am 14. Ma#rz 1990 .PP Ich glaube es wa#re erspriesslich das Leben einmal im Lichte der Unwahrheit, statt immer nur, unbeachtet aller Wirklichkeit und Notwendigkeit, im Lichte der Wahrheit zu betrachten. Die Grundlage aller diesbezu#glichen Betrachtungen u#ber die Unwahrheit ist die unentbehrliche Rolle des dem Menschen eingeborenen Triebs zur Wahrheit dieses notwendigen Bestandteils seiner eingeborenen biologischen Ru#stung zum Leben, welche in mannigfaltigen Weisen ihren Ausdruck findet. Wiederum ist die Unwahrheit als eine Art Blindheit die Unfa#higkeit das Wirkliche zu begreifen, ein Mangel welcher letzten Endes den Menschen lebenunfa#hig macht. .PP Aus diesem naturgegebenen Vorrang (Primacy) der Wahrheit ergeben sich Widerspru#che schon fu#r jeden Versuch die Lu#ge zu charakterisieren. Denn jede Beschreibung der Unwahrheit muss selbst wahr sein. Ist es mo#glich u#ber Unwahrheit Wahrheit auszusprechen? Und wenn es mo#glich wa#re, wu#rde man dadurch die Unwahrheit, indem man sie als solche bezeichnete nicht irgendwie neutralisieren, nicht irgendwie in Wahrheit verwandeln? .PP Andererseits aber entwickeln sich im Gesellschaftsleben Widerspru#che welche unlo#sbar sind und mit welchen der Mensch nur mittels einer Abda#mpfung seines Wahrheitsbedu#rfnisses zurechtkommen kann. Trotz aller Behauptung, dass sie die Wahrheit von ihm verlange, zwingt die Gesellschaft den Einzelnen die Wahrheit zu verbergen oder zu entstellen, und sie zwingt ihn wiederum die daraus sich ergebende Unwahrheit als Wahrheit zu bezeichnen. Der Gewissenszwang welcher in sogenannten totalita#ren Staaten unverhohlen ausgeu#bt wird, ist unentbehrlicher Bestandteil jeder Gesellschaftsordnung, wie milde und liberal und offen sie auch immer sein mag. .PP Dass die Wahrheit erbaulich und die Unwahrheit verderblich sei, ist ein Urteil welches sich erstens aus der naturgegebenen Nu#tzlichkeit und Notwendigkeit der Wahrheit ergibt, und welches im griechischen Lebensbild tief verankert ist, ein Urteil welches die sachliche Betrachtung, das Versta#ndnis der Unwahrheit sowohl als auch der Wahrheit um vieles erschwert wenn nicht gar unmo#glich macht. Ich glaube es ist ein Irrtum, vielleicht zum Versta#ndnis der Wahrheit der bedeutendeste und folgenschwerste, dies voreilige Bewerten welches den Einzelnen zwingt, und sein Urteil behelligt und belastet. Infolge dessen die Unwahrheit, die Ta#uschung, das Missverha#ltnis von Begriff und Wirklichkeit systematisch verleugnet wird, verborgen und versteckt wird. Die Behauptung und die Feier der Wahrheit wo keine Wahrheit ist, wird dementsprechend zur Unwahrheit in doppelter Potenz. Erst wird die Wirklichkeit verdeckt, und dann die verdeckung der Wirklichkeit. .PP Deshalb sehe ich davon ab zu urteilen ob Wahrheit gut oder Unwahrheit schlecht sei. Ich mo#chte aber darauf hinweisen, dass die Verleugnung der Lu#ge, ihrer Notwendigkeit und ihrer Unumgehbarkeit, selbst eine Unwahrheit ist. Und vielleicht ist der Begriff der Lu#ge selbst Unwahrheit insofern als er in sich die Verschleierung und Verleugnung des Notwendigen und Unvermeidbaren, und vor allem, des Tatsa#chlichen birgt, ein Widerspruch der wie ein Markstein auf die Grenzen unseres Begriffsvermo#gen hinweist, der wiederum wege die Unzula#nglichkeit beider Begriffe, der von der Wahrheit und von der Lu#ge, auffweist. .PP Die unlo#slichen Fragen die sie hier bieten erinnern an jene