.PP am 6. Ma#rz 1988 .PP .na Heute ist ein heller, sonniger wolkenloser Vorfru#hlingssonntag. In der vergangenen Nacht war ich unruhig gewesen, hatte schlecht geschlafen, weiss nicht warum, vielleicht wegen der mit Computerreparieren vertanen Zeit, vielleicht weil ich kein Werk unter den Ha#nden habe, keine Aufgabe die meine Kraft und Sorge in Anspruch nimmt. Dies ist der Fall, weil meine Tage zu sehr mit meiner medizinischen Praxis, mit den kleinen Aufgaben des Alltags, mit mit Bezahlen von Rechnungen und Ausarbeiten von Steuererkla#rungen, Muttis sowohl wie meiner eigenen, vergehen. .PP Schon um fu#nf Uhr wachte ich auf, fu#hlte mich unausgeruht, erscho#pft, wa#hnte mich weiteren Schlafes bedu#rftig, machte Anstrengungen wieder einzuschlafen. Dies gelang mir dann auch, und in meinem erzwungenen Schlummer tra#umte ich einen wundersamen Traum, den ich, eh er sich verflu#chtigt, zu berichten versuchen will. .PP Wie am vergangenen Montag war ich beim Gericht, ich weiss nicht in welcher Rolle, auch diesmal als Geschworenenkandidat, jedenfalls nicht Kla#ger und nicht Angeklagter, auch nicht als Richter, als Sachversta#ndiger vielleicht, oder als Anwalt, doch keineswegs nur als Zuschauer, jedenfalls an der Verhandlung irgendwie beteiligt. Und als diese beschlossen war, und ich mich zum Heimgang bereitete, erklang hinter mir die Stimme einer Frau, und noch eh ich sie erblickt hatte, fesselten mich ihre Worte. Fu#hlst du noch immer fu#r mich wie einst? So fragte sie, und augenblicklich erschu#tterte mich die Unpassenheit ihrer Sprache, denn hier in den Kanzleien wo Gerechtigkeit oder was sich dafu#r ausgibt, waltet, sind Liebe, Mitleid, Freude oder Kummer Fehl am Platze. Hier ist Gefu#hl, ist Leidenschaft der unverzeihbare Fehler, und die ha#rtesten Strafen treffen den der sie sich gestattet. .PP Ich drehte mich und sie stand dicht vor mir. Ihre Na#he bescha#mte mich, denn obgleich ich es gewohnt bin im Aufzug, zum Beispiel, oder in der Untergrundbahn, mich in engster Na#he oft mit sehr ha#sslichen, aber hin und wieder auch sehr anmutigen Gestalten zu befinden, so bewirkt doch die erzwungene Na#he eine umso weitere seelische Distanz. Doch jetzt fiel unerwartet die ko#rperliche mit der seelischen Na#he zusammen, so dass ich mich dieser Na#he zugleich a#ngstigte und scha#mte. Auch scha#mte ich mich ihrer Worte, denn obgleich sie aus ihrem, nicht aus meinem Munde erklungen waren, erkannte ich mich fu#r ihre Worte verantwortlich. .PP Fu#hlst du noch immer fu#r mich wie einst? Nicht sie wiederholte die Frage, sondern die Frage wiederholte sich selbst, denn statt zu verhallen, wurde sie klarer und dringlicher. Die Frau welche vor mir stand und welche mir diesen unzweideutigen Antrag auf Liebe gestellt hatte, war, so scha#tzte ich, etwa vierzig Jahre alt, oder etwas daru#ber, und ihre Blu#tezeit war dahin. Sie blickte mich aus blau-grauen, von Mu#digkeit beschatteten Augen an. Ihr Gesicht war ein gefa#lliges Oval. Die blonden Haare waren in anmutigem Bogen tief an der Schla#fe glatt zuru#ckgeka#mmt und waren am Hinterkopf in einen breiten Knoten gesammelt. Ihr Gesicht besagte Klugheit, ein Wissen wie es in der Welt vor sich geht, und die Traurigkeit und Resignation die sich aus diesem Wissen ergeben. .PP Fu#hlst du noch immer fu#r mich wie einst? hatte sie mit einer Stimme gefragt deren Echo mir jetzt erklang, sachlich aber nicht unmelodisch. Sie hatte ohne U#bergang, ohne Einfu#hrung gefragt, ohne sich auch nur vorzustellen, als ob es ihr selbstversta#ndlich wa#re, dass ich sie erkannte. Aber ich erkannte sie nicht. Nur wusste ich in diesem Augenblick, dass sie nicht war was sie sein wollte, und dass sie sich durch ihre Frage verwandeln wollte oder allenfalls dass sie erwartete durch meine Antwort verwandelt zu werden. Erkennen tat ich sie zwar nicht, aber sofort wusste ich wer sie war. Sie war meine verflossene Geliebte, und zugleich war sie die Frau welche Klage gegen den Geburtshelfer erhoben hatte, und sie war auch die Frau welche sich u#ber den jungen Gescha#ftsleiter wegen Notzucht bei der Polizei beklagt hatte. Und nun folgt sie mir, verfolgt mich, redete mich u#ber meine Schulter an und fragte mich ohne Einfu#hrung ob ich sie noch liebe. .nf .sp ... Vielleicht seh' ich in langer Zeit, Diotima! dich hier. Aber verblutet ist Dann das Sehnen und friedlich Gleich den Seeligen, fremd sind wir, .fi .na Wenn sie so fragt, kann, ihrerseits jedenfalls, das Sehnen doch noch nicht ganz verblutet sein, aber es war ja einst meine Sehnsucht, mein Suchen, mein Geist, und wenn ich auch scha#me es zu bekennen, meine Liebe welche die Beziehung belebte. Ich vermute, dass ihr mehr daran gelegen ist, Liebe in Empfang zu nehmen, als sie zu verschenken. .PP Ich weiss nicht, wie ich ihr antworten soll. Die Frage verneinen kann ich nicht, wenn nur der Unvera#nderlichkeit wegen die ich allem Erleben zuzusprechen mich geno#tigt wa#hne. Nenne es Treue, nenne es was du willst. Genausowenig aber kann ich die Frage bejahen, denn ich bin nun um fu#nfundzwanzig Jahre a#lter, und die Liebe eines achtundfu#nfzig Jahre alten Mannes unterscheidet sich von der eines dreiunddreissigja#hrigen. .PP Anstelle der Antwort u#ber die ich nicht verfu#ge, lade ich sie ins Restaurant zu einer Tasse Kaffee ein. Dort sitzen wir an einem kleinen Tischchen einander gegenu#ber, und ich habe nun erst Gelegenheit ihr ins Gesicht zu blicken, und sehe dahinter die Narben welche das Leben ihr verabreicht hat, vor denen sie meine Liebe hatte schu#tzen wollen. Und ich weiss, dass ein Zusammensein eines neuen Ansatzes bedu#rfte dessen sie unfa#hig, wenn nicht auch unwillig wa#re, und deshalb, und weil ich erwache, bleibt mir die Antwort auf ihre Frage eru#brigt.