.PP Es handelte hier, so wollte es mir scheinen, um ein gemeinsames Erlebnis, und ein gemeinsames Schicksal von dem man voraussetzte, dass es die hier versammelten verband. Aber ein perso#nliches Schicksal war es nicht. Das Perso#nliche musste untergehen in der Beziehung zur Gesellschaft. Und wie es mir schien, war dieses, die Beziehung des einzelnen zu dieser Gesellschaft das einzig Schicksalhafte welches zu bestimmen, zu regulieren, festzusetzen und zu erzwingen der eigentliche Inhalt dieser Feier war. Wennman sich das Verha#ltnis verdeutlicht, wenn man sich zum Beispiel vostellt, dass hier eine Gruppe von Flu#chtlingen aus einem Konzentrationslager sich zur Dankesfeier fu#r ihre Befreiung zusammengefunden ha#tten, oder eine Gruppe sagen wir einem Schiffbruch entkomener und u#berlebender, (survivors), wird sofort klar, wie sehr das Schicksal des Leidens und der erretung durchaus ein eigenes sein muss. Doch hier ist das Schicksal entpersonalisiert worden, und muss nun, wenn no#tig durch Zwang, dem Einzelnen eingeflo#sst werden. Und dies ist die Bedeutung der Beschreibung der vier So#hne, denen die Wahrung dieser Tradition als Pflicht auferlegt worden ist, Es ist hier ein markender Unterschied zwischen der christlichen Religion und der ju#dischen erkennen, denn die Strafe fu#r das vergehen bei den Juden ist implicite die Ausstossung (expulsion) aus der Gemeinschaft, wa#hrend eine solche Strafe im Christentum sinnlos wa#re, weil der Christ von seiner Gesellschaft schon durch sein Christentum ausgestossen ist, und als einzelner vor seinem Gott steht. Die Strafe im Judentum ist die Verbannung vor den Menschen, die Strafe im Christentum ist die Verbannung vor Gott, bildlich dargestellt, die Ho#lle. .PP Indem ich nun dies Erlebnis u#berdachte, wurde es mir sofort klar, dass wo das perso#nliche individuelle Erlebnis zu Gott fehlt, muss die Religion eine grundsa#tzlich andere werden. .PP Ich kann es mir vorstellen, obgleich ich es nie erlebt habe, das ein kommunales Gotteserlebnis einen vergleichbaren Sinn haben ko#nnte. Die Frage ist, wie ist es mo#glich dass eine Gesellschaft, ein Volk, im Gegensatz zum Einzelnen, ein frommes Verha#ltnis zu Gott unterha#lt. Dies wa#re mo#glich nur wo ein Volk bei weitem mehr homogen und weit enger gebunden ist als wir sie kennen oder als uns ertra#glich wa#re. Im gegebenen Falle aber war die Feier an der wir Teil genommen hatten, nicht Anbetung des Go#ttlichen, sondern Anbetung des Vo#lkischen, des ju#disch seins, und als solche auch dem Verbot des Go#tzendienstes, keines anderen Go#tter neben mir zu haben, welches Moses vom heiligen Berge dem Volke darbrachte, denn da heisst es ja ausdru#cklich, Ich bin der Herr dein Gott, nicht ich bin der Herr Euer Gott. Und es heisst auch du nicht ihr solst keine anderen Go#tter neben mir haben. Vorausgesetztnun dass diese U#bersetzung gilt, mo#chte man daraus schliessen dass es sich um eine Individualisierung des Gotteslebnisses, des religio#sen Erlebnisses handelt. und dass dadurch die Beziehung des Volkes zu seinem Gott in die Beziehungen der Einzelnen aufgelo#st worden ist, und dass dies die radikale Verwandlung der Religion ist, welche Moses geschaffen hat oder welche durch ihn geschaffen worden ist. In diesem Falle, wa#re die Feier der vo#lkischen Beziehung zu Gott im Seder in Ru#ckfall in ein fru#heres Erlebnisstdium. .PP Es isrt also, glaube ich kein Zufall, und man darf ihm dementsprechend wesentlich Bedeutung zusprechen, dass die Gru#ndung des Christentums als Abwandlung der alten Religion gerade am Abendmahl, von der Feier des gemeinsamen Schicksals seinen Ausgang