.PP am 8. August 1988 .PP Ich habe angefangen wieder ein mal die Politeia, oder wie immer man es auf deutsch bezeichnet, des Aristoteles zu lesen, beeindruckt vorerst von der Einsicht, mit wie wenig Versta#ndnis ich bisher dafu#r aufgebracht habe. .PP Den Satz dass das Leben nicht Poiesis sondern Praxis sei, finde ich u#beraus hebra#isch, denn Poiesis als das herstellen von Gegensta#nden fu#hrt, wenn den Gegensta#nden Wert zugemessen wird, zum Go#tzendienst. wa#hrend die Praxis, welche keinem Ziel ausser seiner selbst dient, dem Gottesdienst nahe kommt, insofern jedenfalls als die auf sich selbst geziehlte, in sich selbst gekehrte Handlung, ein Lob des Daseins, der reinen Existenz wird, und wie wa#re denn Lob Gottes, oder Gottesdienst besser zu bezeichnen? .PP Aristoteles beschreibt die Bedeutung der Gesellschaft im Menschendasein, wie mir scheint, mit grosser Tapferkeit. Denn wir neigen dazu diese unbedingte Abha#ngigkeit zu Gunsten unserer vermeinten Unabha#ngigkeit und Freiheit unabla#ssig zu leugnen. Und doch, das einzige Mass von Freiheit dessen wir u#berhaupt fa#hig sind entsteht durch die Mo#glichkeit diese Abha#ngigkeit, der alle Menschen unterworfen sind, zu unserem eigenen Vorteil, und leider zu deren Nachteil, auszunu#tzen. .PP Mein Verha#tnis zu Mutti in ihrer schweren Krankheit scheint mir eine Zusammenfassung meiner lebensla#nglichen Beziehung zu ihr, jedenfalls seit ich erwachsen bin. Ich habe unendlich viel von ihr und aus meiner Beziehung zu ihr wie auch zu Papa, gelernt, und daru#ber hinaus gelernt, was das Lernen ist: Verwandlung ohne Schuld, und damit Vergebung fu#r alles Vergangene.