In Konnarock am 24. Juni 1989 .PP .na Gestern abend hat Klemens im Trockenkeller aufgerau#mt. Dabei hat er allerlei la#ngst vergessene Korrespondenz gefunden, unter anderem auch Briefe von mir aus meiner Studienzeit und spa#ter aus Belmont, und als ich diese flu#chtig u#berlas, da empfand ich, dass es vielleicht unordentlich wenn nicht gar unehrlich von mir war die Krisenkorrespondenz zwischen Mutti und Papa vom Winter 1938-1939 so kritisch zu deuten, wie ich es getan hatte. Wenn ich meine eigenen Briefe an demselben Massstab von Grosszu#gigkeit, Altruismus, Humor, und Liebe mass, mit dem ich Muttis und Papas Briefe zu beurteilen gewagt hatte, dann wu#rde auch ich mich Stellenweise oder gar Seitenweise zu scha#men haben. Tatsache ist, dass wir das Leben anderer, wie auch das eigene, von einem idealisierenden Gesichtspunkte betrachten welcher durchaus nicht der Wirklichkeit entspricht, welcher trotz seiner Ma#ngel unserer Welt und uns selber dennoch eine eigentu#mliche Wu#rde verleiht. Die kritische Analyse der Lebensumsta#nde zersto#rt dies Wunschbild, ohne welches wir jedoch nicht Leben ko#nnen, mit der Folge, dass wir uns unverzu#glich ein neues Ideal verfertigen. Sich selber, glaube ich, betrachtet der Mensch immer in idealisierter Gestalt. Das kritische Lesen alter Briefe ist oft la#stig, weil es dieses Ideal sto#rt. Denn wenn die Briefe spontan geschrieben sind, also aus dem Bedu#rfnis sich mitzuteilen, und nicht aus dem Vorsatz sich als etwas besonderes darzustellen. Und der Konflikt mit dem Ideal ist ja letzten Endes die Problematik allen Schreibens welches beansprucht wahrhaftig zu sein.