am 24. November 1989 .PP Ich habe einen geistigen Standpunkt beschrieben, von dem aus das Erleben und die Erlebenskette als Grundlage nicht nur jeglichen Bewusstseins, sondern auch als Grundlage der Erkenntnis, jedes Wissens erkannt werden. Dieser Gesichtspunkt, dieser Ort des Erkennens, ist aus Gru#nden derer ich mich nicht im klaren bin, unscheinbar und schwer zu erreichen. Und doch glaube ich, ist es der Mu#he wert, ihn aufzusuchen. .PP Die Beschwerlichkeit diese Erkenntniswarte zu erreichen, beruht, wenn ich nicht irre, auf der sich immer wieder aufdra#ngenden Gesellschaftlichkeit menschlichen Denkens und Fu#hlens. Und wie die Zugeho#rigkeit zur Gesellschaft unser Denken und Fu#hlen, unser Weltbild bestimmt, so bestimmt sie auch das Versta#ndnis unserer selbst. Und an das auf diese Art u#berlieferte Versta#ndnis fu#gt sich nun ein weiteres, eine Verscha#rfung und Vertiefung, eine Ausdehnung oder vielleicht eine Steigerung dieses Versta#ndnisses. .PP Das Hindernis welche wie ein Schirm die Erkenntnis verdeckt sind eben gerade jene Theorien welche die Erkenntnis zu erkla#ren beanspruchen. Vor allem der Glaube an die Wissenschaft welcher das Denken beherrscht. Oder bei anderen, der religo#se Glaube, welcher das Leben erkla#rt oder zu erkla#ren beansprucht. Es handelt sich aber dabei nicht so sehr um ausgesprochene, ausgedru#ckte Theorien wie um unscheinbare Urteilskriterien welche die Parallele der Geistesta#tigkeit darstellen. Es ist ja keineswegs der Fall, dass das Geistesleben, ein Begriff indem ich Sehen, Ho#ren, Wahrnehmen, Denken, Urteilen und Handeln zusammenfasse, den Begriffen entspricht, sondern umgekehrt. Es sind die Begriffe, die Theorien, welche als hellerer oder matter Spiegel des Geisteslebens dienen, durch die wir uns diesem Geistesleben anna#hern, durch die allein wir uns von diesem zwar bewussten aber unerkla#rten Geistesleben ein Bild machen ko#nnen. ================= .PP Ich glaube, dass es nur ein verha#ltnisma#ssig kleiner Bruchteil der Menschen ist, deren Denken vom religio#sen im Gegensatz zum wissenschaftlichen Glauben beeinflusst, gestaltet ist. Der Streit, wenn es je einer war, zwischen Religion und Wissenschaft ist la#ngst von der Wissenschaft gewonnen worden, (Ich denke, dass es vielleicht nicht ein Streit zwischen Religion und Wissenschaft war, denn eine wirkliche Religion wu#rde sich mit keiner Wissenschaft in einen Streit einlassen.) und es ist u#berflu#ssig und belanglos ihn noch einmal nachzuziehen zu rekonstruieren. Aber der Sieg der Wissenschaft u#ber die Religion ist keineswegs Beweis fu#r Richtigkeit der Wissenschaft, sondern ho#chstens fu#r die Schwa#che oder Fehlerhaftigkeit der Religion. Was Wissenschaft ist, la#sst sich durch geflissentliches Studium konstruieren. Was Religion ist, andererseits, ist unbestimmter, denn das, was gemeiniglich als Religion gilt mag zwar den Abglanz religio#sen Erlebens tragen, ist jedoch ein Gemisch perso#nlicher und o#ffentlicher Behauptungen. Entscheidend ist, dass an die Wissenschaft geglaubt wird, und es gilt nun noch einmal gru#ndlich zu durchdenken, was diese Union von Wissenschaft und Glaube welche heutzutage das Denken beherrscht, bedeutet. =================== .PP Die Befo#rderung durch die Gesellschaft bringt den Geist weit, sehr weit, aber wie weit auch immer sein Eindringen in die Welt, nie kann die Gesellschaft ihn u#ber die Gesellschaft hinaus. Um diese Grenze zu u#berqueren, bedarf es einer Umwandlung der Denkgewohnheiten, vergleichbar jener die Descartes einst angewiesen hat, als er beschloss sein Vertrauen ausschliesslich auf das von ihm selber Erlebte su beschra#nken. Bei dieser notwendigen Umwandlung des Denkens vom gesellschaftlich U#berlieferten zum Individuellen wird manches Bekannte in Frage gestellt. Mo#glich ist es nur, wenn der Einzelne sich perso#nlich einsetzt, und wenn er bereit ist vieles das ihm vertraut ist, preiszugeben. Zuletzt gelangt er vielleicht zu jenem Standpunkt von dem aus die Kette der Erlebnisse als einzige Erkenntnisbasis erscheint. Und an dieser Stelle, irrt er sich da nicht? Betru#gt er sich da nicht? Verleugnen kann er die Bande nicht mit welchen ihn die Gesellschaft an die Welt knu#pft, aber auch kann er sie nicht als endgu#ltig anerkennen, denn was er selbst sieht und ho#rt und denkt und fu#hlt das alles geht u#ber die Gesellschaft hinaus und scheint manchmal an dem was sie ihm bietet vorbei zu gehen. .PP Am Ende scheint es als diente auch dieses ju#ngst erwa#hnte Erkenntnisproblem eben als noch ein anderer Spiegel in dem die Zwitterhaftigkeit der Existenz zwischen Gemeinschaft und Individualita#t zum Ausdruck kommt, aber keineswegs zur Lo#sung. Diese, die Lo#sung liegt einerseits in der Vereinbarung, in der scho#pferischen Synthese, mit welcher der Einzelne sich mit der U#berlieferung abfindet, andererseits aber in der Freiheit welche die Gesellschaft dem Einzelnen fu#r sein eigenes Erleben einra#umt.