am 1. Dezember 1989 .PP Die U#berzeugungskraft des Christentums, wenn ich es recht begreife, wurzelt in seinem Versprechen den Menschen zu erlo#sen von dem was es "Su#nde" nennt. Was aber ist Su#nde? Su#nde ist Gesetzbruch. Gesetze, obgleich sie go#ttlichen Ursprung und Autorita#t fu#r sich beanspruchen, werden dennoch zum mindesten von Menschen, von Richtern, Staatsanwa#ltern, Pharisa#ern gedeutet und durchgefu#hrt. Welchen Ursprung die Gesetze auch immer haben mo#gen, selbst wenn man ihre go#ttliche Quelle anerkennt, die Anwendung, der Gebrauch bleibt zuletzt doch ein menschlicher, und es ist von der menschlichen Anwendung der Gesetze nicht von ihrer go#ttlichen Sanktion dass der Kreuzestod uns befreit. Die tatsa#chliche Erlo#sung ist von der Sklaverei der Gesellschaftsbanden. Das ist die Freiheit des Christenmenschen von der Luther schreibt. Dem Christentum ist es nie gelungen zwischen Su#nde und Gesetzesbruch zu unterscheiden. Die Moral des alten Testaments dehnt die existentielle Wucht der urspru#nglichen zehn Gebote auf unza#hlige bu#reaukratische Regeln aus, Regeln deren Bewahrung urspru#nglich eine Pflicht gegen Gott hatte sein sollen, hinterher aber zu eine Bu#rgerpflicht entarten. So ergab sich die Vorstellung dass Gesetzbruch Su#nde sei. Aber das ist eine irrtu#mliche Voraussetzung welche das Christentum aus dem alten Testament u#bernommen hat. sowie auch die Annahme, dass Gott den Menschen mittels seiner Gesetze regiert. Von der vermeintlichen Su#nde diese Gebote zu verletzen, soll Christus uns erlo#st haben. Tatsa#chlich aber bietet das Christentum die Erlo#sung nicht von go#ttlichen Gesetzen sondern von Gesellschaftsbanden an. So ist keineswegs zufa#llig, dass Christus von den Hohen Priestern verdammt wurde, und dass das Volk war welches das Todesurteil verlangte, denn seine Lehre beabsichtigte die Auflo#sung des Zwanges welche die Gesellschaft auf den Einzelnen ausu#bte. .PP Es liegt aber in dieser Ablehnung der Gesellschaft ein utopische Forderung, letzten Endes undurchfu#hrbar, welche unvermeidlich in neue gesellschaftliche Bindungen umschlagen muss. Zwar gibt die Erscheinung Christi dem Menschen den Schein der Freiheit von Gesetzesbanden, aber seine naturgegebene Abha#ngigkeit von seinen Mitmenschen, von der Gesellschaft vermag sie nicht zu beseitigen. So ist die Folge der "Erlo#sung" eine neue Bindung an eine ekklesiastische Ordnung, vergleichbar mit der welche vermeintlich u#berwunden wurde. Dann ergibt sich die Notwendigkeit einer neuen Befreiung, einer neu Gru#ndung, einer Reformation der Kirche. Und des Einzelnen Beziehung zur organisierten Religion ist unvermeidlich dialektisch. Die Imitatio Christi ist unvermeidlich der Streit mit der Gesellschaft, welche der Nachfolgende dennoch nicht zu entbehren vermag. .PP Das alte Testament beansprucht die Problematik des Menschseins durch den Erlass von Gesetzen und deren Befolgung zu regeln und zu lo#sen. Die Weltordnung spiegelt sich im Gesetz und indem er sich dem Gesetz unterwirft wird der Mensch durch seinen Gehorsam zum Teil dieser Ordnung und wird durch seine Unterwu#rfigkeit erlo#st. Aber die Gesetzesordnung weist viele Ma#ngel auf. .PP Zum ersten, insofern das Gesetz selbst inhaltlich unvollkommen ist. In dialektischer Weise widerruft es sich selbst. Denn das erste grosse Gebot, Ich bin der Herr dein Gott, Du sollst keine anderen Go#tter neben mir haben, la#sst sich umdeuten, Du sollst neben diesem einen Gesetz keine anderen Gesetze haben. Denn die anderen Gesetze bestreiten das erste hohe Gesetz a#hnlich wie die anderen Go#tter den alleinigen Gott. Es mo#chte lauten: Du sollst keine anderen