am 30 April 1989 .PP Auf gestriger Fahrt von Belmont nach Grantville bei Harrisburg habe ich folgendes diktiert. .PP Vor zehn Tagen, am Mittwoch vor eine Woche, es war der 19. April, waren wir bei Lauras Eltern zum Seder, zum Paschafest eingelagen. Es war eine Einladung, die schon seit mehreren Jahren jedenfalls seitdem Klemens und Laura verheiratet sind, allja#hrlich an uns ergangen war. Bis jetzt hatten wir sie, aus der unsicheren und unbestimmten U#berzeugung dass diese Feier, von der ich kaum etwas wusste, mich in gesellschaftliche Beziehungen verwickeln wu#rde, denen ich nicht gewachsen wa#re, jedes mal dankend abgelehnt. Was mich dieses Jahr bewog, die Einladung anzunehmen, vermag ich nicht festzustellen, mag sein der Wunsch eine engere Beziehung zu Laura zu knu#pfen, oder der Wunsch eine Veranstaltung zu deren Teilnahme Klemens sich verpflichtet fu#hlte auch als eine Verpflichtung meinerseits anzuerkennen, und ihn in der Erfu#llung seiner Pflicht nicht allein zu lassen. Auch was ihn und seine angeheiratete Familie anlangte, meinerseits der Wunsch, nicht mehr von einem Bega#ngnis ausgeschlossen zu sein welches fu#r die anderen Mitglieder der Familie so offensichtlich grosse Bedeutung hatte. .PP Dem entsprechend fanden Margaret und ich uns zur festgesetzten Stunde bei Lauras Eltern ein, wo nebst den beiden alten, zwei So#hne, und Klemens und Laura und eine Schwester Vincents zugegen waren, so wie auch der alte Familienfreund Allen Sandler mit seiner ju#ngst angeheirateten Frau. Auf Margarets Nachfrage hatte Laura uns versichert, dass elegante Kleidung nicht erwartet wu#rde, und demgema#ss erschienen wir in der Aufmachung in der wir eben die Praxis verlassen hatten, ohne Festtagskleidung, wie das ja dann in meinem Falle auch ga#nzlich unmo#glich gewesen wa#re. .PP Ich weiss es nicht mehr, ob es Phyllis, oder ob Vincent selbst es war, der uns in das kleine, mit Mo#beln u#berfu#llte Wohnzimmer einlud. Dort schauten wir uns die neuesten Photographieen von Rebekah an, und verplauderten die wenigen Minuten eh das Essen bereit war. Es dauerte aber nicht lange, bis wir ins Esszimmer entboten wurden. wo ein sorgfa#ltig und geschmackvoll gedeckter Tisch bereitet war, mit blendender Decke bezogen, und mit gla#nzendem Silber besteckt. Eine gepflegte Tafel die meines Vaters Approbation bekommen ha#tte. Mein Platz war an der linken Seite Vincents, und an der rechten von Allen Sandlers neugeheirateter Frau. Die erste Frau war ihm, wie auch der Sohn, durch ein erschu#tterndes Schicksal entrissen worden. .PP Zu meiner rechten also sass Vincent, fast mo#chte ich sagen, dass er dort thronte, denn seine Erscheinung wie sein Betragen besassen in meinen Augen etwas quasi Ko#nigliches, was ich mo#glicherweise mit dem Patriarchischen, das er vielleicht sogar bewusst vortrug, verwechselte. An seiner rechten Schla#fe tra#gt er die ausgedehnte Wunde, als Zeugnis seines Sieges u#ber die Krankheit, und vielleicht auch u#ber die A#rzte. Links neben mir, die schlanke, dunkelbelockte Frau von unbestimmtem Alter, die so mutig an die Stelle der Verlorenen getreten war. Ihr schra#g gegenu#ber, rechts neben Vincent, sass Allen Sandler selbst, mit seiner unvera#nderlichen vom Schicksal scheinbar unantastbaren freundlich gutmu#tigen Miene, welche mich irgendwie an das La#cheln Till Eulenspiegels erinnert, wie er sich auf dem Rand des Brunnens auf dem Ba#ckerklint in Braunschweig mit seinen Eulen und Meerkatzen unterha#lt. Wie der Hofnarr sass er am Tische, zu der rechten Seite des Ko#nigs, den er mit seinen freundlichen Witzeleien unterhielt. Durch ihn vom Vater getrennt, sassen die beiden a#lteren So#hne des Hauses beide in reifem Mannesalter, beide noch unverheiratet, und mit lustlos steifen Geba#rden erfu#llten sie ihre Familienpflicht. Neben ihnen sass eine alternde unverheiratete Schwester