.PP am 6.Mai 1989 .PP Ein paar Tage vor der Feier war wie ein bo#ser Geist ein Rabbiner bei Klemens und Laura erschienen und hatte sich mityleidig daru#ber ausgelassen, wie schwierig es letzten Endes doch sein mu#sste, eine Mischehe zu leben. Tatsa#chlich scheint es mir, dass es Schwierigkeiten in dieser Dimension waren in denen Klemens Bestu#rzung begru#ndet war. Mir scheint es tunlich diese Schwierigkeiten begrifflich auseinanderzusetzten, obgleich es dabei unvermeidlich ist dabei in das innerste und perso#nlichste Erleben auf vielleicht ungeho#rige und unerlaubte Weise einzugreifen. Denn das bedeutet freilich die religio#sen U#berzeugungen der Beteiligten klarzustellen, darzustellen und dergleichen Darstellung ist unvermeidllich eine Beurteilung. In dieser Darstellung aber liegt unvermeidlicher Weise ein Urteil. und vielleicht ein verbotenes. Jedenfalls hatte ich in meiner Depression die Vermutung ausgesprochen, was Laura anbetraf, dass die begriffliche Zusammenfassung ihres Lebens eine Vorstellung vom Judentum sei, welche unvermeidlicherweise mich, und ich fu#rchtete auch ihn ausschliessen mu#sste und das sein Bestreben ihr nahzubleiben ihn am Ende doch in Konflikte verwickeln ko#nnten, welche sein ganzes Leben u#berschatten mo#chten. .PP Denn dieses Volkserlebnis des Exodus, welche die Beziehung zu Gott zur Beziehung zum Volke abwandelt dieser hebra#ische Nationalismus scheint mir die Verloren- und Verlassenheit zu gefa#hrden welche mir die unentbehrliche Grundlage jener Gottbeziehung zu gefa#hrden aus welchem meines Erachtens das Judentum sowohl als das Christentum ihren seelische Bedeutung scho#pfen. .PP So trennt sich das wirkliche Abendmahl, der Seder an dem ein Mensch verstossen wird, weil er Gott statt des Volkes anbetet, von jener abergla#ubischen Abwandlung des Kannibalen bei welcher der Gla#ubige dazu bewogen wird sich mit dem verwandelnden Fleisch und Blut des Gottmenschen zu erna#hren. .PP Es ergiebt sich der bemerkenswerte Schluss, dass nicht nur jeder fromme Christ im Grunde Jude sein muss, weil er keine anderen Go#tter neben dem einzigen anzuerkennen gewillt ist, sondern auch dass jeder fromme Jude "Christ" ist nicht in dem Sinne, dass er den gro#ssten der Propheten als Messias anerkennt, sondern darin dass er in dessen Nachfolge um des Einzigen willen dem Volk die Anbetung versagt. Seines Leben's Wert in der Zugeho#rigkeit zu einem Volke, und sogar einem auserwa#hlten Volke zu erkennen heisst in unerlaubter Weise einem Go#tzen frommen. .PP Nun sagt Klemens, dass obgleich Lauras bewusstes Bestreben sei, sich ihrer ju#dischen "Identita#t" zu sichern, ihre religo#sen Bedu#rfnisse tatsa#chlich durchaus wenig anspruchsvoll seien, und er fragte sich und mich wie und womit man denn die Leere welche diese Vorstellung verbirgt ausfu#llen ko#nnte. Ich habe lange daru#ber nachgedacht, und bin zu dem Beschluss gekommen, dass das Leben seine Erfu#llung aus sich selbst scho#pft, aus der Liebe zu seinem Ehegatten, zu seinen Eltern, zu seinen Kindern, und dass letzten Endes dieser natu#rliche Vorgang durch jeden Versuch einer begrifflichen Erga#nzung gesto#rt wird. .PP Jedenfalls war an meiner Feststellung dass Lauras ganzes Bestreben auf die Gru#ndung einer ju#dischen Existenz fu#r sich und ihre Familie genu#gend wahres, dass Klemens dadurch verwirrt wurde und