der beru#hmten Theodizee, im einen Fall wie im andern erscheint es unmo#glich, das Zusammenbestehen von Gut und Bo#se, von Gott und Teufel mit einander in Einklang zu bringen. wie ein Vexierbild verwandelt sich die Erscheinung der Begriffe. Momentan sieht es aus als vermo#chte das positive Prinzip, Gott, Wahrheit oder das Gute, das negative, Teufel, Lu#ge oder das Bo#se, einzuschliessen, aber dann im na#chsten Augenblick scheint das negative Prinzip dem positiven Abbruch zu tun ihn zu unterminieren, und in Zweifel zu stellen. .PP Wird die Unwahrheit als solche erkannt und bezeichnet, so wird ihre Unwahrheit wahr. Anderenortes habe ich ausfu#hrlich das Wahrheitserlebnis aus der Beziehung des Einzelnen zur Natur abgeleitet. Ebenso kann man die Unwahrheit als Begriff in zweierlei Situationen begru#nden: erstens wo das Erkenntnisvermo#gen des Menschen den Anforderungen die an es gestellt werden nicht gewachsen ist, und zweitens wo zwischen Mensch und Mensch oder zwischen Mensch und Gesellschaft Uneinigkeiten oder Streitigkeiten entstehen welche sich nur oder doch am besten durch die Einfa#delung von Unwahrheiten beschwichtigen lassen. Insodern als die Beilegung derartiger Konflikte unvermeidlich mit Vor- und Nachteilen verbunden ist, und die Umgestaltung des Begriffsrahmens die Verteilung des Nutzens unvermeidlich beeinflusst, so ist die Konstatierung der Wahrheit, bezw. die Herausarbeitung der Unwahrheit mit erheblichen Wertfolgen, und deshalb mit erheblichen Werturteilen belastet. Man mag es als vorausgesetzt annehmen, dass jedenfalls in einem gesellschaftlichen Zusammenhang die Bestimmung der Wahrheit jeweils die Auswahl einer beliebigen Lu#ge (Unwahrheit) ist welche zur Wahrheit erho#ht wird. In gewisser Hinsicht ist jede o#ffentliche Lehre unwahr in einer Weise in welcher die Unwahrheit an den Glauben des Einzelnen nicht heranreichen kann. .PP In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, dass wir das positive Prinzip mit nur einem Ausdruck, na#mlich Wahrheit bezeichnen, fu#r das negative aber zwei Ausdru#cke, na#mlich Unwahrheit und Lu#ge haben. Eine Erkla#rung dafu#r liegt nahe. Aussprechen der Wahrheit ist unmittelbare und ungezwungenes. Die Unwahrheit hingegen kommt nur durch Zwang, durch ein gewolltes Verbergen zustandet, und diese Bewusste und Gewollte der Lu#ge im Gegensatz zu der fast zufa#lligen Verwechslung der Unwahrheit erfordert einen anderen Namen. .PP Weit entfernt, dass die Lu#ge ein verderbliches Fehlen des Menschen wa#re, ist sie im Gegenteil ein unvermeidlicher und unentbehrlicher Bestandteil menschlicher Beziehungen. Sie ist unentbehrlich fu#r das Entstehen und Gedeihen und der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass die Ausspru#che welche man als Lu#gen bezeichnet, sind nur kleiner Bruchteil der vielen Darstellungen, welche rein logisch als unwahr bezeichnet werden mu#ssen. Denn viele Vorstellungen welcher die Gesellschaft nicht weniger als der Einzelne sich bedient, und welche zu ihrem Wohlsein erforderlich sind sind unwahr, und sind doch keineswegs verboten. So ist was als Lu#ge stigmatisiert wird letzten endes ein quasi politisches Urteil. Die Unwahrheit welche man aus diesem oder jenem Grunde unterdru#cken mo#chte bezeichnet man als Lu#ge. Die andere Unwahrheit aber welche einem dienlich du#nkt betrachtet man als wahr. Es ist sehr selten, dass ein Mensch die Wahrheit sagt.