.PP am 27. Oktober 1989 .PP Der Begriff der Freiheit Die Vorstellung von der Freiheit ist ein Spiegel, worin ein Bild des Menschendaseins zu erkennen ist. Das Bild ist unklar und verworren, aber dennoch brauchbar. Freiheit bedeutet in Grunde die Freiheit des Einzelnen, aber man redet auch viel von der Freiheit eines Volkes. Offensichtlich soll man es fu#r mo#gloch halten, dass ein Volk frei wa#re, unter seinen Bu#rgern aber ein Einzelner, oder viele Einzelne, die unfrei sind. Offensichtlich hat das Wort Freiheit zu mindestens zwei verschiedene, oder jedenfalls nicht ga#nzlich u#bereinstimmende Bedeutungen, und obwohl es logisch mo#glich wa#re, eine jede von ihnen unabha#ngig von der anderen zu untersuchen, zum Beispiel, nach dem Sinn der Freiheit eines Volkes zu fragen, ohne die Bedeutung der Freiheit des Einzelnen zu beru#cksichtigen, so scheint es mir, und es ist ein Anschauungsurteil (an intuitive judgment), dass die Freiheit des Einzelnen der urspru#nglichere Begriff ist, und dass wir von der Freiheit eines Volkes, zum Beispiel, uns keine Vorstellung machen ko#nnten, wenn wir nicht voher von Freiheit des Einzelnen einen Begriff gescho#pft ha#tten. Die Verschwommenheit aber der beiden Freiheitsbegriffe ineinander ist ebenfalls ein Widerschein mannigfaltigen Unbestimmtheiten in den Verha#ltnissen vom Einzelnen zur Gesellschaft und umgekehrt. .PP Die vom Einzelnen gespu#rte Freiheit la#sst sich am Anschaulischsten an physikalischen Beispielen erla#utern. Ein Mensch dessen Fuss gefesselt ist, mangelt es an Freiheit zum Gehen. (is not free to walk). Ist aber sein Fuss gela#hmt, statt gebunden zu sein, so ist er in gleicher Weise am Gehen behindert, doch wu#rde man in diesem Falle, die Feststellung, dass er seiner Freiheit beraubt sei, nur in metaphorischem Sinne wagen. Mit diesem Beispiel ist ein wesentlicher Unterschied in der Beurteilung der Behinderung aufgewiesen. Im allegmeinen betrachten wir Beschra#nkungen die uns von der Natur, von Gott, oder von uns selber auferlegt sind nicht als unsere Freiheit beeintra#chtigend, im Gegensatz zu jenen Beschra#nkungen welche uns vom einzelnen oder von der Masse der Mitmenschen auferlegt sind. Ich empfinden mich auch nicht unfrei weil, zum Beispiel, ich unfa#hig bin zu fliegen, oder weil meine ko#rperliche oder geistige Kraft von Natur beschra#nkt ist, aber ich fu#hle mich in meiner Freiheit beeintra#chtigt, wenn ich, zum Beispiel gezwungen werde einen Glauben zu bekennen, gegen den ich mich stra#ube. Wenn meine Zunge durch einen Schlag gela#hmt wa#re, so dass ich kein Wort zur Sprache bringen vermo#chte, wu#rde ich mich dennoch nicht unfrei fu#hlen, wa#hrend doch ein Verbot das nur einem einzigen Worte ga#lte, mich meiner Freiheit beraubte. Was hier betont sein soll, ist dass Freiheit vorerst und vor allem die Freiheit von der Willku#r und vom Willen des anderen Menschen ist. Der Prototyp (das Urbild) der Unfreiheit ist die Sklaverei als jene Gesellschaftsform welche einen Menschen zwingt einem anderen ho#rig zu sein, und das Urbild der Freiheit ist Freiheit von eben dieser Ho#rigkeit. .PP Man gelangt, glaube ich, am unmittelbarsten zum Kern der Freiheitsfrage wenn an einerseits anerkennt, dass die Sklavenbande, so erschreckend und entsetzlich sie uns erscheinen mo#gen, dennnoch in jedem Falle einen spezifischen gesellschaftlichen Nutzen hatten. (had some specific social utility or function.) Und dass andererseits eine vo#llig bindungslose Gesellschaft eine Widerspruch im Ausdruck ist, insofern als die Vorteile welche die Vergesellschaftung dem Menschen bietet, einen unleugbaren Preis haben. Das lose Gerede von der Freiheit verleugnet diesen Preis, diese Kosten der Gesellschaftlichkeit. Man mag, wenn man will, das Ziel der Staatskunst als die Optimisierung im Rahmen einer jeden Gesellschaft, von Freiheit und Verpflichtung betrachten.