sich und mir die Frage vorlegte, womit denn dieses Vorbild bei ihr ersetzt werden ko#nnte. Eine Antwort auf diese Frage war mir keineswegs selbstversta#ndlich, doch hat das Nachdenken daru#ber mich zu dem Schluss gefu#hrt, dass es letzten Endes eine Begriffliche Formulierung, auf eine gedankliche Vorstellung keinswegs ankomme, im Gegenteil, dass die Vorstellkungen alle, in denen man sich wiegt, hinfa#llig seien, diese Vorstellung einerseits der Verpflichtung zum Judentum, und andererseits irgendwelche Vorstellungen u#ber ein sinnvolles, sogenannt kultiviertes Leben. Es wa#re tunlich die Vorbilder deren man sich zu diesem Zwecke bedient systematisch zu betrachten und ihre Gemeinsamkeiten so wie auch ihre Verschiedenheiten begrifflich zu erkla#ren und zu la#utern. Was nun den gegebenen Fall anlangt, so scheint es mir wichtig zu erkennen in wie weit dises Ideal tatsa#chlich ein gesellschaftliches ist, ein Ausdruck eines Wunsches einer Elite anzugeho#ren, und in ihr geborgen zu sein. Es ist durchaus vergleichbar mit anderen nationalistischen Vorstellungen, und worauf es ankommt ist in jedem Falle zu erkennen in wie weit das Ideal den tatsa#chlichen Bedu#rfnissen des Einzelnen genu#ge tut. So bin ich zu der Folgerung gekommen dass diese Feier keineswegs ein Gottesdienst war, sondern eine gesellschaftliche Veranstaltung die dazu diente die Zugeho#rigkeit zu einer Elite zu feiern und zu besta#tigen. .PP Ich vermute dass jeder Versuch den Sinn ziel und Zweck des Lebens begrifflich zu besta#tigen und zu verankern notwendigerweise sich als unzula#nglich erweisen wird. Der Grund hiervon ist keineswegs eine Ungenu#gsamkeit der begrifflichen Formulierungen, sondern das intrinsischens Unvermo#gen des Begriffes die Wirklichkeit zu spiegeln oder gar zu erscho#pfen. Damit will ich nicht sagen, dass die Begriffe u#berflu#ssig sind, denn wir haben ja kein anderes Mittel uns zu versta#ndigen. Es is die einzige Ausdrucksform, die einzige Versta#ndnismo#glichkeit die uns gegeben ist. Wenn aber sich diese Begriffe als unzula#nglich erweisen, wenn sie zu Widerspru#chen fu#hren die sich im Rahmen der Begriffe nichtr aufkla#ren lassen, dann freilich is es an der Zeit nach Mo#glichkeit u#ber die Begriffe hinaus zu gehen. Man tut dies nicht dadurch das man in Goethes Ausdruck "Vernunft und Wissenschaft" verachtet, sondern in dialektischer Weise, dadurch dass man dem einen unzula#nglichen Begriff einen anderen, zugestanden auch unzula#nglichen Begriff entgegen zum widersacher setzt, so dass obgleich weder These noch Antithese dem erleben genu#gen, so doch der Gegensatz der beiden, und das Verfahren in dem sie einander aufheben auf das Wirkliche, das Eigentliche als einen sonst unerreichbaren Hintergrund hinzielen und hindeuten. So wie man mit dem Schnitt zwei sich kreuzender Strahlen einen Punkt zu bezeichnen vermag der anderweitig unbeschrieben bleiben mu#sste. .PP Andererseits ist es entweder nichtssagen oder tautologisch darauf hinzuweisen, dass das Leben seinen eigenen Sinn und seine eigenen Werte schafft, und dass es u#berflu#ssig wenn nicht gar to#richt ist diese durch begriffliche Erweiterungen zu besta#tigen oder zu besta#rken. Andererseits aber ist es fo#rderlich sich auf dieses Leben zu besinnen und konzentrieren, seine Hoffnungen, A#ngste und Sorgen durch das Gegebene bestimmen zu lassen.