Vincents. Am entlegenen Ende des Tisches, sass Phyllis, Lauras Mutter, mit Laura an ihrer Rechten, und Margaret an ihrer linken Seite. An Lauras rechter Seite wiederum, und links von Frau Sandler sass Klemens, und somit war die Tafelrunde vollendet. .PP Vincent ero#ffnete die Feierlichkeiten mit einer knappen Erla#uterung u#ber die bevorstehenden U#bungen, so etwa wie der Leiter eines Gesellschaftsspiels welches nur alle Jahr einmal begangen wird, die Spielregeln den vergesslichen Mitspielern ins Geda#chtnis ruft. Vom Standpunkt meiner lutherisch- reformierten Voreingenommenheiten weiss ich nicht ob ich die Feier als Gottesdienst bezeichnen sollte, denn sie enthielt weder Gebet nocht Beichte noch Segen. Eine Erinnerung an die fernste Vergangenheit wollte es sein, und die Gebundenheit mit der Ferne jenseits der Zeit sollte durch ein gemeinsames Mahl symbolisch gefeiert und bezeugt werden. Da war die Rippe des Osterlamms, das Ei, dessen Bedeutung mir Entgangen ist, der Rettich dessen Bitterkeit an die a#gyptische Sklaverei mahnen sollte, und das Kraut als Sinnbild des Manna der Wu#ste. .PP Die ganze Abhandlung wurde nach den Anweisungen einer Haggadah abgewickelt, welche grosszu#gig als Reklame, oder jedenfalls als "promotional material" von einer Kaffeefabrik, von welcher weiss ich nicht mehr, gespendet worden war und aus ihr begann Vincent zu lesen mit dem ihm eigenen etwas ironisch gefa#rbten, geda#mpften Eifer, wie einer eine Anweisung zu einem Spiel, einen Text zu einer kleinen Auffu#hrung, in der er sich ungenu#gend bewandert und vorbereitet fu#hlt, abliest, weil er weder seinem Geda#chtnis noch seiner Erfahrung traut. .PP Die uralte Tradition, U#berlieferung, welche dieser Feier zu Grunde liegt, war entstellt von der modernen Plattheit welche lediglich bestrebt ist, die Geschichte dem gro#sstmo#glichsten Publikum zuga#nglich zu machen, eine Art Reklame welche grundsa#tzlich jeden Zweifel, alle Unbestimmtheit, jede Meinungsverschiedenheit zu Gunsten einer lu#ckenlosen Eindeutigkeit und Unanimita#t verhu#llt. .PP Ich habe, indem ich dies schreibe, kein Exemplar dieses Heftleins zu Hand, sonst wu#rde ich, ohne Kommentar, den Text sich selbst erkla#ren lassen. Dieser bediente sich einer vereinfachten, unimaginativen farblosen Sprache, welche denn letzten endes auch zu der Seichigkeit der Vorstellungen passte. Daneben das Hebra#ische, die geheimnisvolle runenhafte Sprache, von der ich selber nicht einmal die Buchstaben zu erkennen vermochte, welche ungebraucht, vielleicht sogar unbrauchbar, als gezwungen, la#cherlich, und frivol wirkte. Einer der So#hne, so wie auch Klemens, muteten sich zu einen hebra#ischen Text vorzulesen. Ich befu#rchte, die Beziehung zum Wort war ein Spiegel der Beziehung zum Glauben selbst. Denn die Sprache ist etwas das mit dem Menschen wa#chst, das er nicht anzutun vermag wie er ein Fastnachtskostu#m anlegt, und ist sie ihm nicht von Kindheit zugegeben, so muss er jahrelang um sie werben und um sie leiden eh er sie auch nur in beschra#nktem Masse sein eigen nennen darf. Wieviele Bilder, und Vorstellungen, wie manche Sorgen und Hoffnungen, Schmerzen und Freuden, wieviele Gedankenga#nge mu#ssen nicht mit ihr durchsucht und durchlaufen werden, eh es ihr gelingt das eigene Erleben in das Erleben der Gesellschaft einzuflechten, und eh er sie in mehr als oberfla#chlichem Sinne sein eigen zu nennen vermag. .PP Ich hege keinen Zweifel, dass wenn ein Mensch sein Leben lang sich dem Studium des Hebra#ischen widmete, wenn es seine Muttersprache wa#re, oder wenn er sich schulte in ihm fu#r seine Gefu#hle und Gedanken Ausdruck zu finden, dass sie ihm dann nicht weniger freundlich und verheissend, sorgend und bergend als jede andere Sprache, und vielleicht in noch ho#herem Masse als die meisten dienen ko#nnte. Aber zu solcher Vertrautheit bestand bei keinem der