am 25. Februar 1990 .PP "Das Gesa#tz ist ein stumme Oberkeit, Oberkeit ein redend Gesa#tz." (Denzler) "Vil gesatz vil ungehorsam." "Wenig gesatz, gut recht." "nu wir aber unter unsern fu#rsten, herren und keiser sind und euszerlich jrer gesetz geleben mu#ssen" Luther "vil gesetz geben ist vil strick den armen seelen legen" Luther .PP Vorhergendes sind Auszu#ge aus dem Aufsatz "Gesetz" im grimmschen Wo#rterbuch. Ich las ihn nach, um mich zu versichern, keine wesentliche Bedeutung dieses Wortes u#bersehen zu haben, besonders aber um in meiner Auslegung, Kants Lehren u#ber das moralische Gesetz gerecht zu werden. .PP Der erste Widerspruch, der mir auffa#llt, na#mlich dass Gesetz eine besta#ndige, verla#ssliche, unwandelbare Vorschrift sein soll. Was gesetzt ist bleibt an Ort und Stelle, entflieht nicht. Wandel wird bildlich als Bewegung aufgefasst; Besta#ndigkeit als Verbleiben am selben Ort. Und doch verwandelt sich das Gesetz, nicht nur, weil es immer wieder von den Gesetzgebern neu verfasst wird, sondern weil es vorerst nur ein Entwurf ist, welcher in der spezifischen Anwendung immer wieder verwirklicht werden muss. Die Unbestimmtheit, die "Ungesetztheit," des Gesetzes erfordert zu seiner Bestimmung eine Rechtswissenschaft, deren Aufgabe letzthin ist, wie Unbestimmtheit des vermeintlich Bestimmten annehmbar zu machen. .PP Der zweite Widerspruch liegt in der Verwischung der Grenze zwischen Innen und Aussen, zwischen Ich und Gesellschaft, welche die Vorstellung des Gesetzes mit sich bringt. Es liegt nicht auf der Hand, weshalb dem so sein sollte. Wa#re es etwas ga#nzlich von aussen auf ihn Zustossendes, ko#nnte er sein Inneres dem Gesetz verschlossen halten. Aber offenbar ist dies nicht der Fall. Der Mensch empfindet ein Bedu#rfnis, das Gesetz als Leitformel auch seines inneren Lebens zu erhalten. Die einfachste Erkla#rung fu#r dieses Bedu#rfnis, ist dass es eine Anpassung an das Sta#rkere, eine Eingliederung in eine bedrohliche Lebenswelt ausmacht. Doch ist mir eine umfassendere Erkla#rung u#berzeugender, na#mlich, dass das Menschenleben im geistigen wir im ko#rperlichen aus fortwa#hrendem Stoffwechsel besteht, dass wir besta#ndig gedrungen sind, was von Aussen auf uns zu kommt, und was wir in der Aussenwelt vorfinden, uns einzuverleiben, in uns aufzunehmen, zu assimilieren, und dass wir in dieser Weise auch die Gesetze die uns mutmasslich von aussen dirigieren, in einen Teil des inneren subjektiven Wesens aufnehmen. Der umgekehrte Prozess geht gleichfalls vor. Wir sind bestrebt die Erzeugnisse unserer Einbildungskraft, in der Natur, in der Welt ausser uns zu verwirklichen, und demnach eine Welt zu bauen, die ein Abglanz des eigenen Wesens ist. So jedenfalls deute ich die Kunst. .PP Anders zusammengefasst lautet die Erkla#rung, dass die scheinbare Verwischung von Innen und Aussen die Folge eine forwa#hrenden geistigen Stoffwechsels ist, welcher das Menschenleben ausmacht, und bewirkt das vieles von dem, was von Aussen auf den Menschen zu kommt, von ihm assimiliert, ein Teil seiner selbst wird, nicht una#hnlich der Speise, die er zu sich nimmt. .PP Beanstanden wir die Verwischung der Seelengrenze, so tun wir dies, glaube ich, nicht weil die Grenze an sich uns besonders wertvoll ist, sondern weil unsere Bemu#hungen an sich unzula#nglich sind, und weil wir irrtu#mlicherweise meinen ihre Unzula#nglichkeit dadurch aufzuwiegen, dass wir diese Schranke aufrecht erhalten und uns hinter ihr, auf der einen Seite oder auf der Anderen, verstecken. .PP Es mag sein, dass die Zweideutigkeit des Gesetzes, einerseits als von aussen aufgedrungener Zwang, andererseits als von innen getriebene Notwendigkeit, sein eigentliches Wesen bezeichnet. Jedenfalls ist das Gesetz in seiner Unbestimmtheit ein getreues Spiegelbild des Daseins des Menschen zwischen Ich und Gesellschaft, zwischen Augenblick und Geschichte, zwischen Hier und Welt. Das ist eine Auflo#sung der Frage in Dialektik. Man bemerke wohl, das Auflo#sung keine Lo#sung ist, und Dialektik ein Spiel, dass den Spielenden ergo#tzt, vielleicht auch erbaut, das aber die Frage die zu lo#sen sie sich anstellte, unbeantwortet la#sst.