Gesetze neben diesem einen Gesetz haben. Denn andere Gesetze neben diesem hohen Gesetz zu haben, zersetzt das hohe Gesetz eben so wie die Nebengo#tter die Verehrung des einen Gottes ausschliessen. Es ist wahr, dass Moses, als er das hohe Gesetz verku#ndete, in unmittelbarer Folge die neun anderen Nebengesetze kund gab. Man mag in bezug auf die Nebengesetze, zwei Hypothesen vertreten: die erste, dass sie nicht unterschiedbare Nebengesetze sind sondern tatsa#chlich nur Erla#uterung und Erkla#rung des einen Gesetzes. Die andere Hypothese ist, dass mit der Erlassung der Nebengesetze das hohe Gesetz schon widerrufen wurde, oder jedenfalls, dass zu dessen Widerrufung den Anfang gemacht worden war. .PP Es ist nicht notwendig hieru#ber zu entscheiden. Wichtig ist nur die Einsicht, dass das Gottesgesetz keine Nebengesetze ertragen kann, dass es durch Nebengesetze sozusagen verleugnet und aufgehoben wird. Um dies zu erkla#ren, bedarf es einer genaueren Betrachtung des Gottesgesetzes. .PP "Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Go#tter haben neben mir." Dass der Einzelne keine anderen Go#tter haben soll setzt voraus, dass er diesen einen Gott hat. Diesen einen Gott zu besitzen und von ihm besessen zu werden bezeichnet eine eigentliche menschliche Existenz, welche von der gottlosen durch absolut qualitative Unterschiedenheit abzeichnet. Der Mensch der in dieser ausserordentlichen Verbindung zu Gott steht vertritt eine vergleichbar ausserordentliche Beziehung zur Welt. Die Beziehung zur Welt ist untrennbar von der Beziehung zu Gott. Obgleich es widerspru#chlich klingt: die Beziehung zur Welt und die Beziehung zu Gott sind ein und dieselbe, etwa wie die Kehrseiten ein und derselben Mu#nze. Es ist die Durchdringung des geistigen und ko#rperlichen Raumes von dem Ich, von der Subjektivita#t, dieses Frommsein, diese Religiosita#t welche sich nunmehr auf keine andere Gesetzma#ssigkeit als die eigene einla#sst. Andere Gesetze neben dem Einen haben heisst andere Go#tter neben dem Einen haben und hat vergleichbare Folgen. .PP Diese Behauptungen mu#ssen erkla#rt werden. Erkla#rt muss werden, wieso die Beziehung des Menschen zu Gott ein Spiegelbild der Beziehung des Menschen zur Welt ist. Auch muss die Beziehung des Menschen zum Gesetz erla#utert werden, und wieso die anderen Gesetze den Menschen von dem Einen Gesetz ableiten, denn fehlerhafte Vorstellungen von diesen Verha#ltnissen mu#ssen das Versta#ndnis unserer Selbst und unseres Daseins u#berma#ssig erschweren. .PP Es ist die Mode festzustellen, dass wir in einer gottlosen, irreligio#sen Epoche leben, dass die Lehren der Wissenschaften die Lehren der Religion verdra#ngt haben, mit anderen Worten, dass Gott tot sei. Man blickt erschrocken oder sehnsu#chtig je nach seiner Einstellung auf die Vergangenheit zuru#ck und meint dort eine andere geistige Welt zu erkennen. Mir aber scheint die Vergangenheit unerreichbar, und ich bin weit entfernt davon, u#berzeugt zu sein, dass es heutzutage gottloser vor sich geht als einst. Im Gegenteil, der Anspruch Gott erkannt, entdeckt zu haben, und in irgendeiner Weise ihn in Besitz genommen zu haben braucht nur ausgesprochen zu werden um abgeschmackt und la#ppisch zu erscheinen. Das viele Gerede u#ber Gott hinterla#sst einen argen Nachgeschmack, und je mehr man von Gott redet, umso ungreifbarer erscheint er. Mu#helos aber la#sst sich das Wirken und Walten und Leiden des Menschen in der Welt vergegenwa#rtigen. Der Mensch bedarf eines Ausgleiches, ein Gegengewicht, eines archimedischen Standortes, an welchem er befa#higt wird das Schicksal aufzwiegen. Man gebe dem welchen Namen man immer will.