am 4. Juli 1987 .PP Wir sind aus Konnarock zuru#ck, in zwei Tagen haben wir dir lange und doch unbeschwerliche Fahrt hinter uns getan. Vorgestern abend fuhren wir in platzendem Regen bis an ein kleines Dorf, dessen Name mir schon entgangen ist, su#dlich von Hazleton. Da u#bernachteten wir in einem kleinen muffigen nicht u#berma#ssig sauberen Motel. Tatsa#chlich war es Teil eines kleinen Ressorts, mit Tennispla#tzen und o#ffentlichem Schwimmbassin. Dort bewohnten wir ein fast fensterloses Zimmer, dass im Erdgeschoss des Badehauses gelegen war. Des morgens, kurz nach sieben Uhr, waren wir schon wieder unterwegs, u#ber Hazleton, Scranton, Newburgh, Hartford, nach Hause. .PP Jeane, als ich gestern abend mit ihr sprach, berichtete dass Mutti scheinbar von unserer Abreise unberu#hrt war. Als wir uns trennten, schlief sie. Es hatte keinen Zweck sie zu wecken. Meine Erkla#rung unserer Abfahrt ha#tte sie doch nicht verstanden, Sie hatte mich in den vorhergehenden Tagen nur selten erkannt, mit matter Entsagung hatte sie meinen Namen genannt, als ka#me es auf den Namen garnicht mehr an. Meist sprach sie deutsch, zuweilen mit ausgewa#hlten, wohlklingenden Worten, aber es war offensichtlich, dass diese nur Bruchstu#cke der einstigen Geistigkeit waren, welche, indem sie wie die Versilberung am grossen Nordseebilde uber dem Sofa, abbla#ttert, die Verga#nglichkeit des Geistes umso eindru#cklicher ausstellt. .PP Sie hatte aufgeho#rt nach den abwesenden zu fragen. Nach Margrit versuchte sie mehrere mal sich zu erkundigen. Sie rief nach Papa, "Paps", wie sie ihn nannte, und ein einziges mal erwa#nte sie Hans-Georgs Namen. Mich nannte sie vielmals "Paul", und keiner von uns wusste, wer in ihrem Leben, den Namen Paul getragen hatte. Vielleicht war es der Vorgesetzte an der Bank, von dem sie uns nur unter dem Namen, "Herr Gierke" erza#hlt hatte. .PP Am dringlichsten fragte Mutti, wie zuvor, nach Grossmutter, ihrer Grossmutter, welche Mutti aufgezogen hatte, und welche nach Grossvaters Tod mit meinen Eltern wohnte und nach kurzem Leiden im Krankenhaus starb. Was will Mutti jetzt von ihrer Grossmutter. Wie ist es mit dem Freudschen Unterbewusstsein in einer Krankheit wie Muttis? Wird es wie das Erkenntnisvermo#gen, wie das Geda#chtnis, wie die Urteilskraft zersto#rt, oder ist es gegen die Angriffe dieser Krankheit gefeit, wie ein Granit, dessen Gestalt man erst erkennt, wenn der u#berlagernde Sand fortgespu#lt ist? Kann sich dies Unterbewusstsein den Bedu#rfnissen, den No#ten des Patienten entsprechend wandeln? Sollten diese Sterbensbitten, die Grossmutter zu sprechen, mit denen sie sich jetzt bescha#ftigt, mehr sein als das ohnma#chtige Gesprudel (sputtering) eines sterbenden Gehirns? .PP Wenn ich mich mir selber nun, in fu#nfzehn oder fu#nfundzwanzig Jahren, in Muttis jetzige Lage versetze, wenn ich dann auf dem Sterbebette liege, und, wie es in der Kantate heisst, der Tod ans Bette tritt, ist es nicht anzunehmen, dass ich dann versuchen wu#rde, geistig mit dem Sterben zu ringen, und um es besser zu verstehen, um mich darauf vorzubereiten, mich mit ihm auseinanderzusetzen, (siehe oben), und wa#re es dann nicht na#chstliegend, dass ich meine verstorbenen Eltern vergegenwa#rtigte damit ich sie um die letzte teuerste Lehre ba#te, und mich vorbereitete mich im Tode mit ihnen wieder zu vereinen. Sie, die mir vorangegangen sind, denen zu folgen nun meine Pflicht und meine Freude ist. Vielleicht ist es dies, was Mutti jetzt bei ihrer Grossmutter, sucht.