am 23. Februar 1990 .PP Ich habe vorgestern Abend mit Klemens wieder ein paar Seiten in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten gelesen. Ich war mu#de und vermochte nicht mit meinen Gedanken zu recht zu kommen. An diesem Abend hatte es der furchtbare Stil mir angetan. Ich erinnerte Nietzsches Kritik an David Friedrich Strauss und fragte mich ob dieses bewusste Messen des Inhalts an der Form nicht auch hier anwendbar sein sollte. Diese schneidende Beurteilung des Inhalts an Hand der Form. Sollte man hier nicht auch so urteilen? Doch scheint mir, dass Nietzsche selbst es nicht getan hat. Zwar hat er Kant als den Moraltrompeter von Ko#nigsberg angeprangert, aber dass er Kants Stil angegriffen ha#tte kann ich mich nicht besinnen. Mag sein dass es aus demselben Grunde war, dass so viele verehrende Kantleser diese Verschachtelung von Worten, Sa#tzen und Begriffen sich haben gefallen lassen, als ob sie fu#rchteten durch irgendeine Kritik, ihr eigenes Unversta#ndnis blosszulegen und damit bauten sie an dem Mysterium. Die Scha#tze die es verbarg, immer geheimnisvoller, und immer gro#sser, und wertvoller. Ich kann mir eine Novelle, vielleicht so gar ein Drama ausmalen, wo Kant von all der Weisheit die ihm von seinen Verehrern aufgebu#rdet, zugeschrieben wird, zusammenbricht, und die tatsa#chliche Beschra#nktheit und Unwesentlichkeit seiner Gedanken zuru#ckziehen mo#chte, wie Prospero den Mantel des Zauberers ablegend, was ihm aber nicht erlaubt wird, und die Trago#die darin besteht, dass er gezwungen ist, die Rolle, die ihm la#ngst nicht mehr passt, zu Ende zu spielen. Denn es sind zu viele Gelehrte, deren Lebensunterhalt wenn nicht gar derer Lebenssinn von ihm abha#ngig geworden ist. Eine Variante des Faustproblems. .PP Was nun mich selber anlangt, so besinne ich mich auf den Beschluss zu dem ich schon vor Jahren gekommen war, na#mlich, dass Kant die Einzelheiten seiner Ausfu#hrungen immer wieder vergass, und deshalb immer in etwas vera#nderter Pra#gung wiederholte. Aber vielleicht rede ich da von mir selber. .PP Es ist oft genug behauptet, oder haben wir alle immer nur Nietzsche nachgeredet, dass sich Inhalt des Gedankens in dem Stil widerspiegelt, in dem er dargestellt wird. Dadurch wu#rde die Kantsche Satzbildung versta#ndlich. Kant fu#hlt sich gedrungen, ungeza#hlte Erwa#gungen simultan im Gemu#t zu bewahren, und in ihrer Verflochtenheit zum Ausdruck zu bringen. .PP Doch muss ich nun meine eigene Hochscha#tzung von Kants Denken mit meiner gegenwa#rtigen Ablehnung und Abneigung vereinbaren und versuchen mich selbst zu verstehen, und in dem ich mich mir selbst erkla#re, wird es mir vielleicht auch gelingen die Bewunderung zu verstehen, welche Kants Zeitgenossen ihm zollten, und daraus eine Ahnung scho#pfen, wie er sich selbst verstand. .PP Zugegeben, dass das Anschneiden einer bisher unero#rterten Frage zuweilen u#berflu#ssige Mu#he bereitet, dass es auch manchmal ku#nstliche Probleme schafft, dennoch bewirkt es auch wiederum Befriedigung, wenn nur vergewissert zu werden, mit seiner Sorge und seinem Zweifel nicht allein zu sein, dass die Frage und das Suchen nach einer Antwort nicht sinnlos sind. So war auch ich u#berzeugt, dass den zerrissenen Andeutungen der Schriften eine zusammenha#ngende Anschauung zu Grunde lag, und ich war auch bereit zu glauben dass diese schwierige Sprache gu#ltige Wahrheit verbarg, fu#r deren Versta#ndnis ich bereit war viel Mu#he und Zeit zu opfern. .PP Wenn ich gestehe, dass ich mich in meiner Jugend von der Unbedingtheit der moralischen Forderungen, wie Kant sie darstellt, angezogen fu#hlte, so muss ich hinzufu#gen, wie fragwu#rdig mir heute diese Unterstu#tzung menschlicher Hinfa#lligkeit durch Vorstellungen des Unbedingten erscheinen will. Ist doch nichts im Leben unbedingt. Die Behauptung des Unbedingten ist die Behauptung des Go#ttlichen. Man muss vorsichtig, behutsam damit umgehen. Auf allem liegt ein Schatten, der Verga#nglichkeit und des Todes. Den vermochte ich damals aber noch nicht zu erkennen, oder insofern ich ihn ahnte, sollte er durch den Willen u#berwunden und verbannt werden. So viel darf ich also zu meiner Entschuldigung hervor bringen, dass es ein Glaube an die Gu#ltigkeit der Weltordnung war und an die Gu#te des Lebens selbst, welche mich zur Verehrung des Absoluten verleitete. Und Kant, so stellte ich ihn mir vor, hatte das was ich in Konnarock und Cambridge mir in Gedanken zu recht ru#cken wollte, aus seiner ko#nigsberger Perspektive irgendwie erkannt. .PP Die Eingliederung des Geistes in einen Kosmos der die Natur sowohl als auch die Gesellschaft, die Vergangenheit sowohl als die Gegenwart umfasste, schien mir so wertvoll, dass ich bereit war sie mit einem teueren Opfer zu bezahlen. Es war mein Glu#ck, oder so sehe ich es jetzt aus der Perspektive der saueren Trauben, dass das Leben mein Opfer ablehnte. Im Laufe der Jahre gewann ich Vorstellungen der Wirklichkeit welche mir heute gu#ltiger erscheinen.