertranken wir einige Minuten spa#ter als wir, hinter Lorch, an einem sehr schmalen unmittelbar am Rheinufer gelegen Parkplatz anhielten. Unterschieldlich von der trotz des Streiks noch alles beherrschenden Sauberkeit, hatte der u#berflutende Rhein manchen Holzscheit, und allerlei Dosen und Plastikschachteln auf das mit Steinquadern gepflasterte Ufer (incline) angeschwemmt. .PP Als ich vor etwa einer halben Stunde vom Schlaf erwachte, da lag mir das Sederproblem sehr stark im Sinn. Seder heisst doch Ordnung, Anordnung, die von den Rabbinern eingefu#hrte und angeordnete, und von dem Leiter, Vorsteher des Seders fortgefu#hrte, besta#tigte, und bekra#ftigte Ordnung, und mein Problem ist es ja gerade, dass ich mich keiner Ordnung fu#gen kann oder will, und aus dem Kirchenleben ausgeschieden bin aus ebensemselben Grunde weshalb Jonathan Mengs einst aus dem Universita#tsleben ausschied, und viele Jahre als Bankier und Immobilienmakler wirkte, eh er wieder zuru#ckkehrte um bei Do#hring seine Doktorarbeit zu machen. .PP Mir fa#llt auf, mit welcher Selbstversta#ndlichkeit ich mich der Umsta#nde der Kanadareise bediene, dass dieses Geschichte nun ein und fu#r alle mal in mein Gemu#t eingegraben, eingraviert ist, und dass ich keinen Grund und keine Ursache habe es zu unterdru#cken oder zu verleugnen, dass dementsprechend auch Matthias Kranach das Buch, to biblion, die Kanadareise, gelesen haben wird, und dass er auf die Gedanken und Gefu#hle die dort ausgesprochen sind reakiert und wirkt, nicht anders als ich selbst, und dass er sich, sein denken und sein Handeln ausdru#cklich darauf bezieht, so dass dadurch mein Schreiben eine Einheit bekommt, welche mit der Einheit des Lebens durchaus vergleichbar ist, ja diese widerspiegelt. Und das diese Einheit zuletzt auch mein ganzes Schreiben bezeichnen wird. (will inform it). .PP Es war meine Vermutung, welch, soviel ich weiss, Klemens mit mir teilte, dass sich die Sederordnung vom Inhalt der Sederfeier, vom seelischen Wiedererleben der Beziehung zu Gott, sich trennen liesse, oder aber sich trennen lassen mu#sste. Nun aber vermute ich, dass ich mich irrte, und dass dies nicht der Fall ist, und nicht der Fall sein kann, und dass im Gegenteil das sich Fu#gen der Ordnung ein unentbehrlicher und unverbru#chlicher Bestandteil dieser Feier sein muss. .PP Der ganze Seder ist eine Studie, eine Agonie, eine Auseinandersetzung der Beziehung zur Gesellschaft, und insofern als der daran Beteiligte selbststa#ndig denkt, und nicht nur, wie Laura es tut, aus Einheitsgefu#hlt und Einfu#gungsbedru#rfnis sich der U#berlieferung kritiklos und also gedankenlos u#bergibt und anvertraut, insofern muss es eine Auseinandersetzung des Einzelnen mit der Gesellschaft sein. Man darf es nicht vergessen, dass es ja auch der Jude als Einzelner war, der die a#gyptische Sklaverei und das Konzentrationslager erlebt hat. Denn das Leiden ist immer nur das Leiden des Einzelnen, wie auch die Freude die Freude des Einzelnen ist. Der Auszug aus A#gypten behob also das perso#nliche Leiden, bedeutet aber auch die Auflo#sung gesellschaftlicher Bande. Die Heimat die in A#gypten verloren ward, musste durch eine neue Heimat ersetzt werden. Der Tanz um das goldnene Kalb beweist, dass die Menschen fu#r die Wirkliche Freiheit noch nicht bereit waren. Es musste eine neue Bindung an die Gesellschaft, also doch eine neue Sklaverei entstehen, denn die Gesellschaft ist Sklaverei, wodurch der Mensch zuletzt nur durch den Glauben an Gott erlo#st wird. Dieser Glaube ist, wie die Geschichte beweist, sehr schwierig und sehr schwer zu tragen. So ist die Religion jedenfalls