.PP am 26. Ma#rz 1988 .PP .na Es ist neun Uhr morgens. Mutti scha#ft. Ich weiss nicht ob ich schreiben soll noch oder schon, denn sie schla#ft oft den ganzen Tag. Und Wachens- und Schlafenszeit sind fu#r sie nicht mehr streng unterschieden. Auch ist ein geringer Unterschied zwischen ihrem Schlafen und Wachen. So liegt sie im Halbschlummer ihn ihrem von Urin getra#nkten Bett und dessen su#ssliches Aroma nun das Haus durchstro#mt und nicht mehr zu leugnen ist. .PP Ich weiss nicht ob es besser ist sie jetzt zu wecken, sie zu waschen und ihr Bett zu sa#ubern, eine Anstrengung unsererseits, welche bei ihr nur Wehleid und Klage, und vielleicht auch hin und wieder wahre Schmerzen auslo#st, oder sie schlafen zu lassen bis sie von selbst erwacht, und uns erst dann ihrer Toilette anzunehmen. .PP Klemens und Laura sehen vor im Fru#hsommer ein paar Tage hier zu verbringen, und wir besprechen uns telephonisch ob es gu#nstig wa#re unsere Besuche zusammenzulegen, oder tunlicher sie separat zu veranstalten. Was mich anlangt, so bin ich jedes mal seelisch, oder sollte ich bescheidener sagen, gefu#hlsma#ssig, von dem Leiden, von den so sichtbaren - und riechbaren - Grenzen des Menschenschicksals u#berwa#ltigt. Es ist als ob ich hier eine Zonengrenze patrouillierte, irgendwie vergleichbar mit jener die das Werratal durchzieht, nur dies die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Gesundheit und unheilbarer Krankheit, und meine Mutter deren Aufgabe es ist sich durch dieses Grenzgebiet mu#hsam durchzuplagen, beginnt wegen diese Leidens heldenhaft und heilig zu erscheinen. Aber vielleicht sollte ich ihr Bett frisch beziehen, statt u#ber ihre Lage zu philosophieren. .PP Gestern abend bla#tterte ich ein paar Minuten in einem Buch von Peter Bamm mit dem anspruchvollen Titel "Am Rande der Scho#pfung." Meinte am Vorabend eineige einsichtige und klare Zeichnungen darin erkannt zu haben, aber dies mal, wie ich auch bla#tterte, fand ich nichts, das mich begeisterte. Ich trank dann zwei kleine Liko#rgla#sschen von dem Cognac Hennessy den Margrit fu#r Mutti mitgebracht hatte, setzte mich ein paar Minuten in den luxioro#s bequemen Liegesessel den Jeane in Muttis Na#hzimmer gestellt hat und besah mir fu#r eine kurze Zeit eine Fernsehprogramm, eine sogenannte Talkshow, die ich aber nur eine kleine Weile ertragen musste, bis ich mich durch ein entschlossenes Drehen des kleinen unscheinbaren Schaltknopfes von ihr verabschiedete. .PP Dann ging ich ins Bett. Ich habe nicht gut geschlafen. Ein Mastdarmkrampf weckte mich in mitten der Nacht, und hernach schlief ich ein paar ruhelose Stunden, bis ich gegen acht Uhr in hellem Morgenlichte erwachte. Jetzt sitze ich hier am Computer auf der Porch, vor mir, hinter dem alten Rhododendronbusch der sich zu knospen bereitet, der alte Hund, Strolch, mit seiner grossen Hernie die ihm auf fast unansta#ndige Weise zwischen den Hinterbeinen hervorquillt, die ihn aber nicht mehr sto#rt, wenn sie ihn je gesto#rt hat, und die er vermutlich, wenn ich ihn recht verstehe, als Teil seines Hundewesens akzeptiert. .PP Ich vermute, dass ein Widerspruch darin liegt, sich anzumassen die Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis, moralischer Handlung und gesellschaftlicher Ordnung zu beschreiben, wenn man von vornherein voraussetzt, dass eine Grundlagenhierarchie widersinnlich ist. Jeder logische Zusammenhang bedarf eines Ausgangspunktes, bedarf also bestimmbarer Voraussetzungen, und diese im