an diesem Seder beteiligten die Vorbedingung. .PP Anderfalls aber verleitet der Gebrauch einer fremden Sprache ins La#cherliche. Ich besinne mich auf einen Kollegen der bei jeder Gelegenheit, passend oder unpassend, einige deutsche Worte oder Phrasen zum Besten gab, dessen Versta#ndnis aber vo#llig versagte, sobald man ihm eine Antwort gab, so einfach und sachlich sie auch sein mochte. .PP Die Sprache bezeichnet die Beziehung, das Versta#ndnis des Einzelnen von der Welt, sie ist der Ausdruck seines eigenen inwendigen Erlebens, ist aber auch wo sie versteht und verstanden wird das Band welches den Menschen an seine Mitmenschen knu#pft. .PP Ich habe keinen Grund zu vermuten, dass das Hebra#ische diese wesentlichen Funktionen nicht ebenso gut, vielleicht sogar besser als andere Sprachen erfu#llen kann, aber ich vermute, dass der vorliegende Gebrauch der Sprache diesen Anspru#chen und Bedu#rfnissen nicht genu#gen kann, dass es vielleicht gu#nstigstens ein Ausdruck von Sehnsucht war, zuletzt nichts war als Ziererei, als Affektation der Seele, eine Spielerei, eine Badinage mit dem Fremden und Obskuren. In diesem Urteil mag ich mich irren. .PP Am befremdendsten empfand ich ein hebra#isches Lied, ich glaube es war ein Lobgesang, dessen Worte und Sinn mir entgingen. Da war nichts von der majesta#tischen Verehrung welche aus der katholischen Tradition in die protestantische aufgenommen worden ist. Eher war es ein Reigen, ein Tanz ein Lobgesang auf das diesseitige statt auf das jenseitige Leben. Mit mehr oder weniger Begeisterung sangen die anderen mit als mahnte er sie an die Freuden vergangener Zeiten, mit demgleichen Elan mit dem unsereiner Studentenlieder singt. .PP Als er das kleine Brevier des Kaffeeproduzenten zu Ende gelesen hatte, erkla#rte Vincent mit offensichtlicher Erleichterung, als ha#tte er eine schwierige und nicht vollkommen angenehme Ta#tigkeit beendet, "Und nun kommt das Beste, das Essen." Sein Ausspruch erinnerte mich an die so oft zitierten Worte meines Grossvaters, das Beste an der ju#dischen Religion sei das Essen, und ich fragte mich ob er dies Urteil einst in O#rlinghausen, bei Gelegenheit des Seders gefa#llt hatte. .PP Es war auch, in der Tat, hervorragend, mit viel Liebe und Sorgfalt vorbereitet worden. Man ass mit Hingebung, und wa#hrend des Essens war die so eindringlich ins Geda#chtnis gerufene Flucht aus A#gypten schon wieder vergessen. Man sprach u#ber Politik, u#ber die Verwandlung der Medizin, u#ber den Sport und seine Helden. Als der Nachtisch gegessen worden war, und man sich noch plaudernd u#ber dises und jenes unterhielt, nickte ich Margaret zu, wir sagten unseren Gastgebern und Tischgenossen ein herzliches Aufwiedersehen und gingen nach Hause. .PP Noch lange hallte mir im Gemu#t das Gleichnis von den drei So#hnen, und die Verurteilung und Verweisung jenes der die Geschichte nicht so ernst nahm. Wer von uns, so musste ich mich fragen, war denn dieser unfromme und ungetreue Sohn. War es ich, der sich dem geistigen Zwang widersetzte. Waren es die anderen, in dem Falle dass fu#r sie die Feierlichkeiten nur ein Vorwand zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung geworden waren. Vertraut war ich weder mit der Sprache noch mit der Melodie des Liedes, noch mit der Symbolik, und fu#hlte mich entsprechend vereinsamt, als wa#re ich, oder wu#rde ich aus dieser Gemeinschaft ausgestossen. .PP Die Schmerzhaftigkeit dieser Erkenntnis lag gerade darin, dass mir die Familie von jeher Zuflucht vor der feindlich zersto#rerischen Welt gewesen war. Der ganze Lebensweg war mir ein Weg nach Hause. Und nun wu#rde, durch Lauras Bestehen auf ihr Zugeho#rigkeit zu dieser fremden Familie, die eigene Geborgenheit in Frage gestellt. Ich empfand dass alle diese Menschen durch etwas verbunden waren, das ich nicht teilte, und durch das ich ausgeschlossen war.