.PP am 7.Mai 1988 .PP .na Eine traumhafte Verworrenheit beschattete die vergangenen Tage, besonders den gestrigen. Ich will versuchen, so gut ich kann, sie zu beschreiben. Als erstes der Zusammenbruch des Computerprogramms. Das raffinierte Instrument, von unscheinbaren Ursachen aus den gewohnten Gleisen geraten, versagte mir, so dass ich, wa#hrend ich die Notizen u#ber meine Patienten mit dem Bleistift machte, die Maschine neu mit den no#tigen Programmen abzuspeisen versuchte. Fast wa#re es mir gelungen seinen Betrieb wiederherzustellen, aber dann fehlten mir doch zwei kurze Registraturen die ich fast noch aus dem Geda#chtnis, wiederherzustellen ko#nnen meinte. Doch es gelang mir nicht. Aber dann konnte ich sie doch nicht mehr zusammen kriegen. So musste ich mich gedulden, bis ich den letzten Patienten verarztet hatte eh ich nach Belmont fahren konnte um das beno#tigte Programm zu holen. .PP Fu#r den Abend hatten wir Billets fu#r eine Auffu#hrung der H-Moll Messe besorgt. Klemens hatte darum gebeten, war aber am Tage zuvor an einer grippeartigen Krankheit angefallen worden, und blieb mit Laura zu Hause. So fuhren Margaret und ich allein, mit der Untergrundbahn und Strassenbahn, und trotz eines etwas verspa#teten Fortgangs erreichten wir Jordan Hall etwa zehn Minuten vor Anfang des Auffu#hrung. Ich nahm die Gelegenheit war an den steilen steinernen Stufen welche den Aufgang zum Konzertsaal bilden Klemens und Lauras Eintrittsscheine zu verkaufen. Dann liessen Margaret und ich uns mit dem Andrang durch die Sperre schieben und fanden in der ersten Reihe des Balkons, direkt oberhalb der Bu#hne, unsere Pla#tze. Hinter uns sassen die beiden Herren, denen ich die u#berza#hligen Eintrittskarten verkauft hatte. .PP Schon die Anmerkungen welche dem Text beigegen waren, machten mich stutzig. "This music so overwhelmingly absorbs and inspires that we can easily lose sight of the fact that it, in addition to being many, many other things, is, simply put, .ul crazy.... In short, much of this music, like the Credo I and II, and the Confiteor is borderline comprehensible. The music is, again and again, crazy for the uncompromising, single-minded stands it takes." .PP Der diese Erla#uterung verfasst hatte war der Dirigent selber, und die Unbeholfenheit des schriftlichen Ausdrucks, das ru#hrende Bekenntnis des Nichtbegreifens wurde dann auch in der tatsa#chlichen Auffu#hrung aufs schmerzhafteste besta#tigt. Ich kann mich nicht besinnen, dass mich je eine musikalische Auffassung derart entta#uscht, betru#bt und gequa#lt hat. Sie war ein Ausbund von Seichtigkeit und Eitelkeit, von Selbstzufriedenheit und Stumpfsinn gegen die so offenkundige Botschaft der Musik. Und ich empfand wie die Menschen um mich herum von Bewunderung beta#ubt waren. Von dem was ich in der Musik zu erkennen meinte, hatte sie keine Ahnung, und wa#hrend ich da sass und verglich wie die Musik meines Sinnes nach vorgetragen werden sollte, und wie sie tatsa#chlich erklang, ereilten mich Augenblicke wo ich mich einsamer und verlassener fu#hlte als seit langem. Denn wenn irgendwo betrachte ich diese Musik als mein Zuhause, welches mir durch die Versta#ndnislosighkeit der Auffu#hrung verunsichert wurde. Sie liess darauf schliessen, dass ich auch hier mir von keinem unabha#ngig bleibenden bestehenden Trost und Schutz und Heimat versprechen konnte, und dass auch diese vermeintliche Geborgenheit sich als ein Ausdruck meiner Phantasie ergab. .PP Ich kann mich der Vorstellung nicht entwinden, dass das Kyrie eleison des Eingangschores ein Flehen um Erbarmen an einen ma#chtigen Herrscher darstellt, dessen Macht und Strenge die Eigenschaften eines irdischen Machthabers darstellen, und ich muss es gestehen, dass es mich immer verstimmt hat, dass die Kirche die Gesellschafts- und Regierungsformen der Menschen nachmachen sollte, und ich frage mich ob es denn tatsa#chlich notwendig ist, Jehovah zu einem ungezu#gelten Monarchen ausarten zu lassen. Ich sehe in der Verwirklichung (actualization) religio#ser Erlebnisse die Reflexion gesellschaftlicher Einrichtungen, und was die Tyrannei, was den Despotismus anlangt, so wird er durch seine Einverleibung in die Religionslehre mir nur noch unannehmbarer als sie es ohnehin schon waren. Ich kann mir vorstellen, dass eine Vielzahl von Menschen welche den gegebenen Ausdruck von seinem Inhalt nicht zu unterscheiden vermochten, sich dadurch die gebotene Religion