nimmt. Und in diesem Sinne eine erstaunliche Parallele zwischen der Gottbeziehung Christi und Moses erscheint, denn sie beide Moses und Christus um tausende von Jahren von einander getrennt, zerbrachen das kommunale religio#se Erleben und schufen eine direkte wunderbare beziehung zu Gott. Moses durchbrach es als unmittelbarer Empfa#nger der go#ttlichen Gesetze, Und der Gehorsam gegen diese Gesetze sollte das Band sein, welches den Einzelnen an die Gottheit knu#pft. Der Ungehorsam gegen diese Gebote wu#rde nicht eine Vorwa#rtsirren des Einzelnen sein, sondern sein Ru#ckfall in die Anspru#che und Umsta#nde der alten Gesellschaft. Man betrachte wie die Gesellschaft dann, im bestreben ihre Gewalt u#ber den einzelnen wieder herzustellen, die direkte unmittelbare Beziehung des Einzelnen zu Gott durch eine Fu#lle ritueller Bestimmungen erga#nzt und zuletzt ersetzt hat. Forderung welche letztlich keinen Inhalt und keinen Sinn haben anders als den einzelnen an die Gesellschaft zu binden und ihn ihr zu unterwerfen.. Es ist also keine Gesetzlichkeit in welcher der Einzelne sein Gottesverha#ltnis wiederzufinden vermag, welche durch die christliche Lehre ersetzt wurde, und die Fro#mmigkeit als Einzelner Gott zu gehorchen wurde durch die Lehre Christi u#berhaupt erst einmal wiederhergestellt. nachdem sie durch dir spirituelle Bureaukratie unmo#glich gemacht worden war. So auch der Sinn der Worte Christi er sei gekommen nicht das Gesetz zu zersto#ren sondern es zu erfu#llen. Der Ritus ist recht eigentlich eine Korruption des Gesetzes, indem es dem Gesetz unnatu#rliche, unwirkliche Bedeutung zumisst. Der Weg zu Gott ist ein ausscheiden aus der Gesellschaft, im Falle Moses bedeutete es den Weg in die Einsamkeit auf den hohen Berg, wo er Gott allein begegnete, bei Christus war es die Ablehnung auf Seiten des Volkes, und besonders jenes bewusste u#berelgte Abwendung von den anderen welche in der Sederszene des Neuen Testaments, am Abendmahl so dramatisch vorfu#hrt. Da ward wiederum die atavistische Ru#ckkehr zum Volksglauben gefordert, und dieser sollte nunmehr u#berwunden werden. Die Zelebration des Volksbewusstseins, der Befreiung von den A#gyptern, wurde nun die Befreiung des Einzelnen vom Volke selbst ersetzt, und somit die unmittelbare Beziehung zu Gott hergestellt. Der Mensch wird nicht vom Gesetz Gottes, sondern vom gesetz der Menschen befreit. Nicht von dem Gesetz dass ihn an Gott bindet, denn davon darf er keine Befreiung, sondern von der Korruption des Gesetzes durch die Menschen. .PP Ich glaube es ist unmo#glich, das Abendmahl zu verstehen ausser als Aufhebung der kommunalen Religion. Die von denen er Abschied nahm representierten ihm die bindende Gesellschaft. Eine Abkehr von der kommunalen Religion in welcher das Volk sich selbst statt seines Gottes anbetete. Es war eine Ru#ckkehr zu Gott. Es sollte eine Ru#ckkehr zu einer echteren Gottesbeziehung bedeuten. .PP Fast mo#chte man sagen, die rechte Art das Abendmahl zu begehen wa#re statt des abergla#ubigen Schluckens von Brot und Wein und den verru#ckten Behauptungen der Transsubstantiation, als Gesellschaftsmitglied noch einmal zu erleben, und aus dieser Verwirrung des Gesellschaftlichen einen Weg zum eigenen Gott zu suchen. Dies wu#rde unvermeidlich durch eine Absage, durch einen Abschied, ein ich werde von nun an nicht mehr geschehen mu#ssen, durch eine Abwendung von der Gesellschaft zu gunsten des eigenen Gotteserlebnisses geschehen. .PP Auf den Sederabend den ich beschrieben habe folgte bei mir eine Stimmung von Tru#bsinn, eine Depression, welche zwar weder so lang noch so schwer sich