der christlich-ju#dischen U#berlieferung, der Ausdruck der Unsicherheit des Menschen in der Gemeinschaft, eine unlo#sbare Unbestimmtheit, welche in der Verfolgung und Kreuzigung Christi ihren Bildlichen Ausdruck findet. Der Tanz um das goldene Kalb ist das Gegenstu#ck zur Kreuzigung, denn in beiden Fa#llen handelt es sich um die Verleugnung der Individualita#t. .PP Die Befreiung aus A#gypten bedeutet die Auflo#sung der Bande an das a#gyptische Volk. Es ist eine Ablo#sung, eine Herauslo#sung aus dem A#gyptischen welches letzten Endes durch die neue Einfu#gung in das auserwa#hlte Volk gefeiert wird. Der Mensch wird Jude erst indem er aus A#gypten befreit wird. Er vermag aber (noch) nicht als einzelner zu Leben. Vielleicht wird er es nie vermo#gen, und wie die mosa#ische Gesetzgebung die neue Einbindung des Einzelnen in die Gesellschaft bedeutet, so ist die Bestimmung, die Ordnung des Seders, die neue Einfu#hrung die Besta#tigung des Gesetzes. Und der fromme Jude fu#hlt mit Recht, dass jede Abweichung von dieser Gesetzma#ssigkeit, ein Bruch mit diesem bestehenden Judentum in ein neues ist, als zu einem neuen Bunde fu#hrt, wie ihn Jeremiah 31.31 anku#ndigte. .PP Tatsache ist unverkennbar, dass der Mensch das Leben als Einzelner nicht ertragen kann, vide Aristoteles, und dass ihm eine neue Einbindung in die Gesellschaft lebensnotwendig ist, und wie nach der Befreiung aus Aegypten, die moseische Gesetzgebung eine neue Bindung in die Gesellschaft bedeutete, so bedeutet auch der Seder eine neue Einbindung des Menschen in das Judentum. Der Aufruf aber war doch die Bindung an Gott. Und die Einfu#gung ins Volk war doch vielleicht Go#tzendienst. Das, genau das, ist der wesentliche Punkt. Die Religiosita#t des Juden besteht darain, dass die Bindung ans Volk, die Bindung an die Familie, eben nicht Go#tzendienst wurde, dass die Einbezogenheit in die ju#dische Volksfamilie den Einzelnen von der Schuld des Go#tzendienstes erlo#ste, vergleichbar mit der Weise in der die Einbezogenheit in die christliche Kirche es tun wu#rde. Das eigentliche religio#se Verha#ltnis aber besteht ausserhalb und muss ausserhalb dieser Einbeziehung bestehen. .PP Gestern wanderten wir erst durch Assmannshausen, gingen dann unter den Anlagen der Seilbahn hindurch auf die Weinberge. Man hat, so gross ist der Bedarf nach Touristen, ein Motorroller Museum hoch am Abhange des Berges angelegt. Die Strassen zwischen den Weinplantagen sind erstaunlich solide angelegt. Der Ausblick u#ber den Rhein war uns in seiner Erhabenheit bekannt. .PP Das Niederwalddenkmal. Etwa fu#nfundsiebzig Meter hoch. Germania als Siegesgo#ttin. Es braust ein Ruf wie Donnerhall. Der Weite Blick u#ber die besiedelten Rheinufer. Der Weg bergab, die steilen Stufen hinunter nach Ru#desheim, dann an der alten Burg, an Bingen und am Ma#useturm vorbei zuru#ck nach Assmannshausen. Auf der Suche nach einem noch offenen Lebensmittelgescha#ft verliefen wir uns. Stiegen die lange steile Strasse nach Aulheim hinan in der Vermutung, dass sich diese mit der anderen, aus Assmannshausen das Tal hinan steigenden Strasse treffen wu#rde. Sie tat es, aber erst nachdem wir etwa zwei Kilometer gestiegen waren. Wir gingen dann zuru#ck ins Tal, aber alle La#den waren geschlossen, und weil wir hungrig waren, mussten wir mit einem Restaurant fu#rlieb nehmen. Wir ha#tte gern draussen im Freien gesessen, aber jene Pla#tze waren sa#mtlich besetzt. Sassen also als einzige in einer kleinen Stube, assen belegte Brote. Margaret trank Wasser, ich trank Wein, dies alles sehr teuer, kostete zweiunddreissig Mark. Heute mu#ssen wir es besser machen.