am 12. Dezember 1989 .PP Die Urfrage nach der Priorita#t von Individuum oder Gesellschaft wu#rde ich mit Folgendem beantworten: Objektiv, der Geschichte gema#ss, besteht die Gesellschaft vor dem Einzelnen und bring ihn hervor. Subjektiv aber sind dem Einzelnen seine eigenen Gefu#hle und Gedanken am na#chsten. Er erlebt vor allem sich selbst. Als Kind projiziert er seine Gedanken und Gefu#hle auf seine Umwelt, und er empfindet die Umwelt als Ausdehnung des eigenen Ichs. Das ist die Quelle idealistischer Vorstellungen, mit denen jeder Mensch der Welt begegnet. Nur langsam und mu#hselig lernt er die Gesellschaft erkennen und sich selbst von ihr zu unterscheiden. Anfangs verwechselt er sich mit ihr. Und ebenso wie er an La#nge und Gewicht zunimmt, seine Haut faltig wird, und sein Haar ergraut, so erlernt der Mensch die Unterscheidung zwischen seinem Ich und der Welt, lernt dass die Welt nicht nur kein Teil von ihm ist, sondern dass sie ihn unter Umsta#nden alles andere als gastfreundlich, im gru#ndlichsten Sinne feindselig, umringt. .PP Mit dem Schwinden des Idealismus, mit dem Gewahrwerden der Abgetrenntheit von der Welt, wa#chst die Ahnung der Verlassenheit und Verlorenheit in der Welt, die Ahnung des Todes. Diese Ahnung in seinen Geist aufzunehmen ist die letzte grosse Aufgabe welche dem Menschen entgegensteht. Und wenn er diese gelo#st hat, ist die seelische Arbeit welche das Leben von ihm verlangte vollendet. .PP Die Vermischung des Selbstbewusstseins mit dem Gesellschaftssinns ist ein Ausdruck jugendlicher Lebensfa#higkeit und Lebensfreude. Hingegen ist die Individualisierung des Geistes, die progressive (fortschrittliche) Absonderung des Einzelnen von der Gesellschaft ein Ausdruck des Reifens, des Alterns, und des Sterbens.