am 15. Dezember 1989 .PP Mein Schreiben soll nicht dazu dienen die Welt neu zu schaffen. Ich wu#nsche nur mir ein kleines Mass Heimlichkeit (Oikeiosis) zu verbu#rgen. Und die Zeilen die ich jeden morgen niederschreibe sollen ein bescheidenes Opfer sein. Mit einer gewissen Scham erkenne ich wie meine Gedanken, indem ich a#lter werde, mit religio#sen Vorstellungen und Begriffen durchtra#nkt sind, wo ich als ju#ngerer Mensch in religio#sen Sachen doch so nu#chtern und schamhaft war. Die herko#mmliche Deutung, dass der a#ltere Mensch sich dem Tode na#her weiss, und aus fast praktischen Erwa#gungen bestrebt ist mit dem Jenseits sozusagen ins Einversta#ndnis zu kommen, ist, denke ich, in meinem Fall unangebracht. .PP Wenn jetzt, im Gegensatz zur Vergangenheit, ein Schein der Fro#mmigkeit an meinem Schreiben haftet, und es ist nur ein Schein, so ru#hrt dies daher, dass ich es jetzt den Versuch aufgegeben habe meine geistig-seelische Existenz an die Gesellschaft zu knu#pfen oder durch die Gesellschaft besta#tigen oder rechtfertigen zu lassen. Solange ich nach gesellschaftlicher Bekra#ftigung strebte, waren meine Erwa#gungen durch Hemmungen behindert, insofern als ich meinte, das subjektive Erleben mu#sse mit der o#ffentlichen welt-historischen Meinung in Einklang gebracht werden. Das vermochte ich nicht. Ich schreckte vor der Darstellung meiner Gedanken und Gefu#hle zuru#ck, denn ich fu#hlte, dass ich durch sie preisgegeben wu#rde. An das Allerinnerste wagte ich kaum zu denken, geschweige denn dass ich daru#ber geredet ha#tte. Jetzt aber, wo ich nicht mehr in Gesellschaft bin, wo ich mich von der Gesellschaft verabschiedet habe, darf ich mich, sozusagen, entkleiden, darf ich die verhu#llenden Vorbehalte ablegen, und ledig jeglicher gesellschaftlicher Ru#cksichten meinen Gedanken und Gefu#hlen ihren natu#rlichen Ausdruck erlauben. .PP Es ist erschreckend, doch wichtig zu erkennen, wie sich auf einer bestimmten Stufe der Seelenkrypten die Vorstellungen von Ich und Gott verwechseln, dass wo Ich gesagt wird Gott gemeint wird, und vielleicht auch umgekehrt. Das Mindeste was sich aus diesem Bekenntnis schliessen la#sst, ist, dass um das Ich zu erkundschaften und zu erleuchten, Gottesbegriff und Gotteserlebnis unentbehrlich sind. Das umgekehrte ist wohl auch der Fall, doch bedu#rfte es eine umsta#ndlichen ausfu#hrlichen Nachforschung um festzustellen in wie weit die beiden Beziehungen, vom Ich zu Gott und von Gott zum Ich tatsa#chlich symmetrische Spiegelbilder von einander sind. .PP (Jetzt aber habe ich dazu keine Zeit, denn ich muss aufbrechen zur NEOS um von meinen Kollegen u#ber Kataraktbehandlung zu ho#ren.) .PP Letzten Endes ist der Ausdruck "Gott" ein Wort, dem, wie anderen Worten, jeder der es benutzt, einen eigenen Sinn zuzulegen berechtigt ist. Darum soll man Meinungsverschiedenheiten die sich u#ber seine Bedeutung ergeben behutsam erwa#gen. Besonders nachsichtig muss man den Atheismus beurteilen. Der Gott des Alten Testaments will namenlos sein, und ich mo#chte behaupten, dass der Mensch welcher Gott verneint ihm damit die gro#sste Ehre erweist. Diejenigen aber welche den Atheismus verurteilen bezeugen ein Urteil u#ber ihren eigenen Unglauben. Denn aus ihrer Erregung wa#re zu schliessen, dass Gottes Existenz menschlicher Bekra#ftigung bedu#rfte. Wer meint, dass die Leugnung Gottes dessen Sein irgendwie zu beeintra#chtigen vermo#chte, der beweist damit, wie wenig er selbst von Gottes Dasein ha#lt. Steht doch schon im Neuen Testament, dass nicht alle die Herr, Herr sagen ins Himmelreich gelangen werden. .PP Als junger Mensch hegt man Vorstellungen von der Welt wie man meinte, dass sie sein sollte. Man nennt sie Ideale. Solche Vorstellungen sind in grossem Masse aus Unkenntnis und Unerfahrung entsprungen. Sie sind Ausdruck eines Unbehagens. Der Mensch ist sich der Unvollkommenheit und Unzula#nglichkeit seines Daseins gewa#rtig und will die Kra#fte welche ihm zur Verfu#gung stehen anstrengen um die erkannten Ma#ngel zu beheben. Indem man a#lter wird, lernt man warum die Welt so ist, wie sie ist, und man lernt auch die Grenzen der Kra#fte welche die Welt vervollkommnen sollten. Indem das Ideal entsprechend unwirklicher und unwirksamer erscheint, entdeckt der Mensch in seinem eigenen Gemu#t, in der eigenen Erfahrung einen Hort des Gu#ltigen, und auf diesem Fund errichtet er seine Welt.