entfaltete wie vor anterthalb Jahren, aber um so bemerkenswerter war als Klemens von ihr mitgerissen wurde, und seinerseits in heftige Aufregung und Verzweiflung fiel. Ich bin mir nicht daru#ber im klaren, in wie fern die Erlebnisses jenes Sederabends die Ursache meiner Traurigkeit waren, in wiefern das auslo#sende Moment, oder in wiefern nur zufa#llige Gleichzeitigkeit mit ihm hatte. Wochenlang na#mlich hatte ich angestrengt gearbeitet, war durch verschiedene unerwartete Anspru#che auf mich aus der gewohnten Routine geraten, und wa#re wohl auch ohyne jene bedenklichen Feierlichkeiten in meinen Tru#bsinn verfallen. Tatsache aber ist, dass mich Bedeutung und Symbolik der Feier stark bescha#ftigte, dass ich mich dem unbeteiligten der in der Feier aufgefu#hrten So#hne vergleichen musste, und wiederkennen musste, und dass ich mich entsprechend aus der Tradition aus der grossen Linie, von der meine Tante einst gesprochen hatte, von dem Gesellschafts und Volksbewusstsein das hier gefeiert wurde und das letztlich das einzige war das dort gefiert wurde, ausgeschlossen und abgestossen fu#hlte. .PP Klemens, der einerseits meine Skepsis und meine Fro#mmigkeit teilte, der aber andrerseits durch Familienverpflichtungen von seiten Lauras zu einer Beteiligung zu der ich mich nicht u#berwinden konnte gezwungen schien. Tatsache ist dass ich mich befremdet und in dieser Geseelschaft nicht aufgenommen oder gar von ihr aus und abgestossen fu#hlte, und meine Reaktion war der schlichte Wunsch mich zuru#ckzuziehen, allen u#berflu#ssigen Grundbesitz zu verkaufen, und nach Konnarock zu ziehen um Mutti bis an ihr Ende zu pflegen. Bei Klemens schien die Ohnmacht in die ich geraten war eine Art Panik auszulo#sen, in welcher die Synthese welche sein eigenes Leben ausmachte sich aufzulo#sen schien. Ich muss es mit einiger Bescha#mung bekennen, dass seine Betroffenheit mich aus meiner eigenen Versto#rtheit befreite, so dass ich mich angesichts seiner Not mein eigener Gemu#tszustand sich besserte, und dass die Konflikte welche mir unlo#sbar erschienen waren, die objektive Gestalt dialektischer Verha#ltnisse anzunehmen begannen. die zu betrachten, zu verstehen, und letztlich zu akzpetieren mir einer erlo#sende Aufgabe schien. .PP Die Verarbeitung dieser Erlebnisse wurde am Freitag Abend durch eine Reihe von Telephonanrufen aus Readfield unterbrochen. Alex berichtete, dass Margarets Mutter eine Schlaganfall erlitten hatte, und kurz darauf telephonierte er ein zweites mal um uns von ihrem Tode zu unterrichten. Die alte Frau war eine Woche lang von zweien ihrer Grossso#hne betreut gewesen. Alex und Winnie waren auf Reisen gewesen, waren soeben zuru#ckgekehrt und man besah sich die Kleinigkeiten welche sie von ihrer Fahrt mitgebracht hatten, und alle schienen gesund und zufrieden, als plo#tzlich der sterbenden Grossmutter die Augen starr wurden, sie eine linksseite La#hmung aufwies, und einem tiefen Schlaf verfiel aus dem sie nicht erwachte. Binnen einer Stunde war sie gestorben. .PP Klemens, Laura und Rebekah waren zu uns gekommen. Wir hatten Rebekah geherzt, hatten nachdem unsere Tra#nen versiegt waren, etwa eine halbe Stunde wortlos zusammen im Wohnzimmer gesessen, unfa#hig unseren Gedanken oder Gefu#hlen Ausdruck zu verleihen. Bedru#ckt von dieser Sprachlosigkeit, von dieser Ohnmacht uns zu versta#ndigen, um eine weitere Dimension versto#rt, war ich dem Hause entflohen, anders wohin, wo immer auch, war ich nach Cambridge gefahren, ziellos, dann wieder zuru#ck, und als ich durch die Hintertu#r in die Ku#che trat, begru#sste mich Margaret mit der Nachricht von ihrer Mutter Tod.