.PP am 7. September 1988 .PP .fi .na Bei der Erga#nzung, gestern und heute morgen, meiner Erkla#rung des Ko#nigs in Thule, erkannte ich auf einmal, was mich, la#ngst, eigentlich seit meiner Bekanntschaft mit Karl Vietor, seit meiner Studienzeit bescha#ftigt hat, na#mlich das Wesen der Literaturwissenschaft, ihre geistig-seelischen und gesellschaftlichen Ausmasse. .PP Zu Beginn muss gesagt sein, dass der Begriff Literaturwissenschaft sehr verschiedene Arbeitmethoden umfasst. Am Grunde, so scheint es mir, sollte Literaturwissenschaft Hermeneutik sein, das systematische Verstehen und Erkla#ren des Geschriebenen, Philologie im eigentlichen und urspru#nglichen Sinne dieses Wortes. Der hochtrabende Ausdruck Literaturwissenschaft deutet darauf hin dass diese schlichte und anspruchslose Ta#tigkeit den gesellschaftlichen Anspru#chen nicht immer genu#gt hat, oder dass die miteinander wetteifernden Professoren eindrucksvollere Anspru#che stellten als schlicht und einfach das Geschriebene zu erkla#ren. Aber zu versuchen die verschiedenen pseudowissenschaftlichen Unternehmen zu entwirren, von ihren Urhebern und Praktikern fast nie gru#ndlich begriffen, welche sich seit der Universita#tsbetrieb anschwellt als Literaturwissenschaft ausgegeben haben, wa#re ein unerspriessliches Herumsto#ckeln an einem unlo#sbaren Kna#ul. So anspruchlos es auch sein mag, die Erkla#rung des Schrifttums ist die grosse, das Leben erfu#llende Aufgabe der Philologie, It is an end, and a reward in itself which can not be replaced by other techniques however sophisticated or recondite they may be. .PP Disagreement arises from divergent answers to a basic question, namely, what it means that a literary text should be self-evident, if ever this can be the case. Misunderstanding may arise if one assumes that the writing and reading of a text was strictly comparable to the transmission and reception of an electronic signal, and thus subject to analysis by techniques of information theory. All that is required here is to note that such an assumption is not warranted and should not be made. Literature is indeed in some way a transmission of information, but that information is more encompassing than the information contemplated in electronic engineering, and what is required to reconcile the two is not that literature be explained in terms of data theory but that data theory be explained in terms of literature. 1) .FS 1) That no such explanations have been or are likely to be forthcoming, the specialization of contemporary culture makes them irrelevant. .FE .PP The point at which the analysis should begin is the fact that a text cannot be self-explanatory to the reader who is ignorant of the language. The corollary, that a text is self-explanatory to the degree that the reader is conversant with the language is true, provided that one accepts a definition of language as open and unbounded intellectual and spiritual experience which is never complete, which is always susceptible to expansion and enlargement. The understanding and interpretation of a text draws upon experience outside of the realm of language. That is the process by which experience becomes explicit and language is expanded. Therefore, whenever one teaches literature, one unavoidably teaches language as well. The two are inseparable. .PP Wenn ich nun aber u#ber mein eigenes Leben zuru#ckblicke, mich an jenen Scheideweg zuru#ckversetze wo es galt mir den Beruf zu wa#hlen, 2) .FS 2) Karl Vietor sagte mir einmal es ga#be nur zwei wichtige Entscheidungen im Leben, den zu einem Beruf, und den zu einer Frau, und er gab mir den Eindruck, dass er die erste der beiden fu#r wichtiger hielt. .FE so sehe ich sehr klar, dass es mir ums erste daran gelegen war, so gut wie ich konnte meinen Geist zu erweitern, dass mir eigentlich nichts ferner lag, als mich zu einem Dienste zu verdingen, der mir zwar Ehre und Geld verschaffen wu#rde wa#hrend die Bedu#rfnisse welche mir am dringensten waren, unbefriedigt blieben. U#ber meine Liebelei mit Mathematik und Physik will ich spa#ter Rechenschaft ablegen. Nachdem ich der Wortkunst der Philosophen und der Dichter begegnet war, hatte ich fu#r jene kein Auge mehr. .PP Das Versprechen einer Vervollsta#ndigung meines Selbst welches mir die Dichtung anzubieten schien, liess mir keine Wahl. Die Frage die mir noch offen blieb war nicht ob, sondern in welcher Weise, ich eine Beziehung zu ihr unterhalten sollte. Die naive, direkte, augenfa#llige Antwort schien, dass wenn die Dichtung, und in diesen Begriff soll, was man Philosophie nennt, mit eingeschlossen sein, mir so vielsprechend war, dass ich selbst Dichter werden sollte, werden mu#sste. Selbstversta#ndlich erkannte ich sofort, dass der Dichterberuf keine Karierre bietet, wie die des Anwalts oder des Arztes, dass Zeitungsannoncen, etwas "Dichter gesucht" oder "Philosoph dringend beno#tigt", schlechthin nicht erscheinen, dass Ku#nstler sein, wie Thomas Mann so wiederholt betont hat, etwas nicht vollkommen ansta#ndiges ist, ganz bestimmt keine Beta#tigung mit der ein redlicher Mann sein Brot verdient. Und wenn nicht Dichter, so sagte ich zu mir selber, dann das na#chst beste, dann Philologe, ein Gelehrter in der Dichtung, ein Professor. .PP Als ich aber diesen mich anlockenden Beruf na#her bedachte, meinte ich zu erkennen, dass Literaturprofessoren sich nur ab und zu, und genau gesehen, nur aussnahmsweise, mit Themen befassen du#rfen so wie sie mir am Herzen lagen. Sie sollen Grammatik und Vokabular einpauken. Sie sollen sich in spitzfindigen Wortklauberein hervortun, aber sie sollen sich hu#ten, mit Leidenschaft eine Vorstellung der Welt die sie fu#r sich entdeckt haben ihren Schu#lern mitzuteilen. Mein Urteil, glaube ich, war korrekt. Ich denke, dies ist eine Folge der Eigenart unserer Zeit, zu deren weiterer Analyse mir Sachkenntnisse fehlen, weswegen ich mich von weiteren diesbezu#glichen Ausfu#hrungen entschuldige. .PP Was ich heute zu erkennen meinte, und was ich damals u#bersah, ist die Tatsache, dass die Sehnsucht nach Vervollkommnung, der Wunsch zu all dem zu werden was man sein kann, eine naturgegebene, eingeborene Neigung ist, welche bei jedem Menschen mehr oder weniger zum Ausdruck kommt, in gro#sserem oder geringerem Masse Ausdruck findet, wenn nur die Gelegenheit dazu ihm nicht verbaut wird. So ist also die Aufgabe und die Gelegenheit (opportunity) fu#r Ausu#bung der Lehrta#tigkeit von selbst gegeben. Vielleicht wa#re es also mit der Literaturlehrbahn etwas geworden. Aber es ist ebenso wohl, dass ich mich nicht auf diese Mo#glichkeit verlassen habe.