am 29. November 1989 .PP Ein Alterswerk, das ist es nun woran ich seit Monaten, vielleicht schon seit Jahren arbeite. Sich seinem Alterswerk widmen, das heisst in geistigem, und auch vielleicht gewissermassen im wirtschaftlichen Sinne sein Testament zu machen, das was vom Leben u#brig geblieben ist zu vergeben, und seine letzten Kra#fte an die Aufgabe setzen mit sich und der Welt in Ordnung zu kommen. Ein Alterswerk ist eine Arbeit welche zu korrigieren oder zu verbessern, man keine Gelegenheit mehr haben wird. Schon ein Mangel an Zeit macht es unvermeidlich, dass das was ich schaffe, ein Alterswerk werden muss. Auch liegt es nicht in meiner Macht meine Fa#higkeiten jetzt, zu dieser spa#ten Lebensstunde, noch irgendwie zu steigern. Mein Ko#nnen bewusst und absichtsvoll zu verbessern hat, glaube ich, noch nie in meiner Macht gelegen. .PP Es fa#llt mir nicht leicht, meine Zeit und meine Kraft auf Schriftstu#cke zu verwenden, von denen ich keine Grund habe anzunehmen, dass sie je von jemandem ausser mir selber, oder vielleicht Klemens, auch nur durchbla#ttert, geschweige denn gelesen werden sollten, und mit denen ich meinen Kindern und Kindeskindern, insofern sie u#berhaupt Notiz davon nehmen, wenig mehr als eine Belastung hinterlasse. Wenn es fu#r meine Bu#cher eine Nachfrage ga#be, ha#tte ich zu dieser Ta#tigkeit einen Ansporn, mo#glicherweise einen ungebu#hrlichen. Aber nur des Ruhmes halber, der Resonanz oder der Anerkennung wegen, in sich hinab zu steigen und sich darzutun, scheint mir unziemlich, jedenfalls im Lichte jener unerbittlichen Aufgabe, am ersten nach dem Reich Gottes zu trachten und nach seiner Gerechtigkeit, denn diese Aufgabe ist, dessen bin ich u#berzeugt, mit dem Beifall der Gesellschaft unvereinbar. .PP Aber dabei muss es dann bleiben, dass ich an der Verwirklichung meines Trachtens arbeite und mich abmu#he, und dass die Frage nach Erfolg ungeho#rig und unerlaubt ist. Ich glaube dass mein Schreiben klarer und mein Denken konsequenter gewesen wa#re, wenn ich mich auf die Ruhmesjagd begeben ha#tte. Ich bin u#berzeugt, dass vieles wenn nicht gar das meiste an Schrift- und Kulturgut das uns u#berliefert ist vom Ehrgeiz gezu#chtet wurde. Es liegt mir fern, meine Zuru#ckhaltung (reticence) vom Kampf um die Ehre als eine Tugend ru#hmen. Mit der Mo#glichkeit, wenn nicht gar Wahrscheinlichkeit, muss ich mich abfinden, dass es sich bei meiner Abkehr vom Welt-historischen weniger um einen gewissensbedingten Beschluss handelt, als dass es dabei um eine halb bewusste Ta#uschung und Verheimlichung meiner mangelhaften Fa#higkeit, wenn nicht gar meiner Faulheit geht. Aber dieser Wu#rfel ist gefallen, und an dem Ergebnis ist nichts mehr zu a#ndern.