haben versauern lassen. Das ist kein Unglu#ck, denn ich denke, insofern ein Mensch Besorgnisse hat welche religio#sen Trosts bedu#rfen, wird er sich schon auf eigene Art sein religio#ses Erlebnis zu gestalten wissen, aber insofern ihm dergleiche Besorgnisse fremd sind, mag es u#berhaupt besser sein, wenn er die religio#se Forschung anderen u#berla#sst. .PP Was nun mich anlangt, so vermag ich mich mit dem Gnadenflehen zu einem furchtbaren Herrscher nicht abzufinden. Das Pathos des Kyrie Eleison ist mir versta#ndlich und annehmbar als Spiegel des du#steren Schicksals welches den Menschen ohne seine Schuld, ohne sein Zutun, heimsucht. Und der Trostlosigkeit dieses Schicksals in Gefu#hlen Gedanken, Begriffen, Worten, und Liedern Ausdruck zu geben, ist eine Befreiungsu#bung, welche den Menschen befa#higt sich mit seinem Schicksal abzufinden, mit ihm Frieden zu schliessen. Eine Entsagung, eine fromme Bereitung zum Tode, ein demu#tiges und am Ende glu#ckliches sich fu#gen in Gottes Willen. .PP Ich bemerke, dass im Kyrie Eleison das Flehen des Einzelnen mit dem seiner Mitmenschen verschmilzt, und somit auf ein gemeinsames Schicksal deutet. Damit ist die Unterscheidung zwischen dem gemeinsamen und dem einzelnen Schicksal aufgeworfen. In wiefern muss man mit einem einzelnen, und inwiefern mit einem gemeinsamen Schicksal rechnen? Die protestantische Theologie und durch sie die Liturgie Bachs ist ga#nzlich auf eine perso#nliche (one to one) Beziehung zu Gott eingestellt. "Gott mit mir und ich mit Gott", so heisst es in Kantate 52 soll sich der Einzelne gegen die Gemeinschaft wenden, gegen die "falsche Welt" der kein Vertrauen gebu#hrt. Und nun, an dieser Stelle, wo der Messentext ein gemeinsames Gnadeflehen an den ma#chtigen Herrscher bestimmt, da verwandelt die Musik das Gesuch um Gnade in eine elegische Darstellung des Menschenschicksals, welches in der Tat uns alle gleich befa#llt, aus welchem wir als Einzelne von Gott erlo#st werden. Der Messetext gebietet hier nichts als ein Flehen um Gnade, und bietet keine Gelegenheit fu#r eine Darstellung der Gewa#hrung des Flehens. Dem frommen Protestanten verleidet dieser Text jegliche Bekra#ftigung der Gottesbeziehung und bietet Gelegenheit fu#r ein Klagelied welches in der Diesseitigkeit der Erlebniswelt die es schildert dem grossen Eingangschor der Mattha#uspassion durchaus vergleichbar ist. .PP Ich glaube es ist erlaubt, das Kyrie Eleison als eine Art Theodizee auszulegen, eine Beschreibung des Menschendaseins in Angesicht des Schicksals, dessen Ha#rte und Unerbittlichkeit durch kein Flehen verwandelt werden kann. Ich ho#re es als Behauptung des Menschseins trotz jener Unerbittlichkeit. .PP Anders das Christe eleison. Hier bestimmt der Messetext wiederum ein Flehen um Gnade, welches sich in ritueller Formalita#t an Christus wendet. Aber hier durchbricht die Lebhaftigkeit von Bachs Christuserlebnis die gebotene Form das kommunalen Flehens. Es lo#st sich auf in zwei Frauenstimmen, welche kontrapunktal gegeneinander ausgespielt, als ko#nne nur eine von ihnen die Gnade des geliebten Jesu gewinnen, und so mit einander um Za#rtlichkeit und Innigkeit eifernd. Nicht Sklavinnen sind es die ihren Herren besingen, sondern es sind die To#chter Zions der Mattha#uspassion welche ihren Heiland um Gnade flehen, um ihm, jede als einzelne, ihr Herz zu schenken. .PP Am Gloria in Excelsis wird es schon bei den ersten Takten offenbar dass die Ehre Gottes die hier besungen wird Ausdruck in der Musik bekommt, in solchen Masse, dass die Musik die Ehre wird, und dass das Go#ttliche aufgeht in dieser Ehre. Im ersten Teil des Stu#ckes ist der Nachdruck auf das "in excelsis". Im Himmel ist die Ehre, und die Musik ist eine Darstellung himmlischer Herrlichkeit. Mit den Worten "et in terra" wandelt sich die Szene zur Erde. Sanft und demu#tig beginnt das Gebet, Friede auf Erden. Mit jeder Wiederholung schwellt es an, bis es in seiner Erhabenheit dem himmlischen Jubel gleich wird, so als ob hier bedeutet werden sollte, dass der Friede ein Himmelreich auf Erden mit sich bringt, oder jedenfalls mit sich bringen kann. .PP Im Laudamus te schwankt das katholische Gemeinschaftslob wieder ins perso#nlich Protestantische. Der Text lautet "wir", aber eine einzige Altstimme tra#gt ihn vor, als sei an dieser Stelle jedenfalls das Lobpreisen die Aufgabe des Einzelnen, und wie ein Seelenspiegel erwidert die Violine den Sinn der Worte.