am 29. November 1989 .PP Was heisst Freiheit? In diesen Tagen des Umsturzes in Ost-Europa ist viel Redens davon. Praktisch aber weiss keiner zu sagen was Freiheit ist. Sie scheint eine Sehnsucht nach Unabha#ngigkeit von der Gesellschaft und von anderen Menschen, eine Sehnsucht welche jedoch fast ausschliesslich in der symbolischen Handlung erfu#llt wird. Das denkwu#rdigste Beispiel der Neuzeit ist die deutsch-deutsche Zonengrenze, die zu durchbrechen jahrzehnte lang die to#tliche Leidenschaft so vieler unzufriedener Menschen war. Aus lo#blicher, Aus Unzufriedenheit mit ihrem Dasein wollten sie zu Gunsten einer besseren Existenz aufbrechen. Und diese Unzufriedenheit ist eher lo#blich als dass sie zu tadeln wa#re. .PP Nicht um es zu ru#gen, erwa#hne ich dieses erschu#tternde Beispiel. Doch bedarf ich seiner um an ihm den Widerspruch zwischen des Menschen Sehnsucht nach Freiheit und seiner tatsa#chlichen Gebundenheit aufzuweisen. Man muss sofort erkennen, dass jene Mauer ein Sinnbild der Verarmung und der Bevormundung der ostdeutschen Bevo#lkerung war, und dass durch den Abriss der Mauer allein weder Bevormundung noch Verarmung behoben werden, die Mauerero#ffnung und die darauf folgende Besucherwelle nach Westen Sinnbilder sind fu#r Vera#nderungen die ausgedehnter und tiefgreifender sein mu#ssen. Umgekehrt, erinnere ich mich des trotzigen Liedes von der Freiheit der Gedanken welche keine Einkerkerung zu unterdru#cken vermag. .PP Weder die Freiheit noch die Knechtschaft sind Merkmale des Menschseins, sondern die Unbestimmtheit und Unsicherheit seines Daseins welches vom einem zum anderen schwingt. Die Freiheit na#mlich ist der Ausdruck der Selbststa#ndigkeit des Menschen und seines Selbstbewusstseins. Die Knechtschaft ist die unvermeidliche Folge der Eingliederung in die Gesellschaft, der Abha#ngigkeit von dem Mitmenschen. Es sollte nicht weiterer Erkla#rung bedu#rfen, dass bei diesem Gebrauch des Ausdrucks Knechtschaft die Vorstellung der Herrschaft einbegriffen ist. Denn es gibt keine Knechtschaft ohne Herrschaft, und umgekehrt. Schon oft ist es aber bemerkt worden, wie wenig Unterschied in Beziehung auf Unabha#ngigkeit tatsa#chlich zwischen Herrschaft und Knechtschaft besteht. Dass der Herr an den Knecht nicht weniger gebunden ist als umgekehrt. Worauf ich hinaus will, ist, dass das Freiheitsproblem im Wesen unserer gesellschaftlichen Beziehungen zu einander verwurzelt ist, und dass es durch keine politische Geste zu lo#sen ist. Immer neu bricht es hervor. Keine Gesellschaft ist so frei und offen, dass nicht irgendwelche ihrer Bu#rger zeitweilig ihrer Freiheit beraubt fu#hlen, und auch in dem engsten Gefa#ngnis hegt der Gefangene die Vorstellung der Freiheit. Mit der Feststellung, dass das Freiheitsproblem unlo#sbar ist, mo#chte ich keineswegs die Errungenschaften der Freiheitska#mpfe geringscha#tzen oder abwerten. Aber es ist notwendig zu verstehen warum das Bewusstsein der Freiheit kein sicherer Besitz sein kann, warum sie tagta#glich in Gefahr ist verloren zu gehen und deshalb immer wieder erobert werden muss. Auch ist es wichtig zu verstehen, wie sich das Symbol der Freiheit zur Gegebenheit des menschlichen Daseins verha#lt. Denn wie bedra#ngt und bedru#ckt immer die Menschen in ihrer Unfreiheit auch sein mo#gen, doch selten nur vermo#gen sie zu ergreifen was ihnen fehlt, stattdessen tro#sten sich mit Freiheitsvorstellungen die ihrem ta#glichen Leben ga#nzlich fremd sind. .PP Es liegt eine unscheinbare Beudeutung in der Entziehung der Freiheit, welche heutzutage die bevorzugte Strafmode ausmacht. Einst, als Krankheit und Tod die grossen Quellen der Angst waren, to#tete man die Menschen zur Strafe oder verstu#mmelte sie. In unserer Zeit wird das ganze Land zu einem grossen Gefa#ngnis. Dass man sie heutzutage einsperrt entspricht vielleicht der Tatsache, dass die dicht verwobene Gesellschaftsordnung in welche die Technik den Menschen verstrickt hat, ihn mehr als manches andere bea#ngstigt. Und es wa#re diese ihre eigene Angst vor der Ho#rigkeit mittels derer die Gesellschaft ihre Mitglieder zu ga#ngeln sucht.