am 17. Februar 1990 .PP Es liegt nahe, den kantschen Tugendbegriff mit dem hebra#ischen einerseits und mit dem griechischen andererseits zu vergleichen. .PP Die Quelle des Guten im alten Testament ist das Gebot Gottes, so zum Beispiel das Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen. Die alt-testamentlichen Gebote sind sa#mtlich unmittelbare Ausdru#cke von Gottes Willen. Sofort ergibt sich die Parallele: Quelle der Tugend ist entweder der gute Wille oder Gottes Wille. Setzt man den Begriff Gott mit dem Begriff gut gleich, so stimmen die beiden Formeln mit einander u#berein. .PP Die Griechen, andererseits, betrachteten die gute Handlung als jene welche im Einklang mit der Wirklichkeit geschah. Die bo#se Handlung bezeugte ein Versagen nicht des menschlichen Willens sondern der menschlichen Erkenntnis. Sie geschah aus Unwissen, aus Mangel and Einsicht, aus Unversta#ndnis. Dummheit war ihnen ein Mangel an Einsicht. Die O#dipuslegende ist die Reduktion des Unrechts auf das Unwissen. Der wissende Mensch aber, der die Natur in ihrer Wirklichkeit begriffen hatte, war der bo#sen Handlung unfa#hig. .PP Die kantsche Tugendlehre ist in Vorstellungen von der Gesetzma#ssigkeit verstrickt. Der Mensch soll aus Achtung vor dem Gesetze und dem Gesetz entsprechend handeln. Er soll aber auch so handeln, dass die Vorsa#tze (Maximen) denen entsprechend er handelt, uneingeschra#nkt als Gesetz gelten ko#nnen. Diese Forderung besagt ein ungebu#hrliches Vertrauen in das Gesetz. Kein Rechtsanwalt ha#tte eine solche Lehre entworfen. Denn der verstu#nde, wie unbestimmt der Befehl des Gesetzes ist, wenn es an die unterschiedlichen Tatsachen des Lebens zu regeln aufgerufen wird. Der wu#sste wie schwierig, wenn nicht gar unmo#glich es von Zeit zu Zeit werden kann, festzustellen, genau was es ist, das das Gesetz einem verbietet oder von ihm verlangt. Und wenn man versucht die Eindeutigkeit des Gesetzes an Hand von Beispielen aufzuweisen, so ergibt es sich dass Beispiele dazu dienen, die Unbestimmtheit des Gesetzes zu verdecken, nicht sie aufzuheben. Und doch ist es fast unmo#glich auch nur ein einziges Gesetz anzufu#hren, dessen unzweideutiges Gebot nicht in gegebenen Umsta#nden hinfa#llig wird. Wer wagte es, dem unmittelbar vom Mord bedrohten Menschen vorzuschreiben, Du sollst nicht to#ten. Oder wer ha#tte die Unverscha#mtheit dem Verhungernden zu gebieten, Du sollst nicht stehlen. Und tatsa#chlich ist es, aller Rechtswissenschaft zum Trotze, oft unmo#glich den Inhalt des Gesetzes, seine spezifische Anwendung, anders als nach der Tat, immer nur ex post facto zu bestimmen. Tatsa#chlich war es so auch bei Auch der erste Mord war nicht widergesetzlich als er begangen wurde, es sei denn, dass er ein ungeschriebenes Gesetz der Natur verletzte. "Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir von der Erde." .PP Fu#r die Gesetzma#ssigkeit welche, obgleich sie sachlich unbegru#ndet scheint, bei Kant eine so bedeutende Rolle spielt, muss man andere Erkla#rungen suchen. Vorerst die a#sthetische Erwa#gung, dass Gesetzma#ssigkeit Ebenmass und Ordnung in die Geisteswelt einfu#hrt, und dass die vermeinte Gesetzma#ssigkeit der Natur einerseits und der Moral andererseits zwischen diesen beiden Gebieten eine Bru#cke zu schlagen scheint. Wichtiger noch scheint mir, dass das Gesetz den Einzelnen in seiner Einzelheit und Einsamkeit mit dem Kosmos der Natur und der Welt verbindet, eben dadurch, dass er die den Gesetzen untergebene Natur durch diese zu erkennen vermag, und dass er in der gesetzgebundenen Gesellschaft sich eine Art Freiheit erwirbt, indem er von sich aus, freiwillig, das Gesetz als das fu#r ihn gu#ltige Mass anerkennt, welches ihn zugleich allen seinen Mitmenschen gleichstellt. So gewa#hrleistet das Gesetz, dem sowohl Natur als auch Gesellschaft unterliegen, die die geistig-moralische Existenz des Einzelnen in ihrer Mitten.