Denken (indispensable) unentbehrlichen Voraussetzungen spielen in der Praxis eine weit geringere Rolle als man ihnen zusprechen mo#chte, oder gar keine. Man muss also, um eine logische Untersuchung u#berhaupt durchfu#hren zu ko#nnen annehmen dass zwischen der logischen Priorita#t und der praktischen Priorita#t unterschieden werden kann, und dass es durchaus sinnvoll ist sich auf eine logische Priorita#t zu verlassen ohne dass diese ins Praktische hinu#berreichen mu#sste oder gar du#rfte. Und dies, wenn ich mir dies Urteil anmasse, besonders ohne die einschla#gigen Stellen noch einmal durchzuarbeiten, mag der Fehler des Aristoteles oder jedenfalls seiner Ausleger gewesen sein. .PP Jeder Versuch das Erkennen zu begreifen muss auf die Gegebenheit des Empfindens, der Wahrnehmung, der Sprache, des Sehvermo#gens und des Begriffsvermo#gens voraussetzen. Diese sind gegeben, nicht anders als die anatomische und psychologische Beschaffenheit des Menschen. Sie bedu#rfen weder, noch erlauben sie, eine Reduktion, eine analytische Ru#ckfu#hrung auf primitivere Bestandteile. So ist es zum Beispiel unergiebig, das Sehen dadurch erkla#ren zu wollen, dass man die Anatomie des Auges, oder seine Physiologie studiert. Sondern eben dadurch, dass man sich im Sehen u#bt, dass man sich alle Phasen dieses Erlebnisses immer und immer wieder vergegenwa#rtigt. Unergiebig ist es auch das Denken durch chemische, physikalische, biologische oder mathematische Untersuchungen zu erla#utern, es sei denn dass diese Bemu#hungen, da sie selbst denken darstellen, unsere Denkfa#higkeit erweitern. Vergleichbar ist dies mit der U#bung im Sehen welche ich oben vorschlug, wobei es auf die U#bung im Wahrnehmen ankam, nicht auf den gesehenen Gegenstand. Und wenn die Physiologie oder die Psychologie in ihren verschiedenen Abteilungen uns Aufschlu#sse u#ber das Denken gibt, so geschieht dies insofern diese Beta#tigungen selbst Denkta#tigkeit darstellen, und die Fertigkeit im Denken steigern oder den Rahmen des Denkens erweitern. .PP So uneintra#glich es einerseits ist, das Sehen, die Begriffssetzung, das Sprachvermo#gen wissenschaftlicher Analyse zu unterziehen, so sinnvoll ist es andererseits sich die Beschaffenheiten dieses Vorganges zu vergegenwa#rtigen, und zu verstehen, wie es kommt, dass der Horizont zu einer Linie wird, wie sich des Himmels Dunst zu gegensta#ndlichen Wolken verdichtet, wie der Wald welcher aus der Ferne als einheitlicher Gegenstand erscheint, wenn wir uns ihm na#hern aus Ba#umen und Stra#uchern zu bestehen scheint, deren jeder wiederum sich uns als separat bestehendes Objekt gibt, und diese wiederum aus Sta#mmen, A#sten, Zweigen, Blu#ten, Bla#ttern und Fru#chten, deren jedes seine objektive Identita#t beansprucht. Dann zu beobachten und zu begreifen wie jeder dieser in einander u#bergreifenden (overlapping) Gegensta#nde durch spezifische Begriffe, durch seinen eigenen Namen vertreten wird. Die Begriffe ermo#glichen es dem Einzelnen auch in Abwesenheit der Sinneseindru#cke, Vorstellungen von Gegensta#nden zu erwecken und zu na#hren, und im Geiste mit den Vorstellungen umzugehen als wa#ren diese tatsa#chlich die Gegensta#nde welche sie vertreten. .PP Die Sprache, die gesprochene und die geschriebene, erlaubt es dem Einzelnen seine Begriffe, seine Gedanken, geistigen Erlebnisse anderen mitzuteilen. So bildet sich ein Gewebe geistigen Erlebens, und wenn dieses in geho#riger Weise systematisiert ist, nennen wir es Wissenschaft.