am 7. January 1990 .PP In der "Zeit" las ich einen Aufsatz der sich mit Martin Heideggers mutmasslichem Antisemitismus auseinandersetzte. Auch Heideggers Verhaeltnis zu Husserl, der Jude war, wurde einbezogen. Zwischen den Zeilen ging hervor, wie wesentlich die oeffentliche Rolle nicht nur die Erscheinung des Philosophen bestimmte, sondern auch den Inhalt seines Denkens praegte. Ein anderer Aufsatz in der "New York Times" beschrieb die Notwendigkeit welche Naturwissenschaftlern obliegt, durch unablaessiges Reisen und Vortragen ihren Ruhm zu pflegen. Damit wurden meine Vermutungen bestaerkt, dass es in der Physik, in der Literaturwissenschaft, in der Berufsphilosophie, auf jenen Gebieten also, wo ich als ich juenger war taetig zu werden gehofft hatte, im Grunde nicht anders vor sich geht als in der Augenheilkunde, dass es mir beruflich dort kaum besser ergangen waere, wenn ich eine andere Laufbahn gewaehlt haette, und dass ich dankbar sein und mich gluecklich schaetzen sollte, mir so viel Unabhaengigkeit und ein so verhaeltnismaessig gutes Einkommen besorgt zu haben. Auch ist es gut und gnaedig, dass ich die Abhaengigkeit des Geistes vom Ruhm nicht frueher erkannt habe, sonst waere ich moeglicherweise der Verzweiflung in einer ihrer vielen Formen zum Opfer gefallen. Diese Entfremdung ist aber eine Vorausnahme des Sterbens wie jede andere Erkenntnis es ist, welche eine Illusion aufhebt. .PP Ich besinne mich dunkel auf eine Unterhaltung als Student mit Karl Vietor, bei der er beklagte, die wesentlichste Aufgabe der Literaturwissenschaft sei das Abbauen irrtuemlicher Urteile. Was, frage ich mich nun, wenn es keine anderen Urteile gaebe, wenn alle begriffliche Erkenntnis mehr oder weniger verfehlt ist, dann bestaende die einzig erreichbare Wahrheit im Anerkennen des Irrtums, und ich glaube so ist es. Darueber hinaus, alles am Menschengeiste das wirksam ist, scheint ununterscheidbar von den zahlreichen unverstandenen Faehigkeiten des Menschen, wie die Hoerkraft, das Sprachvermoegen, das Sehen, das Denken, das Rechnen, alles Phaenomene (Erscheinungen) fuer die uns jegliche logische Erklaerung fehlt, und deren wir uns nichtsdestoweniger bedienen. Zu Ende gefuehrt besagt dieser Gedankengang, dass wir doch leben ohne unser Dasein auch nur annaehernd erklaeren zu koennen. In dieser Beziehung unterscheiden wir uns in keiner Weise von allen anderen Lebewesen. .PP Indem ich dies schreibe, werde ich gewahr, wie gross der Tadel den meine Erwaegungen hervorrufen wuerden, wuerden sie jemals veroeffentlicht und ernst genommen. Man wuerde sie als Verachtung von Vernunft und Wissenschaft verschmaehen. Dagegen behaupte ich, dass Vernunft sich selbst aufhebt und zur Unvernunft wird, wenn sie sich auf Gebiete ausdehnt auf denen sie nicht zustaendig ist, und dass es vielleicht die hoechste Aufgabe der Vernunft waere, ihre eigenen Grenzen zu erkennen. Man mag es bedauern, dass die Vernunft nur auf einem unerwartet beschraenktem Gebiete zuverlaessig ist, aber man wird diese Schranken kaum dadurch wegraeumen dass man sie ignoriert.