am 7. Ma#rz 1990 .PP Wenn man die Moral genauer betrachtet, so erscheinen mehrere Beweggru#nde weswegen der Mensch sich ihr verpflichtet. Erstens dient sie ihm seine Mitmenschen zu kontrollieren. Er schreibt ihnen Regeln vor, und untersteht sich mittels dieser Regeln seine Mitmenschen und eigentlich die ganze Welt sich unterta#nig und dienstbar zu machen. Denn die Moral auf die es hier ankommt ist ja, wie Kant es eigentlich so unverscha#mt ausgedru#ckt hat, mein Wille. Und diesem meinem Willen soll nun die ganze Welt ho#rig sein. Aber die Macht u#ber die Welt wird zu einem hohen Preise erkauft. Na#mlich dass um sich der Macht zu versichern, um seinen Willen als Moral der ganzen Welt vorzuschreiben, kann der Einzelne nicht umhin sich in diese Gesellschaft einzugliedern und sich ihr zu unterwerfen. Dies ist ein Beispiel fu#r die oft zitierte Beobachtung, dass ein Mensch der Sklaven ha#lt, selbst unfrei ist, was besagt dass Egalita#t des Menschen in seinem Wesen liegt, von der Natur verordnet ist, und dass es dem Menschen nicht mo#glich ist, sich durch eigene Anstrengungen wie gross sie auch sein mo#gen, von dieser Egalita#t zu befreien, oder diese Egalita#t zu u#berwinden. .PP So ergibt sich doch eine Beziehung zwischen der alles umfassenden Moral wie sie von Kant und u#brigens auch von Platon entworfen wurde zu jenen Ordnungen welche beanspruchen das Leben vollkommen zu kontrollieren, und in das Gesellschaftsleben restlos einzugliedern. Es mag sein, das dieser Entwurf als idealistische Vorstellung gedeutet werden sollte, welch theoretisch bei vollkommener Gesellschaftsordnung durchfu#hrbar und wu#nschenswert wa#re, welche aber die tatsa#chliche Lage der Gesellschaft verkennt. Aber der Anspruch die Gesellschaft zu kontrollieren ist ein unerlaubter U#bergriff in die Natur, welcher den Menschen nicht unbedingt beglu#ckt sondern ihn oftmals belastet. Der Mensch leidet unter der Gesellschaft in doppelter Weise. Er leidet weil sie ihn nicht versteht, weil er letzten Endes mit seinem Fu#hlen und Denken und Ringen doch einsam und verlassen ist. weil sie letzten Endes unfa#hig ist, ihm den Schutz zu geben, dessen er bedu#rftig ist, und andererseits weil die Minderwertigkeit der Gesellschaft oder vielleicht auch nur ihre Not sie zu Unterdru#ckungen verleitet welche ihm sein Leben in ihr zuletzt unertra#glicvh wenn nicht gar unmo#glich machen. .PP Und obgleich aus einer Sicht die Gesellschaft ihm eine notwendige Heimat und Stu#tze und Mittel zum U#berleben bietet, so verfolgt sie ihn doch andererseits so dass er nur in ihren Spalten u#berleben kann. Vor unseren Augen wickeln sich die Gesellschaftsbeziehungen ab. Wir sehen die Ausgestossenen aus der Gesellschaft aus welchem Grunde auch immer, wegen wirklicher oder erdichteter Vergehen, eine Gegengesellschaft bilden, ein Spiegelbild der Gemeinde, ein Umschlag wo gut und schlecht ihre Stellen wechseln. Hieru#ber aber ist anderenortes mehr zu sagen. Auch hierin war Christus das Vorbild. .PP Der Einzelne aber beno#tigt fernerhin die Moral dazu ihm die Welt zu ordnen, und ihn in Einklang mit ihr zu setzen. Diese Funktion ergibt sich unmittelbar daraus, dass die Gesetze dem der Einzelne unterworfen ist zugleich die Gesetze der Welt sein sollen. Durch die vermeinte Durchdringung der a#usseren wie der inneren Welt mit derselben Moral geschieht eine Einbuergerung des Einzelnen in den Kosmos, ein Zuhause sein in der Welt, und ins besondere in der Gesellschaft. Man hat den naiven Wunsch und die kindliche Genugtuung so zu sagen zur Familie zu geho#ren, mit der Gesellschaft eins zu sein. Die A#hnlichkeit des grossen Verbrechers mit dem grossen Helden ist nicht zu verkennen, eine A#quivalenz welche entgu#ltig im Neuen Testament kundgegeben wird. .PP Wie unterschiedlich ist nicht die Moral des Friedens von der Moral des Krieges. Zu Kriegszwecken werden all jene idealen Vorsa#tze und Bestimmungen welche der Mensch im Frieden einha#lt u#ber den haufen geworfen, und das Urteil u#ber gut und bo#se in sein diametralisches Gegenteil umschla#gt. To#ten, plu#ndern, zersto#ren wie es im Frieden verboten und bestraft wird, ist nun erlaubt. Im Krieg wird der Soldat bestraft, wenn er sich weigert Taten zu tun fu#r welche der Bu#rger bestraft wird, wenn er sie tut. In dieser Unbestimmtheit und Wiederspru#chlichkeit der Forderungen lo#st sich die Moral in dialektischer Weise auf. .PP Diese Betrachtungen fu#hren zu dem Schluss, dass das Wesentliche an der Moral nicht wie sie sich vorstellt, ihr Inhalt ist, sondern die Koinzidenz, das Zusammenfallen der Notwendigkeit der Gesellschaft organisiert zu sein, des Bedu#rnisses des Einzelnen in die Gesellschaft eingegliedert zu sein und nicht zuletzt der Bedingungen welche die Gesellschaft u#berhaupt ermo#glichen. Der Zwang wird fu#r den Menschen ertra#glich dadurch dass er ihn verinnerlicht, und dass er Genugtuung in der Erfu#llung der Gebote findet.